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Krieg in der Ukraine Welche Folgen eine Vertreibung aus Cherson für Russland hätte – und für Putin

Russland Präsident Wladimir Putin hat die Region Cherson im Süden der Ukraine widerrechtlich annektiert
Russland Präsident Wladimir Putin hat die Region Cherson im Süden der Ukraine widerrechtlich annektiert – nun droht er dort die Kontrolle zu verlieren
© Gavriil Grigorov / Picture Alliance
Im Zuge ihrer seit Wochen andauernden Gegenoffensive rückt die ukrainische Armee immer weiter auf Cherson vor. Für Russland hätte eine Vertreibung aus der südukrainischen Stadt schwerwiegende Konsequenzen.

Die russische Armee gerät in der Region Cherson immer stärker in Bedrängnis. Angesichts der vorrückenden ukrainischen Streitkräfte forderten die Besatzer am Wochenende alle Zivilisten auf, die gleichnamige Hauptstadt der Provinz im Süden der Ukraine sofort zu verlassen. Die US-Denkfabrik Institute for the Study of War wertet den dringenden Aufruf als Hinweis darauf, dass Moskau "nicht mit einer raschen Rückkehr der Russen oder der Zivilbevölkerung" in die Stadt rechne und offenbar versuche, sie zu entvölkern, um ihre "langfristige soziale und wirtschaftliche Lebensfähigkeit" zu schädigen.

Russland hatte Cherson im März besetzt. Eine Vertreibung seiner Truppen wäre für Kremlchef Wladimir Putin nach einer Reihe von Niederlagen auf dem Schlachtfeld eine neuerliche Demütigung. Und auch aus strategischer Sicht wäre eine Rückeroberung der Stadt durch die Ukraine für Russland ein schwerer Schlag.

Warum ist Cherson so wichtig?

Cherson mit seinen einstmals 280.000 Einwohnern ist die einzige Regionalhauptstadt, die von den russischen Streitkräften erobert wurde. Die Stadt und die umliegenden Gebiete waren bereits im März – also kurz nach Beginn der russischen Invasion am 24. Februar – in die Hände Moskaus gefallen, als russische Truppen ihren Angriff von der Krim aus schnell nach Norden vorantrieben. Ukrainische Widerstandskämpfer haben den Besatzern seitdem mit Sabotageakten und Attentaten auf von Moskau eingesetzte Beamte zugesetzt.

Der Verlust von Cherson war für die Ukraine ein schwerer Schlag, da die Stadt ein wichtiges Industriezentrum ist und am Ufer des Flusses Dnipro in der Nähe der Mündung ins Schwarze Meer liegt. Über Cherson läuft zudem die Frischwasserversorgung der Krim. Kiew hatte diese für die Menschen dort lebenswichtige Versorgung nach der Annexion der Halbinsel durch Russland im Jahr 2014 blockiert und Putin hatte die Notwendigkeit, sie wiederherzustellen, als einen Grund für seinen Einmarsch in die Ukraine angeführt. Im Oktober verkündete der Kremlchef dann den Anschluss Chersons an Russland. Diese völkerrechtswidrige Annexion wird international aber nicht anerkannt.

Die Gegenoffensive der Ukraine zur Rückeroberung von Cherson läuft bereits seit dem Sommer. Dabei konnte Kiew mithilfe von Himars-Raketenwerfern aus den USA wiederholt die russischen Nachschubwege über den Dnipro bombardieren und Putins Truppen zwingen, auf eine schwimmende Behelfsbrücke und Fähren auszuweichen. Die Versorgungsprobleme der Besatzer wurden noch verschärft, als die strategisch wichtige Brücke von Kertsch, die das russische Festland mit der Krim verbindet und als wichtiger Nachschubknotenpunkt für die russischen Streitkräfte im Süden diente, am 8. Oktober durch eine LKW-Bombe schwer beschädigt wurde. Mittlerweile gelten Russlands Soldaten auf dem rechten Dnipro-Ufer als weitgehend abgeschnitten.

Welche Folgen hätte eine Vertreibung aus Cherson für Russland?

Moskaus mutmaßlicher Plan war einmal, weiter nach Westen in Richtung der Städte Mikolajew und Odessa vorzudringen, um der Ukraine den Zugang zum Schwarzen Meer abzuschneiden. Das wäre zum einen ein verheerender Schlag für die ukrainische Wirtschaft, zum anderen würde es dem Kreml ermöglichen, einen Landkorridor zur separatistischen Region Transnistrien in der Republik Moldau zu errichten, in der sich ein wichtiger russischer Militärstützpunkt befindet.

"Der Verlust von Cherson wird all die südlichen Träume des Kremls zu Staub zerfallen lassen", zitiert die Nachrichtenagentur Associated Press (AP) den ukrainischen Militäranalysten Oleg Zhdanov. "Cherson ist ein Schlüssel zur gesamten südlichen Region, der es der Ukraine ermöglichen würde, wichtige Nachschubwege für die russischen Streitkräfte ins Visier zu nehmen. Die Russen werden mit allen Mitteln versuchen, die Kontrolle über die Stadt zu behalten."

Für die Ukraine dagegen wäre die Vertreibung der Besatzer aus Cherson die Voraussetzung für die Rückeroberung des von Russland gehaltenen Teils der Region Saporischschja und anderer Gebiete im Süden sowie für einen möglichen Vorstoß auf die Krim. "Die Ukraine muss nur abwarten, bis ihr Cherson wie ein reifer Apfel in die Hände fällt, denn die Versorgungslage für die russische Einheit der Streitkräfte verschärft sich von Tag zu Tag", sagte Zhdanov.

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Und die Rückeroberung von Cherson würde Kiew noch ein weiteres Ass in die Hände spielen: Die Stadt sei strategisch auch mit Blick auf die Krim bedeutend, da die Kontrolle über sie es ermögliche, die Trinkwasserzufuhr auf die von Russland annektierte Halbinsel zu unterbrechen, stellte der Militärexperte Carlo Masala im stern-Podcast "Ukraine – die Lage" fest. "Das wäre für die Russen auf der Krim eine große Katastrophe". Der Kreml müsse deshalb ein Interesse daran haben, seine Stellungen in Cherson zu verteidigen, erklärte der Politikprofessor der Bundeswehruniversität München.

Das sieht auch Zhadonv so: "Nach der Räumung von Cherson werden die Russen wieder Probleme mit der Wasserversorgung der Krim haben", prognostizierte er im AP-Interview. "Die Russen wären eher bereit, Cherson vom Angesicht der Erde zu tilgen, als es der Ukraine zu überlassen." Der Militärexperte befürchtet, dass Putin dafür sogar bereit wäre, den Staudamm des Wasserkraftwerks Kachowka am Dnipro zu zerstören, was zu massiven Überschwemmungen in dem überwiegend flachen Gebiet führen würde. "Die Russen wollen zeigen, dass der Kreml, der die Region zu einem Teil Russlands erklärt hat, eine ukrainische Gegenoffensive mit einer harten Reaktion beantworten würde, und es ist beängstigend, sich vorzustellen, wie diese Reaktion aussehen könnte."

Auch Kiew beschuldigt Moskau, den Staudamm zerstören zu wollen. Demnach habe Russland den Damm vermint, um mit einer Flutwelle ein ukrainisches Vordringen nach Cherson zu stoppen. Präsident Wolodymyr Selenskyj warnte vergangene Woche vor einer "Katastrophe großen Ausmaßes". Im Falle eines Dammbruchs seien Hunderttausende Menschen am Fluss Dnipro in Gefahr. Auch das Kühlsystem des Atomkraftwerks Saporischschja könnte durch eine unterbrochene Wasserversorgung beeinträchtigt werden.

Was würde die Aufgabe von Cherson für Putin bedeuten?

Der Verlust der Kontrolle über die Region Cherson und andere südliche Gebiete hätte auch für Putin selbst unangenehme Folgen im In- und Ausland, erklärte Volodymyr Fesenko, Leiter der unabhängigen Denkfabrik Penta Center mit Sitz in Kiew, gegenüber AP. "Wenn die Russen Cherson verlassen, wird der Kreml mit einer weiteren Welle heftiger Kritik an der Militärführung und den Behörden im Allgemeinen aus ultrapatriotischen Kreisen konfrontiert." Zudem würde eine Vertreibung aus der Stadt die Streitkräfte des Präsidenten weiter demoralisieren und möglicherweise den Widerstand gegen seine Mobilisierungsbemühungen anheizen.

Fesenko fügte hinzu, dass China und Indien, die Russlands Vorgehen in der Ukraine aufmerksam beobachteten, den Fall von Cherson als Zeichen der Schwäche des Kremls ansehen würden. "Putin wird nicht nur innerhalb des Landes, sondern auch in den Augen Chinas einen Reputationsverlust erleiden", so der Experte, "und das könnte für den Kreml besonders gefährlich sein."

Quellen: Associated PressInstitute for the Study of War, "The Guardian"

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