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Durchschaubare Show Putin inszeniert Kaffeekränzchen mit Soldatenmüttern – und wiederholt nicht seinen alten Fehler

Wladimir Putin bei seinem Treffen mit vermeintlichen Soldatenmüttern
Wladimir Putin bei seinem Treffen mit vermeintlichen Soldatenmüttern. Zu seiner Rechten nahm tatsächlich eine Frau Platz, deren Söhne in der Ukraine kämpfen – als gefürchtete Kommandeure des tschetschenischen Anführer Ramzan Kadyrow. 
© Mikhail Metzel/Kremlin Pool / Imago Images
Die Mobilmachung bringt Unruhe in Wladimir Putins Reich. Um die erzürnten Gemüter zu beruhigen, lud er Soldatenmütter zu einem Kaffeekränzchen in seiner Residenz. Nur dass die Soldatenmütter sich als erprobte Funktionärinnen und Beamtinnen entpuppten. 

"Wir fangen heute mit einer Sensation an. Oder einer Nachricht, die bislang ganz sicher niemandem bekannt war: Putin ruft persönlich an der Front an und unterhält sich mit Soldaten in den Schützengräben." Mit dieser selbsterklärten sensationellen Information fing am Freitagabend Olga Skabejewa ihre Propagandasendung "60 Minuten" an. Die Quelle dieser Sensation: Putin selbst. 

In seiner Residenz in Nowo-Ogarjowo hatte der Kreml-Chef früher am Tag ein Kaffeekränzchen ausgerichtet. Am Tisch mit Putin durften 16 Frauen Platz nehmen. Der Öffentlichkeit wurden sie als Soldatenmütter vorgestellt. Am letzten November-Sonntag feiert man in Russland seit 1998 den Muttertag. Dies nahm der Kreml-Chef zum Anlass, bei Tee und Kuchen seinen Gästen einen kleinen Vortrag über das Muttersein und das Heldentum zu halten. 

Die Söhne der Frauen, die an seinem Tisch saßen, seien schließlich wahre Helden, versicherte Putin. "Ich habe mit einigen Jungs direkt am Telefon gesprochen. Diejenigen, mit denen ich gesprochen habe, haben mich mit ihrer Laune, ihrer Einstellung zu der Sache überrascht. Sie haben meine Anrufe nicht erwartet", erzählte Putin schmunzelnd.

Bewährtes Personal statt echte Soldatenmütter 

Ein Putin, der bei den Männern durchklingelt, die er ohne Waffen, Vorbereitung und Ausrüstung in die Schützengräben in die Ukraine schickt? Um diese Erzählung zu schlucken, muss man wohl eine hartgesottene Propagandistin aus der Riege von Olga Skabejewa sein – oder eben eine bestellte Soldatenmutter. Wie diejenigen, die in Nowo-Ogarjowo mit Putin Tee schlürfen durften.

Bereits im Vorfeld des Treffens war klar: Putin hat keineswegs vor, echten Soldatenmüttern entgegenzutreten. Vertreter von Organisationen wie dem Komitee der Soldatenmütter und dem Verband der Mütter und Ehefrauen von Soldaten wurden zu der Sitzung des Präsidenten schlicht nicht eingeladen. Zu laut war ihre Kritik an der Kriegsführung. Zu gefährlich waren ihre Fragen.

Stattdessen setzte man Putin bewährtes Personal gegenüber. Eine der Frauen, die vorgaben Soldatenmütter zu sein, erschien ungehemmt in Uniform. Andere entpuppten sich als Mitglieder der Regierungspartei "Einiges Russland", Funktionärinnen oder Mitglieder regierungsnaher Organisationen. 

Wladimir Putin bei seinem Treffen mit den angeblichen Soldatenmüttern 
Wladimir Putin bei seinem Treffen mit den angeblichen Soldatenmüttern, die sich aber als Beamtinnen und Funktionärinnen entpuppten
© Alexander Shcherbak / Picture Alliance

Wer mit Wladimir Putin Tee trinken durfte 

So nahm eine gewisse Olga Belzewa an Putins Tisch Platz – Abgeordnete der Partei "Einiges Russland", stellvertretende Direktorin des Freizeit- und Sportzentrums "Junost" und Mitglied des Abgeordnetenrates des Moskauer Bezirks Otradnoje.

Unter den geladenen Gästen war auch Julia Belechova, Leiterin des Exekutivkomitees der Moskauer Sparte einer Organisation mit dem Titel "Gesamtrussische Volksfront" – ein Zusammenschluss nationalistisch-konservativer Organisationen, der im Mai 2011 von Putin selbst gegründet wurde. Seit 2013 steht der Kreml-Chef an der Spitze des auch als "Nationale Front für Russland" bezeichneten Zusammenschlusses.

Ihre Abhängigkeit vom Kreml verheimlichten die bestellten Soldatenmütter nicht einmal. Eine von ihnen kam direkt in Uniform. 
Ihre Abhängigkeit vom Kreml verheimlichten die bestellten Soldatenmütter nicht einmal. Eine von ihnen kam direkt in Uniform. 
© Mikhail Metzel/POOL/TASS PUBLICATION / Imago Images

Zum Gespräch mit Putin reisten auch Marina Migunowa und Irina Tas-ool an. Die Erstgenannte ist Mitglied der Öffentlichen Kammer der Stadt Orechowo-Sujewo unweit von Moskau. Die andere ist eine Beamtin aus der russischen Republik Tuwa, Leiterin der Abteilung für Familie, Jugend und Sport in der Verwaltung des Bezirks Kaa-Khemskiy an der Grenze zur Mongolei. Die Reise von Tas-ool zu Putin hatte sogar der Gouverneur der Republik Wladislav Chowalyg angekündigt und die Personalie damit bestätigt. Der älteste Sohn seiner Untergebenen diene beim Militär, behauptete Chowalyg. Ob er zu den Berufssoldaten oder zu den Mobilisierten gehört, ließ er offen. Ebenso die Frage, ob er auch im Einsatz ist. 

Ehrenplatz für tschetschenische "Aristokratin" 

Den Ehrenplatz zur Linken Putin bekam die Regisseurin Olesja Schigina, die vor allem orthodoxe patriotische Filme dreht. Und zur Rechten des Kreml-Chefs saß in ein schwarzes Kopftuch gehüllt eine Frau namens Zharadat Aguewa, eine Angehörige der sogenannten tschetschenischen "Aristokratie". Ihre Söhne sind hochrangige Sicherheitsbeamte: der Kommandant des Bataillons West-Achmat, Ismail Aguew, und der Leiter der Abteilung für innere Angelegenheiten des Bezirks Kurchaloy, Rustam Aguew.

Beide kämpfen in der Ukraine. Der tschetschenische Machthaber Ramzan Kadyrow hatte Rustam Aguew wiederholt "Bruder" genannt und spricht regelmäßig über die "Heldentaten" von Ismail Aguew.

Patriotische Parolen statt kritischer Fragen 

Angesichts der illustren Gästeliste ist es nicht verwunderlich, dass Putin keine unangenehmen Fragen zu hören bekam. Stattdessen ergingen sich die vermeintlichen Soldatenmütter in propagandistischen Parolen. "Mama, ich werde für Russland kämpfen, ich werde für die russische Welt kämpfen, ich werde für das russische Wort kämpfen, für die russische Erinnerung", habe ihr Sohn gesagt, als er 2014 der Miliz in der Ostukraine beitrat, erzählte eine der Teilnehmerinnen während des Kaffeekränzchens. 

"Mein Vater hat den ganzen Krieg von 1941 bis 1945 mitgekämpft und kehrte mit einem Sieg zurück. Wir haben sehr lange auf dieses Ereignis gewartet, wir sind einen schweren Weg gegangen, wir haben Menschen verloren, die wir lieben. Aber wir haben die Hoffnung nicht verloren, dass wir nach Russland, nach Hause zurückkehren werden. Und dieses freudige Ereignis ist wahr geworden", schwärmte sie weiter. Wobei nicht klar wurde, ob sie von dem Sieg im Zweiten Weltkrieg oder der Annektierung der ostukrainischen Gebiete sprach. 

Aber das ist durchaus Absicht. Wenn es nach dem Willen des Kremls geht, soll das eine mit dem anderen in den Köpfen der Russen miteinander verschmelzen. Putin versucht seit Jahren, seine Kriegstreiberei auf eine Stufe mit den glorreichen Siegen längst vergangener Zeiten zu stellen. 

Wie das Publikum seine neueste Inszenierung zu interpretieren hat, gab Olga Skabejewa gleich am Freitagabend vor – damit auch gar keine Verwirrung aufkommt. "Putin hat sich bei den Frauen dafür bedankt, dass ihre Söhne unser Land, unsere Heimat verteidigen. Er nannte sie alle Helden und erzählte, dass er mit der gesamten Regierung des Landes den Schmerz der Trennung oder des Verlusts teilt, den die Mütter unserer Soldaten empfinden. Sehr seelenvolle Worte des Präsidenten. Und ein sehr ehrlicher Präsident, mit großem Mitgefühl und sogar Schmerz in der Stimme", erklärte die Propagandistin dem Publikum, bevor sie das Theater aus Nowo-Ogarjowo zu sehen bekamen. 

Der kardinale Fehler 

Putin hat dazu gelernt. Frisch an der Macht beging er im Jahr 2000 einen aus seiner Sicht kardinalen Fehler, der seine gesamte folgenden Herrschaft prägen sollte. Damals stellte er sich echten Soldatenmüttern.

Der Untergang des U-Boots "Kursk" am 12. August 2000 wurde für Putin zur ersten Krise. Während die Seeleute auf dem Grund des Meeres erstickten, sah der frisch gewählte Präsident zunächst keinen Anlass, seinen Sommerurlaub am Schwarzen Meer zu unterbrechen. Putin schwieg tagelang zu der Tragödie. Die Öffentlichkeit wurde erst nach zwei Tagen über den Untergang informiert, auch die Angehörige wurden im Unwissen gelassen. Erst vier Tage später gab Putin in seinem Urlaubsort Sotschi eine Erklärung ab. 

Die Medien überschlugen sich mit Kritik. Putin, der ein Produkt der Medien ist, musste erfahren, dass die vierte Gewalt im Staat ihn nicht nur in den Präsidentensessel befördern, sondern ihn auch zerstören kann. Zehn Tage lang waren sein Versagen, seine Lügen und seine Inkompetenz Thema Nummer eins. Um den Schaden zu begrenzen, fand sich Putin zu einem Gespräch mit den Witwen und Müttern der toten Seeleute ein. Aber anstatt Verantwortung zu übernehmen, sucht er nach den Schuldigen – bei den Medien. 

Die Lehre, die Putin aus diesen Tagen zieht, wird weitreichende Konsequenzen haben. Er wird die Medien dazu zwingen, für ihn zu arbeiten. Und das sehr schnell. Als eine der Witwen bei seiner Visite aufsprang und in ihrer Verzweiflung hysterisch schrie, wurde sie im TV stummgeschaltet. Die Fernsehkameras fingen jedoch ein, wie der Frau von einem FSB- oder FSO-Mitarbeiter eine Spritze in die Schulter gerammt wurde – offenbar um sie zu betäuben. 

Solch eine Szene wird Putin nie wieder zulassen. Und echt Soldatenmütter werden nie an seinem Tisch Platz finden. 

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