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PLO-Gelder: Rätselraten über Arafats Finanzen

Wie groß das Vermögen von Jassir Arafat ist, darüber wird viel spekuliert. Während sein Berater sagt, der Palästinenserführer habe "kein Privateigentum", schätzen Geheimdienste sein Vermögen ganz anders ein.

Dass Jassir Arafat zur Sicherung seiner Macht Millionenbeträge ausgegeben hat, ist längst kein Geheimnis mehr. Verbriefte Informationen, wohin das Geld genau floss und ob sich der palästinensische Präsident selbst bereichert hat, gibt es jedoch kaum.

"Arafat hat kein persönliches Eigentum, nirgendwo", sagt sein Finanzberater Mohammed Raschid am Sonntag. "Kein Zelt, kein Haus, keinen Obstgarten." Im US-Magazin "Forbes" wird der palästinensische Präsident dagegen auf Rang sechs der Liste der reichsten Könige und Despoten geführt. Geschätztes Vermögen: 300 Millionen US-Dollar. Nach israelischen Geheimdienstangaben könnte Arafat bis zu 700 Millionen Dollar beiseite geschafft haben, etwa, um für den Fall eines Zwangsexils vorbereitet zu sein.

Arafats Frau wird fürstlich versorgt

Bei den Spekulationen taucht immer wieder der Name Suha Arafat auf, die den PLO-Chef vor 13 Jahren geheiratet hat. Suha Arafat lebt seit vier Jahren mit der gemeinsamen Tochter in Paris, sie floh nach Beginn der zweiten Intifada aus Ramallah. Suha erhält nach palästinensischen Angaben monatliche Überweisungen in Höhe von 100.000 Dollar. In diesem Jahr nahmen französische Staatsanwälte Ermittlungen auf. Anlass sind weitere Überweisungen von 11,4 Millionen Dollar auf ihre Konten. Gegenüber Reportern äußerte sich Suha bislang nicht. Politiker in Ramallah bezeichnen die Präsidentengattin, die sich gerne in Designerkleidung zeigt und in einem Nobelhotel wohnt, als gierige Erpresserin.

Offizielle Buchführung verweigert

Für die PLO setzte 1979 ein immenser Geldzufluss ein. Ein Jahrzehnt lang habe die Palästinensische Befreiungsorganisation jährlich 200 Millionen Dollar erhalten, berichtete der ehemalige Finanzchef der PLO, Dschawid al Ghussein. In dieser Zeit habe er Arafat jeden Monat einen Scheck über 10,25 Millionen Dollar ausgestellt, den der Präsident für PLO-Kämpfer und ihre Hinterbliebenen verwendet habe. Unter Hinweis auf Sicherheitsrisiken habe Arafat eine offizielle Buchführung verweigert.

Die Überweisungen der bisherigen Geldgeber ebbten schlagartig ab, als sich Arafat 1990 mit dem irakischen Staatschef Saddam Hussein solidarisierte und dessen Kuwait-Invasion begrüßte. Der Herrscher aus Bagdad bedankte sich mit Zuwendungen von 150 Millionen Dollar, berichtet PLO-Finanzchef Ghussein. "Das Geld wurde Arafat persönlich übergeben."

In viele Unternehmen investiert

Die immensen Einkünfte der PLO soll Arafat damals in eine ganze Reihe von Unternehmen investiert haben: Von einer Fluglinie auf den Malediven ist immer wieder die Rede, von einer griechischen Reederei, einer Bananenplantage, einer Diamantmine in Afrika und Immobilienprojekten in der ganzen arabischen Welt. Nach Angaben eines ehemaligen PLO-Funktionärs sowie eines palästinensischen Wirtschaftswissenschaftlers, den Arafats Fatah-Organisation mit Nachforschungen beauftragte, wurden die diversen Firmen auf die Namen von Arafats Vertrauten eingetragen.

Ein Großteil des Geldes sei inzwischen verloren, sagt ein ranghohes PLO-Mitglied. Manche Firmen seien Bankrott gegangen. Teils hätten sich Arafats Kumpane mit dem Geld aus dem Staub gemacht, teils seien die Firmen an die Familien von verstorbenen PLO-Funktionären gefallen. Andere Quellen gehen davon aus, dass die PLO noch über einen Großteil des Vermögens verfügt. Ghussein sagt, bei seinem Ausscheiden als Finanzminister 1996 habe die PLO zwischen drei und fünf Milliarden Dollar auf zahlreichen Auslandskonten gehabt.

900 Millionen Dollar auf einem Konto in Tel Aviv

In den 90er Jahren erschloss sich den Palästinensern eine neue Einnahmequelle: Die infolge des Oslo-Abkommens 1994 gebildete Autonomiebehörde erhielt bis 2003 mehr als 6,5 Milliarden Dollar von den Geberländern, ein maßgeblicher Anteil kam von der Europäischen Union. In den ersten Jahren wurden wenige Fragen über die Verwendung der Beträge gestellt.

Nach einem Bericht des Internationalen Währungsfonds (IWF) schleuste Arafat in den ersten sechs Jahren 900 Millionen US-Dollar am offiziellen Haushalt der Behörde vorbei. Das Geld, darunter auch Einnahmen aus israelischen Mehrwehrtsteuerzahlungen für palästinensische Produkte, soll mit Zustimmung der israelischen Regierung auf ein Konto in Tel Aviv geflossen sein. Laut israelischen Geheimdienstangaben wurde der Deal geschlossen, damit Arafat Friedensgegner im eigenen Lager zum Stillhalten bewegen konnte.

Nach Angaben des IWF-Beauftragen für die palästinensischen Gebiete, Karim Naschaschibi, wurden die 900 Millionen Dollar inzwischen wieder dem Haushalt der Autonomiebehörde zugeführt. In den vergangenen drei Jahren schränkte Finanzminister Salam Fajjad den Spielraum Arafats erheblich ein. Der Haushaltsposten für das Präsidialamt wurde von 100 Millionen im Jahr 2002 auf 43 Millionen in diesem Jahr beschnitten.

Karin Laub/AP / AP