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Moët, Dom Perignon und Co. Warum in Russland Champagner nicht mehr Champagner heißen darf

Wladimir Putin verbietet per Gesetz, Champagner in Russland als Champagner zu verkaufen
Wladimir Putin gönnt sich bei einem Empfang eine Glas Champagner. Doch in Russland ist es nun per Gesetz verboten, Champagner als Champagner zu verkaufen.
© Maksim Blinov / Picture Alliance
In 120 Ländern dieser Welt gilt: Ein Schaumwein darf sich nur Champagner nennen, wenn er aus Trauben hergestellt wird, die in dem gleichnamigen Weinbaugebiet gelesen wurden. Wladimir Putin will davon jedoch nichts wissen und stellt die Regel auf den Kopf.

Der Juli beginnt in Russland mit einer regelrechten Flut an Verboten. Wladimir Putin erlässt ein Gesetz nach dem anderen. So ist den Russen nun offiziell verboten, "die entscheidende Rolle des sowjetischen Volkes beim Sieg über den Faschismus" in Frage zu stellen. Ebenfalls per Gesetz untersagt: die Handlungen der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg mit denen Nazi-Deutschlands zu vergleichen. 

Während diese zwei Verbote Putin die Deutungshoheit über die Geschichte sichern sollen, mit der er seine Propaganda-Maschinerie am Leben hält, zielen andere Gesetze offenbar darauf ab, die Portemonnaies der russischen Oligarchen zu füllen. 

So ist es ab sofort in Russland verboten, alkoholische Erzeugnisse aus dem Ausland als Champagner zu etikettieren. Unter dem Label "Champagner" darf nur noch Sekt verkauft werden, der in Russland hergestellt wird. Während die berühmten Tropfen aus dem französischen Landstrich Champagne nur noch als schnöde Schaumweine bezeichnet werden sollen.

Dass der Begriff Champagner durch die Appellation d’Origine Contrôlée geschützt ist und somit den Regeln der kontrollierten Herkunftsbezeichnung unterliegt, interessiert Putin schlichtweg nicht. In 120 Ländern der Welt dürfen sich nur Schaumweine Champagner nennen, die aus Trauben hergestellt werden, die nach streng festgelegten Regeln in dem Weinbaugebiet Champagne in Frankreich gelesen werden. 

Russische Sekt-Produktion bricht um ein Drittel ein 

Die russische Regierung hat sich bislang nicht die Mühe gemacht, die Hintergründe des neuen Gesetzes zu erklären. "Das Gesetz wurde verabschiedet, es muss umgesetzt werden", kommentierte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow. 

Eine naheliegende Erklärung ist, dass die russische Sekt-Produktion angekurbelt werden soll. Anfang 2021 ging die Produktion in Russland um ein Drittel zurück. Nach Angaben der Nationalen Union zum Schutz der Verbraucherrechte wurden von Januar bis Mai 3,1 Millionen Dekaliter (ein Dekaliter gleicht zehn Litern) produziert, 33 Prozent weniger als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. 

Kein Geheimnis ist auch, dass viele von Putins Vertrauten und Freunden in den Weinbau investieren. So zum Beispiel der Oligarch Boris Titow. Er ist Hauptaktionär des Traditionsunternehmens Abrau-Durso, das unter anderem auf der annektierten Halbinsel Krim anbaut und einen immensen Ausbau plant.

Ob das neue Gesetz der strauchelnden Produktion auf die Sprünge hilft, ist mehr als fraglich. Denn den starken Rückgang erklären Experten nicht mit mangelnder Nachfrage seitens der Verbraucher, sondern mit den Anforderungen der russischen Gesetzgebung, wonach ab Mitte 2020 Wein und Sekt nur noch aus heimischen Trauben hergestellt werden dürfen. "Ich denke, dass die Schaumweinproduktion in Russland im Jahr 2021 aufgrund von Traubenmangel um 40 Prozent sinken wird", erklärte Wadim Drobiz, Direktor des Zentrums für Forschung der föderalen und regionalen Alkoholmärkte, im Gespräch mit der Staatszeitung "Rossiskaja Gazeta" im vergangenen Juni. Dieser Mangel werde sich bestenfalls in zehn bis 15 Jahren beseitigen lassen, prognostiziert der Experte.

Champagner im Land der Lügen 

Bei den russischen Verbrauchern stößt das Gesetz unterdessen auf puren Hohn. "Jetzt ist es an der Zeit, es den Schotten und Amerikanern zu verbieten, das Wort 'Whiskey' zu verwenden", schrieb der Gastronom Sergej Mironow auf Twitter. Der bekannte Sänger Wasja Oblomow erklärte mit Blick auf die deutsche Luxus-Automarke, die russischen Parlamentarier könnten nun ein ähnliches Gesetz für die Verwendung des Namens Mercedes erlassen.

Das Gesetz stelle die Quintessenz von Putins Politik dar, schrieb der Soziologe Igor Eidmann auf Facebook. "Es scheint das berühmte Märchen von Gianni Rodari 'Jelsomino im Land der Lügner' zu kopieren. Da werden die Menschen gezwungen, die Lüge als Wahrheit und die Wahrheit als Lüge zu betrachten." In dem Märchen ist es verboten, die Wahrheit zu sagen, und Lügen gelten als obligatorische Tugend. Katzen müssen bellen und Hunde miauen. Selbst Tiere können sich dem Lügenzwang nicht entziehen. "Mit der Unterzeichnung dieses Gesetzes scheint Putin den Russen zu sagen: In diesem Land bestimme ich, was Mist und was ein Bonbon ist. Wenn ich sage, dass ein Misthaufen eine Süßigkeit ist, werdet ihr es loben und preisen", führt der Soziologe weiter aus. "Die Behörden machen Russland zu einem echten Land der Lügen. Sie versuchen, die Realität zu zerstören, ihre eigenen Fälschungen zum Standard zu erheben, und alle Werte zu untergraben und zu diskreditieren."

Französische Winzer bitten um EU-Intervention 

Die französischen Winzer reagierten empört auf das neue Gesetz in Russland. Frankreich und die EU müssten sich für "die Änderung des inakzeptablen Gesetzes" stark machen, forderte der Verband der Champagner-Produzenten am Montag. Die Neuregelung gebe "russischen Verbrauchern keine klare und transparente Auskunft über die Herkunft und den Charakter der Weine", beklagte der französische Winzer-Verband, der Hersteller aus der historischen Provinz Champagne vertritt. Zudem stelle er "mehr als 20-jährige bilaterale Verhandlungen zwischen der Europäischen Union und Russland über geschützte Herkunftsbezeichnungen in Frage". 

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