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Proteste in Griechenland Angst vor einem Bürgerkrieg


Auf den Straßen Athens tobt der Widerstand. Die Wut der Griechen gegen die von der EU verordnete Sparpolitik entlädt sich in Gewalt. Droht ein Bürgerkrieg?
Von Manuela Pfohl und Natalia Sakkatou

Das schöne alte Attikon-Kino ist abgebrannt? Anna kann es kaum glauben. "Und hier, Mikis Theodorakis und Manolis Glezos, schau dir die beiden an, wie schrecklich sie aussehen." Das Bild in der Tageszeitung "Avgi" macht die Griechin besonders betroffen. Theodorakis ist 86, Glezos 89. Beide waren am Sonntag bei der Demo gegen die EU-Sparbeschlüsse vor dem Athener Parlament. Beide standen mitten im Tränengas. "Schämen sich die Polizisten denn gar nicht", fragt Anna ihren Mann Vangelis. Doch was soll der sagen? Es ist, als würde die Situation in Griechenland sich langsam aber stetig immer weiter radikalisieren, ohne Aussicht auf ein Ende. Manche reden schon ganz offen von einem kommenden Bürgerkrieg.

Eigentlich hatte kaum jemand in Griechenland erwartet, dass das Parlament sich am Sonntag gegen die von der EU geforderten Sparpläne stellen würde. Anna, Costas und Chryssa kamen dennoch am frühen Abend auf den Syntagmaplatz mitten im Zentrum Athens, um ihrem Ärger über die neuen Sparbeschlüsse Luft zu machen. Anna ist 75 Jahre alt, sie und ihr Mann Vangelis müssen schon jetzt jeden Cent dreimal umdrehen, um mit den 800 Euro Rente, die sie gemeinsam haben, überhaupt über die Runden zu kommen. Ihre Freundin Chryssa bekommt mit ihren 65 Jahren 470 Euro Rente, die noch versteuert werden muss und demnächst auf monatlich 390 Euro abgesenkt werden soll. Nun soll noch weiter in allen sozialen Bereichen gekürzt werden. Eine Forderung, die die Griechen am vergangenen Wochenende in Massen auf die Straßen trieb und in Athen für die schlimmsten Ausschreitungen seit Jahren sorgten.

Die erschreckende Bilanz am Tag danach: Insgesamt wurden 45 Gebäude komplett oder zum Teil durch Brände zerstört, wie die Behörden mitteilten. An den Fassaden Dutzender Häuser waren zerbrochene Scheiben und zerstörte Fensterläden zu sehen. Die Stadtreinigung war stundenlang damit beschäftigt, Tausende Steine aufzusammeln, die aus dem Pflaster gerissen und als Wurfgeschosse benutzt worden waren. Trümmer angezündeter Mülltonnen und Glasscherben mussten beseitigt werden.

Nach Angaben des Gesundheitsministeriums wurden 54 Menschen verletzt, die Polizei gab die Verletztenzahl in den eigenen Reihen mit 68 an. 67 Menschen wurden festgenommen. Zu den durch die Feuer zerstörten Gebäuden zählen zahlreiche neoklassizistische Bauten aus der Zeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Unter anderem eben auch das Attikon-Kino.

Drei Rentner widerstehen dem Tränengasnebel

Anna und ihre beiden Freunde, ein Verlegerehepaar, haben die Straßenkämpfe des Abends und der Nacht nicht miterlebt. Als sie im Tränengasnebel sahen, wie die Situation eskalierte und gegen 20 Uhr vor den Polizisten flüchteten, die auf Motorrädern aus dem "Volksgarten" preschten, wussten sie, dass die Zeit ihres friedlichen Protestes vorbei war.

Was sie am Montagmorgen in den Nachrichten hören und lesen, macht sie ratlos. Die gewaltsamen Proteste hatten auch auf die Touristeninseln Kreta und Korfu, Thessaloniki im Norden und Städte im Zentrum des Landes übergegriffen. Es scheint, als breche sich die Wut mit aller Gewalt Bahn. Im Fokus des Protestes ist die Politik, die am oberen Ende des Syntagmaplatzes im Parlament sitzt und von einem massiven Polizeiaufgebot vor ihrem empörten Volk geschützt werden muss. Lässt sich auf dieser Basis überhaupt noch etwas im Land zum Besseren wenden?

Erst brennt die Luft, dann folgt die Agonie

Schon vor fast einem Jahr, im Mai 2011, hatte Hans-Werner Sinn, der Chef des Ifo-Instituts, für einen Austritt Griechenlands aus der Eurozone plädiert. Er meinte damals in einem Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung", wenn Griechenland aus dem Euro austrete, könnte es abwerten und wettbewerbsfähig werden. Einfach und ohne herbe Einschnitte für die Griechen ginge das zwar nicht. Allerdings hielt er den Austritt damals für das kleinere Übel. Wenn Griechenland stattdessen versuche, eine sogenannte interne Abwertung im Euroraum durch Kürzung von Löhnen und Preisen hinzukriegen, geriete es laut Sinn an den Rand des Bürgerkrieges.

Eine Befürchtung, die seit dem immer dann wieder geäußert wurde, wenn in Griechenland "die Luft brannte". Und das war inzwischen mehr als einmal der Fall. Doch Massenstreiks und Massendemos folgten stets eine Art kollektiver Agonie und der Versuch, sich doch irgendwie mit den Verhältnissen zu arrangieren. Bis beim nächsten Sparpaket alles von vorn begann.

Probleme mit der Herstellung der Ordnung

Anna sieht noch keinen Bürgerkrieg, allerdings glaubt sie, dass die Situation dennoch höchst gefährlich ist. "Man kann überhaupt nicht einschätzen, wohin es mit unserem Land geht. Das macht mir Angst." Offenbar weiß auch Christos Papoutsis, Chef des griechischen Bürgerschutzministeriums, nicht, was er von der jüngsten Gewalt auf den griechischen Straßen halten soll. Die Athener haben halb amüsiert, halb entsetzt registriert, dass er am Sonntag weder im Parlament noch sonst wo gesichtet wurde. Mehrere Parlamentarier haben zwar nach ihm und seinem Konzept für die Befriedung der Situation gefragt, aber ohne eine Antwort zu bekommen, wo er sich aufhält.

Stattdessen hat Georgios Karatsaferis, Chef der extrem rechten Laos-Partei erklärt, dass die Polizei offenbar "Probleme mit der Herstellung der Ordnung" habe, und dass daher vielleicht bald andere Ordnungskräfte vonnöten seien. In einer linken Tageszeitung wurde daraufhin spekuliert, er könnte die rechte Schlägertruppe "Chryssi Avgi", zu Deutsch "Goldene Morgendämmerung, meinen. Das allerdings wäre ein ernster Schritt in Richtung Bürgerkrieg.

Sind "dunkle Kreise" für die Ausschreitungen verantwortlich?

Ohnehin macht die derzeitige innenpolitische Gemengelage vielen Griechen Sorgen. Die Situation sei historisch vergleichbar mit der Situation Ende des Bürgerkrieges, ab 1958 und Anfang der 60er Jahre. Der Prozentsatz der Linken war damals in etwa so hoch wie jetzt. Die Kommunistische Partei liegt bei rund 20 Prozent, die demokratische Linke bei 18,5 Prozent. Gleichzeitig hat die extreme Rechte verloren - und versucht nun mit einer Fundamentalopposition zur EU Stimmen für die anstehenden Parlamentswahlen zu sammeln. Das heißt, die ohnehin schon instabile Lage wird durch den beginnenden Wahlkampf noch zusätzlich destabilisiert. Anna mag gar nicht darüber nachdenken, was sich daraus alles entwickeln kann.

Mehr als 100.000 Menschen waren am Sonntag bei der Demo in Athen. Die Hauptstraßen Panepistimiou, Stadiou, die Einkaufsstraßen Athinas und Ermou und der Syntagmaplatz vor dem Parlament sahen am Montagmorgen wie ein Trümmerfeld aus. Zahlreiche Läden und Banken wurden schwer beschädigt und geplündert, dutzende Ampeln zerschlagen. Empörte Händler standen am Morgen ratlos vor den Trümmern ihrer Geschäfte. Anna hat selbst alte Menschen, von denen sie es nie erwartet hätte, gesehen, wie sie Steine aufhoben und in Schaufensterscheiben warfen.

Alle Parteien des Landes verurteilten die schweren Ausschreitungen und machten "dunkle Kreise" für das Chaos verantwortlich. Anna kann die Verzweiflung vieler verstehen, will aber nicht glauben, dass die massive Eskalation zufällig war. Sie vermutet, dass der eine oder andere Agent Provocateur zum Drama beigetragen habe. Auch die Reaktion der Polizei kann sie nicht verstehen. Warum hatte sie schon um 17 Uhr, kurz nach Beginn der Demo, als alles noch ganz friedlich war, mit Tränengas auf die Leute geschossen?

Ein Nationalheld bekommt Prügel

Am meisten jedoch schockiert sie am Montagabend noch immer das Zeitungsbild von Mikis Theodorakis und Manolis Glezos. "Denk nur, wer Glezos ist", sagt sie. "Einer der beiden jungen Männer, die 1943 während der der deutschen Besatzung in einer spontanen Einzelaktion die Hitler-Fahne von der Akropolis geholt und dafür die griechische Flagge gehisst hatten." Ein Nationalheld, der all die Jahre gefeiert wurde. Und nun? Schon im Juni 2011 war der 89-Jährige bei den Protesten von der Polizei verprügelt worden. "Jetzt steht der Mann wieder da und kämpft wie Tausende andere Alte, die in ihrem Leben schon mehr als einmal für Demokratie und soziale Gerechtigkeit eingetreten sind, die verfolgt wurden, in Gefängnissen und Konzentrationslagern gesessen haben. Wer hätte gedacht, dass wir in unserem Alter gezwungen sind, wieder für die gleichen Sachen auf die Straße zu gehen."


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