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Fragwürdige Zahlen: Putins Corona-Märchen: Warum Russland so wenige Covid-19-Tote hat

In Russland schießen die Inifiziertenzahlen in die Höhe. Doch angeblich stirbt kaum jemand an der Viruserkrankung. Das dürfte mit der eigenwilligen Zählweise der Russen zusammenhängen.

Wladimir Putin

Russlands Präsident Wladimir Putin am Gedenktag des Sieges über Nazi-Deutschland am 9. Mai

AFP

In kaum einem Land der Erde breitet sich das Coronavirus derzeit so schnell aus wie in Russland. 11.000 neue Infektionen verzeichneten die Moskauer Behörden allein am Sonntag. Damit hat Russland die Marke von 200.000 registrierten Corona-Infizierten überschritten. Nach Erhebungen der US-Universität Johns Hopkins liegt das Land bei der Gesamtzahl der gemeldeten Infektionen auf dem fünften Platz hinter den USA, Spanien, Italien und Großbritannien. Setzt sich der Trend fort, dürfte Russland schon Anfang der Woche die drei europäischen Corona-Hotspots überholen und auf Platz zwei der Tabelle springen.

Wie ein Wunder wirken dagegen die erstaunlich niedrigen Todeszahlen, die aus Putins Reich gemeldet werden. Gerade mal 1915 Covid-19-Tote zählen die Russen offiziell. Zum Vergleich: In Italien und Großbritannien sind es bei ähnlich vielen Infizierten jeweils mehr als 30.000 Tote. Wie kommen die Russen auf eine Todesrate von weniger als ein Prozent der Infizierten, während alle anderen stark betroffenen Länder deutlich höhere Todesraten haben?

Die Erklärung der russischen Regierung lautet: Weil wir die Krise so gut managen. "Die Todesrate zeigt, dass das System funktioniert und das medizinische Personal, Ärzte, Krankenschwestern und Sanitäter eindeutig ihre Pflicht erfüllen", erklärte Gesundheitsminister Michail Muraschko laut der Nachrichtenagentur Bloomberg. Außerdem begründen russische Regierungsvertreter die Divergenz der Zahlen mit der hohen Testrate. So könnten "Patienten mit leichtem Verlauf als auch solche ohne Symptome identifiziert und schnell isoliert werden", was die Ausbreitung des Virus in der Öffentlichkeit und bei bestimmten Risikogruppen deutlich verringert habe, erklärten das Gesundheitsministerium und die zuständige Aufsichtsbehörde Rospotrebnadsor.

Zweifelhafte Statistik

Kritiker verweisen hingegen auf die sehr eigenwillige Zählweise der Russen. Denn während anderswo jeder, der zum Zeitpunkt des Todes an Covid-19 erkrankt war, in die Statistik einfließt, auch wenn er weitere schwere Krankheiten hatte, scheint es in Russland genau andersherum zu sein. "Wenn jemand an einem Herzinfarkt stirbt, aber auch Covid-19 diagnostiziert wurde, dann ist die offizielle Todesursache der Herzinfarkt", sagt Sergej Timonin vom Internationalen Laboratorium für Bevölkerung und Gesundheit an der Moskauer Higher School of Economics (HSE). "Mit anderen Worten: Nicht alle Todesfälle von Personen mit Corona werden als Todesfälle durch Corona gelistet." 

Örtliche Medien berichteten zudem über Fälle, bei denen als Todesursache Lungenentzündung angegeben wurde, obwohl der Verstorbene positiv auf Corona getestet worden war. So wurde bei einer 36-jährigen Journalistin, die am 31. März in Perm im Ural verstarb, als Todesursache "doppelseitige Lungenentzündung" festgehalten. Dies wurde erst auf Covid-19 geändert, als eine ihrer Freundinnen öffentlich von einem positiven Test kurz vor ihrem Tod berichtete.

Auch gibt es Zweifel an der Zuverlässigkeit mancher Virustests, die von privaten Laborunternehmen und Kliniken vorgenommen werden. Seit Ende April bietet der Internetgigant Jandex auch kostenlose Tests für zu Hause an. Zudem ist das russische Gesundheitssystem wohl bei weitem nicht so stabil, wie die Behörden behaupten. Russische Ärzte kritisieren, in den Krankenhäusern gebe es zu wenig Schutzausrüstung. Andere berichten, medizinisches Personal würde gezwungen, weiter zum Dienst zu erscheinen, wenn es selbst positiv auf Corona getestet wurde.

Kritiker leben gefährlich

Doch Kritiker des Corona-Managements leben in Russland offenbar gefährlich. So starben in den vergangenen Wochen bereits zwei Ärzte, die unter ungeklärten Umständen aus einem Krankenhausfenster gestürzt waren, nachdem sie sich kritisch geäußert hatten. Ein dritter Arzt, der ebenfalls Kritik geübt hatte, wurde ebenfalls durch einen Fenstersturz schwer verletzt. Er befindet sich mit einem Schädelbruch in kritischem Zustand.

Kremlchef Wladimir Putin möchte der Bevölkerung offenbar um jeden Preis das Signal senden, die Situation sei komplett unter Kontrolle. Trotz der rasant steigenden Infiziertenzahlen endet am Dienstag der von ihm angesetzte einmonatige Lockdown. Zahlreiche Industriebetriebe und Baustellen dürfen wieder öffnen, während viele Geschäfte noch geschlossen bleiben.

"Russland hat sein Bestes gegeben, den Höhepunkt der Epidemie hinauszuzögern", betont der Infektiologe und Regierungsberater Jewgeni Timakow. "Wir haben unsere Grenzen geschlossen und sofort mit der Beobachtung der Infizierten begonnen." Damit habe man ein paar Wochen gewonnen, "um Risikopatienten zu isolieren und Krankenhausbetten zu organisieren". Die endgültige Sterberate werde "ein Drittel der europäischen" betragen, sagte er voraus.

mit Agenturmaterial
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