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Krieg in der Ukraine Putin gibt Cherson auf – das steckt hinter dem Manöver

Ukarnische Truppen passieren ein Wrack.
Ukarnische Truppen passieren ein Wrack.
© Andriy Andriyenko / dpa
Russlands größte Niederlage steht bevor. Die eroberte Großstadt Cherson wird geräumt. Ist das ein Trick? Und: Was passiert nach dem Rückzug?

Cherson ist den Russen kurz nach der Invasion fast mühelos in die Hand gefallen. Die Eroberung der Stadt war damals schwer erklärlich, weil kleine, entschlossene Gruppen von Soldaten, den Übergang über den Fluss zumindest zeitweise hätte sperren können.

Nun hat der Oberbefehlshaber Sergej Surowikin dem russischen Verteidigungsminister Schoigu mitgeteilt, dass er seine Truppen vom Ost-Ufer des Flusses zurückziehen wird. Schon der Auftritt, der im russischen TV gezeigt wurde, ist bemerkenswert. Trotz einiger beschönigender Formulierungen wird die Niederlage in der Region Cherson offen eingestanden.

An den TV-Auftritten von Präsident Zelensky kann man die hollywoodeske Perfektion kritisieren. Im Russen-Clip erlebt man das Gegenteil. Der massige General schwitzt vor der Kamera und liest die Worte nur stockend von einem Teleprompter ab. Der "Genosse" Verteidigungsminister hört zu – übernächtigt und innerlich ausgebrannt. Beide zusammen werden zum Sinnbild der Niederlage.

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Verlust eines großen Brückenkopfes

Und tatsächlich handelt es sich um eine solche. Vom westlichen Ufer aus konnten die Russen die Ukraine massiv bedrohen – durch einen Vorstoß Richtung Westen, um Odessa abzuschneiden – oder in den Norden, um das Land zu halbieren. Allein diese Möglichkeiten banden Truppen der Ukraine. Doch nun wird die Position aufgegeben. Am Boden konnten die Ukrainer kontinuierlich Raum gewinnen, doch die Schlacht wurde durch die Logistik entschieden. Kiew hat zunächst systematisch die Brücken über den Fluss zerstört, dann wurde auch noch die Krim-Brücke schwer beschädigt. In der Folge wurde die Nachschubsituation der Russen kritisch. Gleichzeitig üben die Bodentruppen der Ukraine Druck aus, was wiederum den russischen Bedarf nach Material nach oben schnellen lässt. Russland ist nicht in der Lage die Widerstandskraft der Truppen zu erhalten.

Gefahr der kompletten Niederlage

Hinzu kommt eine Gefahr, die in dem Video angesprochen wird. Sollte eines der Sperrwerke flussaufwärts gesprengt werden, wäre es vollends unmöglich, die Truppen am anderen Ufer zu versorgen, dann könnte man sie auch nicht mehr geordnet auf das Ostufer zurückziehen. Nach so einer Sprengung und der folgenden Überflutung wäre alle Soldaten am Westufer verloren gewesen. Kiew hat stets zurückgewiesen so eine Sprengung durchführen zu wollen – auch weil die Überflutung viele zivile Opfer kosten würde. Da ändert aber nichts daran, dass diese Möglichkeit existiert und den Kosten ein sehr verlockender Gewinn gegenübersteht.

Kiew misstraut dem Rückzug. Doch derzeit ziehen sich die russischen Truppen Richtung Cherson zurück. Wie lange das dauert und ob nicht doch ein kleiner Brückenkopf am anderen Ufer bleibt, weiß niemand. Auf dem Rückzug legen die Russen Minen aus und sprengen Brücken – auf diese Weise verzögern sie den Vormarsch der ukrainischen Truppen. Ihr Ziel ist es, sich kampflos vom Feind zu lösen. Eine großartige Falle wird es nicht geben.

Wie würde so etwas aussehen? Die russische Front bricht an einem Abschnitt zusammen, die Ukraine rückt stürmisch vor und wird dann überraschend an der Flanke angegriffen. "Schlag aus der Nachhand", nannte der deutsche Stratege Erich von Manstein dieses Manöver. Doch Russland fehlt es an einer schlagkräftigen Reserve und auch jeder Gegenangriff hätte den Fluss im Rücken und damit ein Problem mit dem Nachschub. Nach dem bisherigen Abschneiden der russischen Truppen ist es illusorisch zu glauben, sie seien zu so anspruchsvollen Manövern in der Tiefe in der Lage. Das bedeutet natürlich nicht, dass nicht Fallen und kleinere Vorstöße den Ukrainern begegnen können.

Die Aufgabe von Cherson ist ein großer Sieg für Kiew und eine massive Niederlage für Russland. Daran gibt es gar nichts zu deuteln. Putin verliert hier die Gebiete, die er erst vor Kurzem mit großem Pomp annektiert hat. Kiew befreit die erste richtige Großstadt. Erneut wird deutlich, dass sich die Tide gewendet hat – Kiew marschiert voran und die russische Invasionsarmee ist am Rande einer kompletten Niederlage.

Kämpfe werden sich verlagern

Unabhängig von vereinzelten Gefechten oder etwaige Widerstandsnester wird die Einnahme von Cherson nicht zu einem massiven Durchbruch führen. Der riesige Fluss ist schwer zu überqueren, es gibt keine Brücken für den Nachschub mehr. Und auch Russland hätte die Möglichkeit, den Fluss zu überfluten und so ukrainische Truppen, die auf das Ostufer übergesetzt sind, komplett abzuschneiden.

Beide Seiten werden hinter dem Bollwerk Dnjepr Stellung beziehen und sich vermutlich gegenseitig mit Artillerie und Drohnen bekämpfen. Der größere Teil der Truppen wird dann verlegt in einer Region, die sich besser für offensive Operationen eignet. Die Ukraine könnte die Truppen bei Saporischschja über den Dnjepr bringen und dann weiter östlich in der Steppe in Stellung bringen. Das wäre die Zone zwischen den Festungsbollwerken im Donbass und dem Dnjepr. Beide Seiten könnten einen Sieg dort zu einem tiefen Durchbruch nutzen. Kiew lockt die Aussicht, bis zum Meer vorstoßen zu können, und so die okkupierten Gebiete in zwei Zonen zu schneiden. Russland nimmt diese Bedrohung zumindest ernst und hat begonnen. Mariupol erneut zu befestigen.

Umgekehrt könnten russische Einheiten im Falle eines Sieges Richtung Norden vorstoßen. Ihre linke Flanke würde durch den Dnjepr geschützt. Ein tiefer Vorstoß in den Norden würde die Donbassfront von Kiews Truppen zum Einsturz bringen. Kurzfristig hat Russland nach dem Rückzug eine neue Option im Krieg um das Stromnetz. Sobald die eigenen Truppen vom Westufer des Dnjepr abgezogen sind, könnten zumindest in der Theorie, die Kraftwerke des Flusses angegriffen werden.

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