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Proteste in Istanbul: Tränengas und Wasserwerfer - "Das ist türkische Demokratie"

Wasserwerfer rasen auf Demonstranten zu, wieder zieht Tränengas durch Istanbuls Straßen. Die Proteste in der Türkei reißen nicht ab. Ministerpräsident Erdogan setzt dennoch weiter auf Polizeigewalt.

Auf der Istanbuler Straße Istiklal Caddesi herrscht das übliche Samstagabendgetümmel, Türken und Touristen bummeln über die Einkaufsmeile. Dazwischen sind Gruppen von Demonstranten in der Fußgängerzone auf dem Weg zum Taksim-Platz. Für 19.00 Uhr hat das Protestbündnis "Taksim Solidarität" dazu aufgerufen, in den abgeriegelten Gezi-Park einzudringen. Schon um 18.30 Uhr macht die Polizei deutlich, dass sie wieder gnadenlos gegen die Proteste vorgehen wird, die seit mehr als fünf Wochen die Türkei erschüttern.

Erneut wird Istanbul - europäische Kulturhauptstadt von 2010 und Bewerber für Olympia 2020 - zum Schauplatz von Polizeigewalt. Auf der Istiklal Caddesi rasen Wasserwerfer in voller Fahrt auf Demonstranten zu, die panisch davonrennen. Einige hundert Meter weiter haben Polizisten den Taksim-Platz abgeriegelt, an dem der Gezi-Park liegt. Auch dort rücken Wasserwerfer gegen Tausende Demonstranten vor, die bis dahin friedlich gewesen sind. Von umliegenden Balkonen rufen Menschen Solidaritätsbekundungen. Ein paar Mutige stemmen sich gegen einen der Wasserwerfer, gegen den sie keine Chance haben.

Gasgewehre und Galgenhumor

Immer wieder knallt es, wenn ein Polizist eine Tränengasgranate abfeuert. Ein Junge und ein Mädchen, beide vielleicht zehn Jahre alt, weinen vor Schmerzen. Gaswolken ziehen durch die Straßen. Polizisten mit gezogenen Schlagstöcken verfolgen fliehende Demonstranten in Seitengassen. Zur Einschüchterung legen sie mit Gasgewehren auf Menschen an. "Das ist türkische Demokratie", sagt ein Kellner, dessen Kneipe zum Zufluchtsort vor dem Reizgas wird, mit Galgenhumor.

Seit mehr als fünf Wochen lässt der islamisch-konservative Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan mit Härte gegen die Proteste vorgehen, die sich gegen seinen autoritären Führungsstil richten und für die er keinerlei Verständnis zeigt. Er kritisiert, internationale Medien würden verzerrt berichten und die Proteste anheizen. Die Polizei hingegen, so sagte er kürzlich, habe ihren "Demokratietest" bestanden und ein "Heldenepos" geschrieben.

Verzerrte Darstellung in den Medien

Nach Ansicht Erdogans lassen sich die Demonstranten von einer türkeifeindlichen "Zinslobby" vor den Karren spannen. Was in Deutschland eine breite Diskussion darüber auslösen würde, wer damit eigentlich gemeint sein solle, hinterfragen Massenmedien in der Türkei kaum. Erdogans Stellvertreter Besir Atalay versuchte sich anscheinend an einem Erklärungsansatz und #link;http://www.stern.de/politik/ausland/aufstand-gegen-erdogan-tuerkischer-vize-premier-macht-juden-fuer-proteste-verantwortlich-2032765.html;machte die "jüdische Diaspora" für die Proteste mitverantwortlich#. Entsprechende Medienberichte ließ er zwar dementieren. Aus einem Video-Mitschnitt geht aber hervor, dass er die "jüdische Diaspora" benannt hat.

Türkische Medien berichten über die Proteste in Ägypten viel breiter als über die im eigenen Land. Und manche Zeitung nimmt es mit der Wahrheit nicht so genau. Das Blatt "Takvim" konterte Kritik von Bundeskanzlerin Angela Merkel an der Polizeigewalt in der Türkei mit der Überschrift "Heil Merkel". Auf dem Foto scheint die Kanzlerin den Arm zum Hitlergruß gestreckt zu haben. Daneben beschreibt "Takvim" den Fall des Mannes, den ein Polizist in Berlin erschossen hat. Im "Takvim"-Artikel wird aus dem psychisch verwirrten Mann allerdings ein "Demonstrant", der zum Opfer deutscher "Polizeigewalt" wurde.

"Der Widerstand wird weitergehen!"

Manche Vorwürfe der türkischen Regierung gegen die Demonstranten sind widerlegt, werden aber dennoch wiederholt - etwa der, wonach Demonstranten in einer Moschee Bier getrunken haben sollen. In dem Gotteshaus wurde Erste Hilfe geleistet. Der Imam der Moschee bestreitet, dass Demonstranten dort Alkohol tranken.

Während angebliche Aufrührer festgenommen werden, wurde ein Polizist freigelassen, der einen Demonstranten in Ankara erschossen haben soll. Der Polizist argumentiert, er habe aus Selbstverteidigung gehandelt, Demonstranten hätten ihm davor Helm und Schlagstock entrissen. Auf einem Youtube-Video ist zu sehen, wie er nach den Schüssen davonrennt - mit Helm und Schlagstock.

Die Demonstranten fühlen sich von der Regierung verunglimpft, von der Polizei misshandelt und von den Medien ignoriert. Resignieren lässt sie das nicht. Das Protestbündnis "Taksim Solidarität" kündigt am Sonntag an, es lasse sich nicht einschüchtern. Und auf Twitter schreibt Nutzerin @YesimNuman unter dem Hashtag #occupygezi Erdogan ins Stammbuch: "Jeder versteht es außer Tayyip: Wir haben gerade erst angefangen. Der Widerstand wird weitergehen!"

Can Merey, DPA / DPA