Pestizidbelastung Giftcocktail im Blumenstrauß


Rosen sind empfindlich, doch sie müssen häufig lange Transportwege überstehen. In Kolumbien produzierte Schnittblumen werden deshalb oft mit hochgiftigen Chemikalien gegen Schädlinge besprüht. Für die Farm-Arbeiter wird ihr Job so zur gesundheitlichen Hölle.

Daran denken die meisten wohl zuletzt, wenn sie etwa zum Valentinstag einen Strauß voller duftender Rosen kaufen: Ehe die Blumen den Käufer erreichen, sind sie oftmals mit potenziell tödlichen Chemikalien behandelt worden - sei es, um sie gegen Ungeziefer resistent zu machen oder um sie über längere Zeit frisch aussehen zu lassen. Diese Giftbehandlung findet in Kolumbien zumeist in den Anbaugebieten um die Hauptstadt Bogotà herum statt.

Das südamerikanische Land hat nach den Niederlanden die zweitgrößte Schnittblumenindustrie in der Welt. 62 Prozent der dort angebauten Blumen werden in die Vereinigten Staaten exportiert. Mit 110.000 Beschäftigten - viele von ihnen allein stehende Mütter - und einem jährlichen Exportvolumen von umgerechnet 771 Millionen Euro ist die Blumenindustrie eine bedeutende Alternative zum Kokaanbau. Diese Gewinne gehen nach Angaben von Verbraucherschützern aber wegen eines allzu großzügigen Einsatzes von Pestiziden zu Lasten der Gesundheit der Beschäftigten und der Umwelt.

Die Blumenexporteure des Landes haben als Reaktion auf die Vorwürfe den Verband Florverde gegründet, um die Sicherheitsstandards und Arbeitsbedingungen in der Branche zu verbessern. 86 der 200 organisierten Exportbetriebe sind bereits von Florverde nach entsprechenden Maßnahmen zertifiziert worden. Die Mitgliedsbetriebe von Floverde haben nach Angaben des Verbandes den Einsatz von Pestiziden seit 1998 um 38 Prozent auf durchschnittlich 97 Kilogramm pro Hektar jährlich verringert. "Jeden Tag machen wir mehr Fortschritte", sagte der Direktor von Florverde, Juan Carlos Isaza. Er räumt allerdings ein, dass immer noch 36 Prozent der von Floverde-Betrieben verwendeten chemischen Substanzen von der Weltgesundheitsorganisation als äußerst oder hochgiftig eingestuft werden.

Immer wieder Gift-Unfälle

Anders als in anderen Ländern reguliert die kolumbianische Regierung nicht den Einsatz von Pestiziden in Gewächshäusern, wo die Anwendung chemischer Substanzen für die Beschäftigten gefährlicher ist als unter freiem Himmel. Ungeachtet der schärferen Sicherheitsbestimmungen kommt es in Anbaubetrieben immer wieder zu Unfällen. So mussten etwa im November 2003 rund 200 Beschäftigte eines Anbaubetriebes wegen Ohnmachtsanfällen und Wunden im Mund ins Krankenhaus eingeliefert werden.

Die Behörden führten die Massenvergiftung auf die Verletzung von Bestimmungen im Umgang mit Pestiziden zurück. Der Betrieb wurde aber nur zu einer Geldstrafe von umgerechnet 4.670 Euro verurteilt. Manche der Giftstoffe werden für den Anstieg von Krebs- oder neurologischen Erkrankungen verantwortlich gemacht. Ursächliche Zusammenhänge zwischen diesen Chemikalien und individueller Erkrankungen lassen sich allerdings wegen mangelnder detaillierter Untersuchungen über dauerhafte Pestizidemissionen schwer nachweisen.

Entwicklungsstörungen bei Kindern

Wissenschaftler haben jedoch einige Besorgnis erregende Daten festgestellt: Die Harvard School of Public Health untersuchte 72 Kinder im Alter von sieben und acht Jahren in einem Blumenanbaugebiet in Ecuador, deren Mütter während der Schwangerschaft Pestiziden ausgesetzt waren. Bei Eignungstests wiesen die untersuchten Kinder Verzögerungen in ihrer Entwicklung um bis zu vier Jahre auf. "Wir haben festgestellt, dass diese Pestizide gefährlicher sind als wir jemals dachten und dass sie auch in niedrigeren Dosen giftiger sind als angenommen", sagte der Projektleiter der im vergangenen Jahr veröffentlichten Studie, Philippe Grandjean.

Carmen Orjuela bekam 1997 wiederholt Schwächeanfalle, als sie in einem Blumenanbaubetrieb außerhalb Bogotàs arbeitete. Ihr Arbeitgeber zwang nach ihren Angaben die Beschäftigten während der Hochsaison vor dem Valentinstag, die Gewächshäuser schon eine halbe Stunde nach dem Besprühen der Pflanzen mit Pestiziden zu betreten. Wer sich geweigert habe, sei entlassen worden. Nach den Empfehlungen von Florverde sollen Gewächshäuser, in denen die Pflanzen mit den giftigsten Pestiziden eingesprüht werden, erst 24 Stunden nach der Behandlung wieder betreten werden. Orjuela kündigte 2004 den Arbeitsplatz.

Arbeitgeber zahlen kleine Rente

Ihr Arbeitgeber bestritt, gegen Sicherheitsstandards verstoßen zu haben. In einem Gutachten der kolumbianischen Nationaluniversität wurde jedoch festgestellt, dass die Erkrankung Orjuelas auf eine erhöhte Pestizidemissionen zurückzuführen ist. In einem staatlichen Schlichtungsverfahren wurde ihr Arbeitgeber angewiesen, ihr eine monatliche Rente in Höhe von umgerechnet 155 Euro zu zahlen, was dem Mindestlohn der meisten Arbeiter entspricht.

Joshua Goodman/AP AP

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