VG-Wort Pixel

Presse zur US-Wahl "Vorurteil über Amerikaner weggefegt"


Die Wahl Barack Obamas zum neuen US-Präsidenten lässt die Welt in Verzückung geraten: Selbst die amerikakritischen Franzosen werfen ihre Vorurteile über Bord, wie die Zeitung "Liberation" schreibt. Und der "Daily Telegraph" aus London schiebt den Erfolg auf Obamas schwarze und weiße Wurzeln.

Die Kommentare der internationalen Presse zur Wahl Barack Obamas zum neuen US-Präsidenten kennen nur eine Richtung: Begeisterung, endlich ist der Wechsel da - die Amerikaner haben sich wieder einmal neu erfunden und gezeigt, dass der "American Dream" noch lebt und warum er so anziehend wirkt. Einige Zeitungen aber weisen daraufhin, dass der amtierende Präsident George W. Bush noch weitere 76 Tage im Amt bleiben wird - und diese Zeit nicht ungenutzt verstreichen lassen will.

Die Internationale Presseschau:

Verpassen Sie nichts: Weitere aktuelle Berichte, eine umfassende Grafik zum Stand der Auszählung, Reportagen, Analysen, Kommentare und Fotostrecken, finden Sie hier in unserem Extra zu den Wahlen in den USA.

Der "San Francisco Chronicle"

"Nach drei Jahrzehnten republikanischer Dominanz gibt es deutliche Ermüdungserscheinungen. Das ist eine der sehr seltenen, umgestaltenden Wahlen, die ein Mal in einer Generation vorkommen und die das Ende eines politischen Zeitalters und den Beginn eines neuen einläutet."

Die "International Herald Tribune"

"Nur zur Erinnerung: Ab Mittwoch bleiben George W. Bush immer noch 76 Tage als US-Präsident. Und es scheint, als wollten seine Mitarbeiter keine Zeit verlieren, um kurz vor dem Ende noch einmal einige grundlegende Regeln, etwa beim Klimaschutz, den Bürgerrechten und der Abtreibung, zu ändern - die wenigsten davon in positiver Weise. Die meisten US-Präsidenten haben in letzter Minute ihrer Amtszeit auf diese Weise ihren Stempel aufgedrückt, doch im Fall von Bush kommen die Pläne einer Abrissbirne gleich. Es könnte Monate, wenn nicht Jahre dauern, bis der nächste Präsident die Schäden erkennt und beseitigt."

Das "Wall Street Journal" aus New York

"Die amerikanischen Wähler haben Obama und seinen demokratischen Parteifreunden den überwältigenden Sieg beschert, den sie seit 1976 und in gewisser Hinsicht seit 1964 nicht hatten. Wir werden jetzt sehen, ob die Demokratische Partei seit den letzten Malen etwas gelernt hat, in denen sie in Washington an den Hebeln der Macht gesessen hat. Die demokratische Versuchung wird es sein, den Wahlsieg als Mandat für eine neuerliche liberale Regierung zu sehen. Darauf hoffen die Republikaner. Die letzten drei Male, in denen die Demokraten derartige Siege holten, haben sie sich übernommen und zwei Jahre später große Verluste gemacht."

"Washington Post"

"Niemand sollte die Herausforderungen herunterspielen, die auf Obama zukommen - einschließlich der, dass er Millionen von Amerikanern überzeugen muss, die für seinen Gegner gestimmt haben. Barack Obama kann das Erbe von George W. Bush nicht ausradieren. Aber er hat die Chance, Amerikas Stellung in der Welt zu verbessern, verwerfliche Praktiken wie Folter und unbegrenzte Internierungen zu beenden und damit das schlechte Ansehen, das unser Land in den Augen seiner Verbündeten bekommen hat, zu verbessern."

Die "Los Angeles Times"

"Wahlkämpfe spalten, und dieser war keine Ausnahme. Wenn Kampagnen jedoch Möglichkeiten eröffnen, sind Wahlen die Chance zur Wiedervereinigung. Am Dienstagabend hat der Kampf mit einem überzeugenden Sieg geendet, der die Konturen der politischen Landkarte verändert und uns an die Großartigkeit unserer Geschichte erinnert hat."

"New York Times"

"Sein (Obamas) Sieg war entscheidend und durchschlagend, denn er hat uns gezeigt, woran dieses Land krankt: Es ist das völlige Versagen einer Regierung, ihre Bevölkerung zu beschützen. Er hat eine Regierung angeboten, die nicht vorgibt, dass sie jedes Problem lösen kann. Mit einer Botschaft aus Hoffnung und Kompetenz hat er Wählerschichten erreicht, die ausgeschlossen und stimmlos waren. Die Szenen am Dienstagabend von jungen Männern und Frauen, Schwarzen und Weißen, die in Chicago, New York und in Atlantas sagenumwobener Ebenezer Baptisten-Kirche gemeinsam weinten und jubelten, waren intensiv und tief bewegend."

John McCain macht ihm ein Angebot der Zusammenarbeit und bittet seine Anhänger, sich ebenfalls hinter den neuen Präsidenten zu stellen. Nach einem schmutzigen Wahlkampf scheint McCain wieder gewillt zu sein, dem Land zu dienen und scheut dabei auch nicht vor Kompromissen zurück. Die Wahl seines "running mate" (Sarah Palin), die so nachweislich unvorbereitet für das höchste Staatsamt ist, war der letzte Akt von John McCains Opportunismus und schlechtem Urteilsvermögen, der alles in seinen 26 Jahren im Kongress Erreichte auslöschte."

Die "Chicago Tribune"

"Obamas Sieg ist einer dieser Momente, die zeigen, wie weit diese Nation gekommen ist. Als er 1961 geboren wurde, haben Afro-Amerikaner ihr Leben riskiert, um sich in den Südstaaten zur Wahl registrieren zu lassen. Bürgerrechte und Wahlrechte mussten erst noch installiert werden. Heute ist die Nation bereit, ihre Zukunft in die Hände eines Mannes zu legen, dessen Vater ein Schwarzer war. Seine Wahl ist eine bewegende Rehabilitation der Ideale, auf denen dieses Land gegründet worden ist."

"Liberation" aus Paris

"Bei dieser Wahl wird ein französisches Vorurteil über die Amerikaner weggefegt: Alle vier Jahre beklagen wir die schwache Wahlbeteiligung in den USA. Doch das ist ein Klischee. Angesichts einer historischen Herausforderung und dank der technologischen Erneuerungen des Internets haben wir eine beispielhafte Mobilisierung der amerikanischen Wähler erlebt. Es gab beeindruckende Warteschlangen vor den Wahllokalen und auch die Begeisterung, die sich bei dieser Wahlpflicht äußerte, war außergewöhnlich. Wir mussten auch unsere Meinung über amerikanische Vorurteile revidieren. Erstmals wurden ein Afroamerikaner und eine Frau als Kandidaten für das höchste Staatsamt aufgestellt. Es scheint, als könnte Amerika uns eine Lektion in Demokratie erteilen."

"The Daily Telegraph" aus London

"Obama wird als erster schwarzer Präsident gefeiert, doch es ist seine gemischtrassige Abstammung, die der Schlüssel zu seinem Charakter ist. Er hat sich nicht über seine Rasse identifiziert, was immer in eine politische Sackgasse führt, sondern hat die Werte betont, die alle Amerikaner unabhängig von ihrer Abstammung miteinander verbinden. Obama könnte Amerikas Sicht von sich und die Sicht der Welt über Amerika verändern, die selten so schlecht war. Barack Obama, 44, Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, kann das Ansehen seines Landes als Kraft für das Gute in der Welt wiederherstellen: das ist die wichtigste Veränderung, die er herbeiführen kann."

"El Pais" aus Madrid

"Die Bedeutung der Tatsache, dass die USA zum ersten Mal in der Geschichte einen schwarzen Präsidenten bekommen, ist kaum hoch genug einzuschätzen. Obamas Sieg ist überraschend und revolutionär. Dies ist nicht einmal übertrieben, wenn man bedenkt, dass im Land der unbegrenzten Möglichkeiten vor einem halben Jahrhundert in manchen Bundesstaaten die Schwarzen den Weißen im Bus Platz machen mussten. Der klare Sieg Obamas über John McCain und die hohe Wahlbeteiligung zeigen, dass der Kandidat der Demokraten nicht nur die üblichen Wähler seiner Partei auf seine Seite brachte, sondern auch viele Unabhängige, Konservative und Weiße. Die verheerende Präsidentschaft von George W. Bush hat eines deutlich gemacht: Die USA benötigen eine Erneuerung."

"Al-Watan" aus Damaskus

Die syrische Zeitung "Al-Watan" aus Damaskus: "Wir wissen, dass es journalistisch unprofessionell ist, aber wir wollen, dass er siegt, weil wir den Wunsch von Millionen Amerikanern, Arabern und Journalisten in verschiedenen Teilen der Welt teilen, die einen Wandel in der US-Außenpolitik wollen." Die Zeitung hatte bereits vor der offiziellen Bekanntmachung, Obama zum Sieger der US-Wahlen erklärt.

nik/AP/DPA/Reuters AP DPA Reuters

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker