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Perlen der Kreml-Propaganda Lawrow will Fake News entlarven – und landet totale Blamage

Sergej Lawrow vertritt beim G20-Gipfel seinen Chef Wladimir Putin – und sorgt für peinliche Bilder 
Sergej Lawrow vertritt beim G20-Gipfel seinen Chef Wladimir Putin – und sorgt für peinliche Bilder 
© Russian Foreign Ministry Press Service/TASS/stern / Imago Images
Für Sergej Lawrow hat seine Reise zum G20-Gipfel auf Bali mit einem kurzen Krankenhausaufenthalt begonnen. Das russische Außenministerium beeilte sich, diese Nachricht zu widerlegen – und enthüllte dabei viel mehr als gewollt. 

Aus Angst vor peinlichen Bildern blieb Wladimir Putin dem G20-Gipfel fern. Zu groß das Risiko, dass die anderen Staatsführer den Kreml-Chef auflaufen lassen. Zu groß das Risiko, dass Aufnahmen um die Welt gehen, die zum viel gehegten Image eines genialen Geo-Strategen nicht passen wollen. Statt Putin reiste also sein Außenminister Sergej Lawrow zum Gipfel – und sorgte für peinliche Bilder.

Am Montag meldete die Nachrichtenagentur The Associated Press (AP), Lawrow sei nach seiner Ankunft auf Bali in ein Krankenhaus gebracht worden. Drei Quellen der indonesischen Regierung bestätigten, dass der russische Minister auf der Insel behandelt werde. Zwei dieser Quellen gaben als Grund Herzprobleme an und sagten aus, der Minister sei in das Sanglah-Krankenhaus in der Provinzhauptstadt Denpasar gebracht worden.

Der Gouverneur von Bali bestätigte den Vorfall. Lawrow sei "für eine Gesundheitsuntersuchung" in das Sanglah-Krankenhaus, das größte der Insel, gebracht worden. "Er verließ das Krankenhaus nach einer kurzen Untersuchung und befindet sich in gutem Gesundheitszustand", teilte der Gouverneur schließlich mit.

Lawrow führt Ein-Mann-Stück auf 

An dieser Stelle hätte die Geschichte zu Ende sein können. Wäre Lawrow nur nicht Lawrow. Wie sein Chef im Kreml hält der 72-Jährige jedes Anzeichen einer Krankheit für ein unsägliches Zeichen der Schwäche. Die Regeln, nach denen das politische Moskau lebt, stehen schließlich den Regeln sizilianischer Mafia-Familien in Nichts nach: Wer Schwäche zeigt, läuft Gefahr, von seinen Rivalen ersetzt zu werden. Und so leugnete Lawrow, was das Zeugt hält. Kaum war die Nachricht über seinen Krankenhausaufenthalt in der Welt, kam das Dementi. 

Aber das reichte nicht. Um die westliche Presse der Lüge zu strafen, startete Lawrow mit seiner Sprecherin Maria Sacharowa eine filmische Intervention. Dazu drapierte sich Lawrow auf einer von Palmen umgegebenen Terrasse. Auf dem kleinen Tischchen vor ihm breitete er ein paar Papiere aus. Die Idee hinter dem Drehbuch war denkbar simpel: Wie zufällig sollte Sacharowa reinschneien und ihren Boss beim Arbeiten vorfinden, im besten Gesundheitszustand versteht sich. Das Resultat sah dann so aus:

"Sergej Wiktorowitsch, entschuldigen Sie mich um Gottes Willen. Aber hier schreiben alle, dass sie im Krankenhaus sind", sagt Sacharowa hinter der Kamera und läuft auf Lawrow zu, der in T-Shirt und Shorts hinter dem Gartentischchen sitzt und vorgibt zu arbeiten. "Nun, sie schreiben auch bereits zehn Jahre lang über unseren Präsidenten, dass er krank ist. Das ist so ein Spiel, das in der Politik nicht neu ist", antwortet Lawrow. 

"Was würden Sie den westlichen Journalisten – und das sind vornehmlich westliche Journalisten – sagen wollen, die schreiben, dass Lawrow im Krankenhaus ist", fragt Sacharowa. "Was würden Sie den westlichen Journalisten wünschen?"

"Den westlichen Journalisten wünsche ich, was ehrlicher zu sein, als sie sind; öfter die Wahrheit zu schreiben und sich in ihren Berichten nicht nur auf eine Sichtweise zu beschränken", antwortet Lawrow und erklärt, sich gerade auf den G20-Gipfel vorzubereiten. 

Sergej Lawrow überführt sich der selbst der Lüge 

Doch Improvisationen wollen gelernt sein. Das Werk von Lawrow und Sacharowa geht nach hinten los. Während Lawrow sich über die lügnerische westliche Presse beschwert, überführen Details im Bild ihn selbst einer einzigen großen Lüge.

Auf dem Gartentisch vor Lawrow liegt ein iPhone. Auf seinem Handgelenk trägt er eine Smartwtach, die verdächtig nach einer Apple Watch aussieht. Sein T-Shirt von Gap ziert ein Motiv des US-amerikanischen Künstlers Jean-Michel Basquiat. In den 80er Jahren erreichte er Kultstatus, bevor der bisexuelle, antikoloniale schwarze Künstler an einer Überdosis Heroin starb – zu einem Zeitpunkt, als Lawrow als Russlands Botschafter bei der UNO in New York lebte. 

Basquiat vereint in sich alles, was der Kreml verteufelt: bisexuell, freigeistig, schwarz und drogenabhängig. Und dennoch scheint sich Lawrow keines Widerspruchs bewusst zu sein, als er sich vor die Kamera setzt. US-amerikanische Kultur, US-amerikanische Mode, US-amerikanische Technik. All das führt ein Mann vor, der in den vergangenen 20 Jahren vor nichts zurückgeschreckt hat, um aus den USA einen Erzfeind aller Russen zu machen. 

Von Kopf bis Fuß in Teufelszeug

In Russland schreien die Propagandisten, der Westen sei ein Reich Satans. Allen voran die USA. Tagein, tagaus wird den Russen erklärt, der Westen habe sich zum Ziel gesetzt, die russische Kultur und russische Traditionen vom Erdboden zu tilgen. Wie die Ukraine wolle man Russland mit Bataillonen Homosexueller überziehen und den aufrechten Russen die verkommenen Werte des Westens aufzwingen.

Diesen Kurs hat Lawrow in den letzten Jahrzehnten nicht nur mitgetragen, sondern an vorderster Front ausgekämpft. Und nun sitzt er von Kopf bis Fuß mit dem Teufelszeug des Westens ausgestattet auf Bali und mahnt westliche Journalisten zu mehr Ehrlichkeit.

Das Bild links sollte Sergej Lawrow als Beweis dienen, dass er im Hotel statt im Krankenhaus ist. Das Verifikationsteam des stern konnte anhand der Bilder den Aufenthaltsort des russischen Außenministers ausfindig machen: das exklusive Mulia Resort, nicht weit von dem Krankenhaus, wo Lawrow seinen kurzen Aufenthalt verbracht haben soll. 
Das Bild links sollte Sergej Lawrow als Beweis dienen, dass er im Hotel statt im Krankenhaus ist. Das Verifikationsteam des stern konnte anhand der Bilder den Aufenthaltsort des russischen Außenministers ausfindig machen: das exklusive Mulia Resort, nicht weit von dem Krankenhaus, wo Lawrow seinen kurzen Aufenthalt verbracht haben soll. 
© stern

Freilich saß Lawrow bei seinem Auftritt nicht im Krankenhaus. Das exklusive Mulia Resort wurde zum Schauplatz seines Ein-Mann-Stücks. Das Verifikationsteam des stern identifizierte anhand des von Lawrow selbst veröffentlichten Materials die Präsidentenvilla des Luxushotels als den Ort des Geschehens. "Erliegen Sie dem Zauber der Pracht in diesem beeindruckenden zweistöckigen Meisterwerk, das mit drei weitläufigen Schlafzimmern ausgestattet ist", wirbt das Resort für die Villa. Ein Esszimmer für zehn Personen, eine weitläufige Poollandschaft und eine Entourage aus privaten Butlern steht hier dem Gast zur Verfügung.

In dem Bemühen, die Nachrichte seines Krankenhausaufenthalts, zu widerlegen, offenbarte Lawrow nur seinen dekadenten Lebensstil, den die Propaganda so gerne verteufelt.

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