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Von Moskau bis Fox News Das gefährliche Propaganda-Ping-Pong zwischen Kreml, US-Medien und Politikern

Fox-Moderator Tucker Carlson wird häufig vorgeworfen, die Kreml-Propaganda zu übernehmen
Fox News-Moderator Tucker Carlson. Immer wieder übernimmt er in seiner Sendung Verschwörungserzählungen und Fake News der russischen Propaganda
© Richard Drew / Picture Alliance
Seit Beginn des Ukraine-Krieges läuft die russische Propaganda-Maschinerie auf Hochtouren – und sie wirkt. Dabei spielen auch US-Medien und Politiker eine wichtige Rolle: Fake News sickern auch in die westliche Gesellschaft ein.

Schon Wladimir Putins Begründung für die Invasion der Ukraine liest sich wie eine Desinformation. Russische Truppen seien zu einer "militärischen Spezialoperation" in das Nachbarland aufgebrochen. Noch heute ist das Wort "Krieg" in Russland geächtet – die Propaganda wirkt. Aber nicht nur in Russland selbst. US-Experten für Informationsmanipulation haben nun festgestellt, dass es insbesondere in den USA Synergieeffekte zwischen russischen Fake News, der US-Berichterstattung und Aussagen von amerikanischen Politikern und Aktivisten gibt.

Propaganda-Ping-Pong: US-Medien und Politiker stützen Desinformationen des Kreml

Die russische Propaganda kämpft derzeit einen Zwei-Fronten-Krieg: zum einen muss sie dafür sorgen, dass die russische Bevölkerung über die tatsächlichen Vorgänge in der Ukraine im Dunklen gelassen wird, um den Krieg, der so nicht genannt werden darf, zu rechtfertigen. Zum anderen versucht der Kreml nach Außen zu wirken und seine kruden Thesen auch im Ausland zu verbreiten. 

Beide Aufgaben scheinen derzeit aufzugehen – zumindest teilweise. Während in Russland ein großer Teil der Bevölkerung noch immer nichts von dem Krieg weiß, oder wissen will, verbreiten amerikanische Medien, rechte Politiker und Aktivisten Moskaus Desinformationen in den Vereinigten Staaten. 

Dabei fällt immer wieder ein Name: Tucker Carlson. Der Moderator von Fox News hat eine treue Gefolgschaft: etwa drei Millionen Amerikaner schalten Tag für Tag seine Sendung "Tucker Carlson Tonight" ein, in der er schon oft Halbwahrheiten voller Polemik oder gar Falschinformationen verbreitet hat. Dabei zeigt sich sein Talent, Andeutungen im Raum stehen zu lassen, die leicht (fehl)-interpretiert werden können.

Während der Corona-Pandemie arbeitete Carlson sich mit Vorliebe an der Impfdebatte ab: Er erklärte diffus und mehrdeutig, die Regierung benutze die Impfung gegen das Coronavirus als "soziale Kontrolle", um im nächsten Moment Bill Gates zu erwähnen. Denn der habe eine "große Macht" darüber, was wir mit unseren Körpern anstellen, wie die "NZZ" berichtet. 

Tucker Carlson als Ausgangspunkt für Fake News

Seitdem Putin den Einmarsch in die Ukraine befohlen hat, hat auch Carlson ein neues Lieblingsthema gefunden. Bei mehreren Kommentaren übernahm er die russische Kriegspropaganda, die etwa den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj verunglimpfte. 

Carlson dient dabei als Quelle für einige rechte Politiker der Republikaner und Aktivisten, die seine Beiträge gerne teilen oder recyclen.  

Im vergangenen Monat etwa wiederholte Carlson ungeprüft eine rechte Verschwörungserzählung, wonach der Sohn von Präsident Joe Biden, Hunter Biden, angeblich in Verbindung mit der Finanzierung eines Labors für Biowaffen in der Ukraine stehe.

Rechte Politiker und Aktivisten sprangen auf diese Desinformation auf, ebenso der Kreml – eine Rückkopplungsschleife.

Zwei konservative Kongressabgeordnete der Republikaner, Madison Cawthorn und Marjorie Taylor Greene, erfreuten Moskau im vergangenen Monat zudem, indem sie Selenskyj ohne Beweise mit verschwörerischen Begriffen verurteilten, die eine überparteiliche Kritik hervorriefen. Cawthorn nannte Selenskyj einen "Verbrecher" und seine Regierung "unglaublich korrupt", während Greene Selenskyj in ähnlicher Weise als "korrupt" bezeichnete.

Darüber hinaus versuchte die ehemalige Kongressabgeordnete Tulsi Gabbard, eine Demokratin, Putins hartes Durchgreifen gegen unabhängige Medien in Russland abzumildern. Reportern und anderen Bürgern in Russland drohen Gefängnisstrafen von bis zu 15 Jahren, wenn sie sich nicht an die Linie des Kremls halten und das verbreiten, was Moskau als "gefälschte" Nachrichten über die Invasion in der Ukraine betrachtet.

Gabbard stellte die Behauptung auf, dass "das, was wir hier [in Amerika] erleben, sich nicht so sehr von dem unterscheidet, was wir in Russland erleben". 

Das russische Staatsfernsehen lobte Gabbard kürzlich als "unsere Freundin Tulsi", während es ein Carlson-Interview mit ihr ausstrahlte, in dem Gabbard Biden der "Lüge" über seine wahren Motive in der Ukraine bezichtigte. Zuvor hatte Biden in Warschau gesagt, dass Putin "nicht an der Macht bleiben kann".

Laut Desinformationsexperten, haben die falschen Erzählungen der US-Rechten und des Kremls während des Krieges einige neue Wendungen erfahren. Sowohl die Fülle an verschwörungslastigen Nachrichten habe sich erhöht, sowie derer, die offensichtlich falsch sind. 

"Ein wechselseitiger Strom von verschwörerischen Narrativen"

"Wir sehen oft einen wechselseitigen Strom von verschwörerischen Narrativen, die vom rechten amerikanischen Informations-Ökosystem zum Kreml und wieder zurück fließen, sodass eine Rückkopplungsschleife entsteht, die die Botschaften beider Gruppen verstärkt und unterstützt", sagte Bret Schafer, der das Team für Informationsmanipulation der Alliance for Securing Democracy leitet, dem britischen "Guardian".

Schafer merkte an, dass die Rückkopplungsschleife "am besten durch die jüngsten Bemühungen, Hunter Biden mit einem von den USA geführten Biowaffenprogramm in der Ukraine in Verbindung zu bringen, belegt wird.

Hier könne man deutlich sehen, wie ein beliebtes inländisches Narrativ mit einer ausländischen Desinformationskampagne verschmilzt, die bestimmten Zielgruppen vertrauter und daher plausibler erscheint.

Schafer fügte hinzu, dass "einflussreiche amerikanische Verschwörungstheoretiker das Narrativ zunächst vorantrieben, um es dann über die höchste Ebene – die russischen Regierung –verstärken zu lassen und so zu legitimieren".

Thomas Rid, Professor an der Johns Hopkins Universität forscht seit Jahren zu russischer Informationskriegsführung. Er erklärte der "New York Times": "Man fragt sich, ob die US-Rechten Russland beeinflusst oder ob Russland die US-Rechten beeinflusst. Die Wahrheit ist: sie beeinflussen sich gegenseitig – sie treiben die selben Narrative voran."

"Putin und seine Oligarchen sind sich des Einflusses in der rechten amerikanischen Politik bewusst und nutzen sie aus, wann immer sie können", so der demokratische Senator Sheldon Whitehouse.

Es gebe auch eine klare Vorliebe für putineske Machthaber in einigen Ecken der republikanischen Partei, die mit Trump beginne. All dies zeige, dass es mehr Transparenz brauche, damit das amerikanische Volk versteht, wer seine Politik beeinflusst und warum, fügte Whitehouse hinzu.

Die Auswirkungen der Rückkopplungsschleife zwischen Moskau und Teilen der amerikanischen Rechten zu beurteilen, sei "immer außerordentlich schwierig", erklärt Schafer. Aber wenn einflussreiche politische Persönlichkeiten und Experten in den meistgesehenen Nachrichtensendern in Russland und den Vereinigten Staaten dieselben Narrative wiederholten, würden diese Narrative ein großes Publikum erreichen.

Angesichts der Tatsache, dass viele in diesem Publikum die "Mainstream"-Medien ablehnen und ihnen misstrauen, könne keine noch so gute Faktenprüfung und objektive Berichterstattung die Einstellung ändern, dass bestimmte Unwahrheiten als Fakten angenommen würden, so Schafer.

Quellen: The Guardian, The New York Times, Alliance for Securing Democracy, Neue Zürcher Zeitung

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