PLO Arafats Zustand verschlimmert sich

Palästinenserpräsident Jassir Arafat ist in ein noch tieferes Koma gefallen. Laut Ärzten sei eine Prognose "ungewiss". Derweil erhielt Arafat Besuch von vier Palästinenserführern.

Vier Palästinenserführer sind kurz nach Mittag im französischen Militärkrankenhaus Percy bei Paris zu einem Besuch ihres todkranken Präsidenten Jassir Arafat eingetroffen. Dies meldete der französische Fernsehsender LCI. Die Politiker hätten die Zusicherung, Arafat sehen zu können, meldete der Sender. Nach dem Besuch im Krankenhaus wollen sich die Palästinenser am Nachmittag mit dem französischen Präsidenten Jacques Chirac zusammentreffen.

Arafats Zustand verschlimmert

Der palästinensische Ministerpräsident Ahmed Kureia, der amtierende PLO-Chef Mahmud Abbas, Außenminister Nabil Schaath und Parlamentspräsident Rauhi Fattu gaben bei ihrer Ankunft keine Erklärung ab. Zuvor hatte der Sprecher des Krankenhauses mitgeteilt, dass sich der Zustand Arafats in der Nacht zum Dienstag verschlimmert habe. Arafat sei in ein tieferes Koma gefallen, sagte General Christian Estripeau. "Dies bedeutet einen wichtigen Schritt hin zu einer Entwicklung, in der eine Prognose ungewiss wird", sagte er.

Die Ehefrau Arafats, Suha, hatte zunächst einen Besuch der Palästinenserführer abgelehnt. In einem Interview mit dem Fernsehsender al Dschasira hatte sie gesagt: "Das ehrliche palästinensische Volk soll wissen, dass eine Hand voll von Erbschleichern nach Paris kommen will. Sie wollen Abu Ammar (Arafat) lebendig begraben. Es geht ihm gut, und er wird in sein Vaterland zurückkehren.". Nach französischem Recht kann allein der Patient die ärztliche Schweigepflicht über seinen Gesundheitszustand brechen. Ist er dazu nicht in der Lage, kommt dieses Recht seinem Ehepartner oder engstem Verwandten zu.

Arafats Sekretär Tajib Abdul Rahim sagte zu den Beschuldigungen Suha Arafats: "Frau Suha hat offensichtlich nicht verstanden, dass Jassir Arafat nicht seiner Kleinfamilie gehört, sondern dem gesamten palästinensischen Volk und allen Arabern." Ihre Worte seien "schockierend". Kureia äußerte "größtes Bedauern" über die Äußerungen von Arafats Frau.

Aus Palästinenserkreisen wurde ihr vorgeworfen, sie nutze ihre rechtliche Stellung als Gattin des Palästinenserführers aus. Zuvor war berichtetet worden, es liefen Verhandlungen über künftige Erbzahlungen. Arafat soll seiner Frau nach unbestätigten Meldungen aus dem vergangenen Jahr monatlich umgerechnet mehrere zehntausend Euro für ihr Leben in Paris überweisen. Beide lebten seit mehr als drei Jahren getrennt. Seit mehreren Tagen habe nur sie Zugang zu dem Präsidenten. In Paris war auch spekuliert worden, dass im Falle des Todes von Arafat sein Ableben so lange nicht verkündet werde, bis die Fragen seiner Nachfolge und seiner Bestattung geregelt seien.

Kein Kontakt zwischen Suha Arafat und Palästinenser-Führung

Schaath sagte, die Delegation wolle Arafat mit eigenen Augen sehen. "Wir müssen uns vor Ort über seinen Zustand informieren." Es gebe so viele widersprüchliche Gerüchte über Arafats gesundheitliche Lage. Der Kontakt zwischen der Palästinenserführung und Suha Arafat sei vor vier Tagen abgebrochen.

Unterdessen berichtete die israelische Zeitung "Jediot Achronot", Israel, die Palästinenser und Ägypten hätten sich darauf geeinigt, eine Trauerfeier für Arafat solle in Kairo, das Begräbnis dann im Gazastreifen stattfinden. Dies wurde aber offiziell nicht bestätigt. Israel würde nicht erlauben, dass Flugzeuge aus arabischen Staaten Trauergäste in den Gazastreifen bringen.

Powell hofft auf reibungslose Machtübergabe

US-Außenminister Colin Powell hat sich verhalten optimistisch über eine reibungslose Machtübergabe in den palästinensischen Gebieten und die Regelung einer Nachfolge von Jassir Arafat geäußert. Er sei beeindruckt, wie die palästinensische Führung seit Beginn von Arafats Behandlung in Paris miteinander diskutiert habe, sagte Powell am Montag auf dem Weg nach Mexiko. Auch dass zurzeit im Nahen Osten ein Rückgang an Gewalt zu verzeichnen sei, gebe Grund zu Hoffnung.

Unterdessen haben Vertreter der US-Regierung und mehrerer EU-Staaten nach Angaben aus US- und Diplomatenkreisen Gespräche über einen neuen Anlauf für einen Nahost-Friedensplan nach dem Tod von Palästinenser-Präsident Jassir Arafat geführt.

Brainstorming im Weißen Haus

Wie am Montag aus US-Kreisen verlautete, trafen sich Vertreter der USA, Deutschlands, Frankreichs, Großbritanniens und anderer EU-Staaten am Freitag im Weißen Haus in Washington. In Diplomatenkreisen wurde von einem "Brainstorming"-Treffen gesprochen, bei dem "die Sichtweisen koordiniert und ausgetauscht" worden seien. Beschlüsse habe es nicht gegeben.

Diplomaten bewerteten das Treffen als ein Zugehen der Regierung von US-Präsident George W. Bush auf die Europäer nach dem jüngsten Streit um das weitere Vorgehen im Nahen Osten. Die USA hatten wiederholt die Europäer dazu gedrängt, Arafat nicht mehr als Verhandlungspartner zu akzeptieren. Die USA und Israel hatten dem 75-Jährigen vorgeworfen, die Gewalt in den Palästinenser-Gebieten anzufachen

"Sollte Arafat sterben, wird es eine neue Situation im Nahen Osten geben und es obliegt den USA, diese neue Situation zu erkennen und bereit zu sein, auf sie zu reagieren", verlautete aus US-Regierungskreisen. Die Zukunft des bisherigen, als "Road Map" bekannten Nahost-Friedensplans dürfte eine wichtige Rolle bei dem geplanten US-Besuch des britischen Premierministers Tony Blair in dieser Woche spielen, hieß es.

AP/DPA/Reuters AP DPA Reuters

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