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Gerüchteküche brodelt Wladimir Putin schickt alle Besucher für zwei Wochen in Quarantäne

Wladimir Putin zeigt sich bei einer Militärparade mit Augenringen
Wladimir Putin zeigt sich bei einer Militärparade mit Augenringen: Seit Wochen herrschen Spekulationen um seinen Gesundheitszustand. 
© Alexei Druzhinin / Picture Alliance
Seit dem Frühjahr verlässt Wladimir Putin seine Moskauer Residenz kaum noch. Aus der Selbstisolation heraus regiert er das Land. Nun ist bekannt geworden, welches Prozedere all diejenigen durchlaufen müssen, die bloß in die Nähe des Kreml-Chefs kommen. Das strenge Regime wirft viele Fragen auf. 

Seit einem halbem Jahr hockt Wladimir Putin in einer freiwilligen Selbstisolation. Nur selten verlässt er die Residenz des Präsidenten der Russischen Föderation in Nowo-Ogarjowo bei Moskau. Im Volk heißt Putins Amtssitz nur noch "der Bunker".

Nun ist bekannt geworden, welches Verfahren alle Minister, Beamte, Wirtschaftsbosse oder Journalisten durchlaufen müssen, wenn sie den russischen Präsidenten persönlich zu Gesicht bekommen wollen. Die unabhängige Zeitung "Projekt" berichtet unter Berufung auf mehrere Quellen aus dem Putin-Kreis, dass sich alle Besucher in eine strenge zweiwöchige Quarantäne begeben müssen, bevor sie dem Kreml-Chef unter die Augen treten dürfen.

Demnach gibt es mindestens drei Einrichtungen, in denen die potenziellen Besucher für die Quarantäne einquartiert werden. So seien zuletzt einige Mitarbeiter der Präsidialverwaltung, persönliche Fotografen und Kameraleute sowie 30 wichtige Mitarbeiter der Atomindustrie in die Pension "Dagomys" in Sotschi geschickt worden. Dort dürften die Betroffenen ihre Zimmer nicht verlassen, bis die Ergebnisse ihrer Corona-Tests vorliegen – und natürlich negativ ausfallen.

Anschließend würden die Leute zu der bequemeren Pension "Rus" in der Nähe gebracht, wo sie sich zumindest auf dem Gelände frei bewegen könnten. Trotz der negativen Testergebnisse müssten die Putin-Besucher hier die zweiwöchige Quarantäne zu Ende bringen. Erst danach dürfen die Bewohner von "Rus" den Präsidenten sehen, heißt es im Bericht weiter.

Niemand sonst dürfe in der Pension "Rus" übernachten. Ein Korrespondent von "Projekt" habe versucht, ein Zimmer zu buchen, aber niemand sei ans Telefon gegangen. Und die Pension "Dagomys" habe auf Anfrage geantwortet, man sei wahrscheinlich bis zum Ende des Jahres geschlossen. 

Aus der Quarantäne direkt zu Putin 

Aus der Quarantäne in der Pension "Rus" werden die Menschen laut den Quellen der Zeitung direkt zu Putin gebracht. Als sich der Kreml-Chef vor zwei Wochen mit seinem belarussichen Kollegen Alexander Lukaschenko in Sotschi getroffen hatte, seien die Beamten und Journalisten in seine Sotschi-Residenz "Bocharov Ruchei" transportiert worden.

Die 30 Vertreter der Atomindustrie sind hingegen offenbar in ein Flugzeug gesetzt und nach Moskau gebracht worden. Unter ihnen sei auch der Akademiker Georgij Rykowanow gewesen, der am 23. September von Putin mit der Auszeichnung "Held der Arbeit" geehrt wurde. Nach der zweiwöchigen Quarantäne konnte der Kreml-Chef ihm bedenkenlos die Hand schütteln.

Andere Putin-Besucher können dem Bericht zufolge ihre Quarantäne in Moskau verbringen. Unter anderem würden sie in einen Komplex von Regierungsdatschen in der Kosygin-Straße in die Isolation geschickt. Hier herrsche dasselbe Schema wie in den Einrichtungen in Sotschi: Bis ein negatives Testergebnis vorliegt, müssten die Gäste in ihren Zimmern bleiben. Danach dürften sie sich auf dem Gelände bewegen. Nach zwei Wochen könnten sie schließlich in die Residenz des Präsidenten reisen.

Der Pressesprecher Dmitri Pskow hat inzwischen bestätigt, dass "einige von Putins Besuchern eine zweiwöchige Quarantäne durchlaufen müssen". Einige aber nicht, betonte er. Dies dürften aber diejenigen sein, die permanent auf dem Gelände der Residenz Putins leben müssen. 

Keine Ausnahmen 

Das strenge zweiwöchige Quarantäneregime gilt offenbar ausnahmslos für alle, die in die Nähe des Präsidenten kommen. Ein Top-Manager eines staatlichen Unternehmens berichtete, dass sein Treffen mit dem Staatsoberhaupt noch in Planung sei. Aber er habe bereits einen Anruf aus dem Kreml erhalten. Man habe ihn informiert, dass er für zwei Wochen in Isolation verbringen muss. Aber er wisse noch nicht genau wo, erzählte er "Projekt".

Hochrangige Beamten haben laut der Zeitung das Recht, den Ort für die Quarantäne selbst zu wählen. Auf diese Weise seien auch der Leiter des Bundesamts für Jugend, der Chef von Gazprom und der Vorsitzende des russisches Luftfahrtkonsortiums OAK in die Isolation geschickt worden.

Warum lässt sich Wladimir Putin nicht impfen? 

Putin nimmt die Corona-Gefahr offenbar sehr ernst. Doch die strikten Reglementierungen werfen ein schlechtes Licht auf den Kreml-Chef. Zum einen heizen sie die Spekulationen um seinen gesundheitlichen und mentalen Zustand an. Mehrere Auftritte Putins in den vergangenen Wochen haben sie bereits entfacht. Zunächst tauchte der Kreml-Chef, der sonst sehr auf sein Aussehen bedacht ist, mit dunklen Augenringen bei einer Militärparade auf. Vor einigen Wochen dann gab Putin ein Interview, bei dem er sich faktisch an seinen Stuhl klammerte, obwohl alles abgesprochen und im Vorfeld aufgezeichnet worden war.

Bei seinem Treffen mit Lukaschenko Mitte September wirkte er nervös: Zappelnde Füße, unruhige Hände, unsteter Blick. Putin demonstrierte eine für ihn sehr untypische Körpersprache. In manchen russischen Staatsmedien wird inzwischen sogar darüber spekuliert, ob der Kreml-Chef eine onkologische Erkrankung habe.

Zum anderen wirft das rigorose Quarantäneregime die Frage auf, warum Putin sich nicht impfen lässt. Schließlich lässt er keine Gelegenheit aus, ein Loblied auf die russische Corona-Vakzine zu singen. Seine eigene Tochter sei unter den ersten gewesen, die sich mit "Sputnik V" hätten impfen lassen, verkündete er selbst noch im August. 

Aber anstatt sich selbst ebenfalls impfen zu lassen, verbleibt Putin weiter in Isolation. Mindestens bis zum Februar werde es auch so bleiben, verkündete der Kreml. Unterdessen werden aus Russland aktuell mehr als 9000 neue Corona-Infektionen täglich gemeldet. Die Dunkelziffer dürfte um einiges höher sein.

ivi

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