VG-Wort Pixel

Raketeneinschlag in Polen Voreilige Schuldzuweisungen: Selenskyjs Panikmache hilft niemandem

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selensky
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj wittert hinter dem Raketeneinschlag in Polen einen Angriff Russlands
© Michael Kappeler / DPA
Eine Rakete ungewissen Ursprungs ist in Polen eingeschlagen – die Erschütterung traf jedoch die ganze Welt. Die vorschnellen Schuldzuweisungen des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj haben die Lage völlig unnötig befeuert.

Das war knapp. Der Raketeneinschlag im polnischen Grenzdorf Przewodów hat gezeigt, wie wenig es braucht, um das sprichwörtliche Pulverfass zum Explodieren zu bringen. Und was tat der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj? Der zündelte mit Streichhölzern. "Dies ist ein russischer Raketenangriff auf die kollektive Sicherheit", wetterte er unmittelbar nach den ersten Meldungen. 

Bei allem Verständnis: Ein Präsident muss in solch einer Situation einen kühlen Kopf bewahren. Denken statt twittern ist die Devise. Denn Panikmache hilft hier absolut niemanden – auch nicht der Ukraine.

Ukraine-Russland-Krieg: Staudamm könnte Ziel werden

Selenskyj gibt sich lange trotzig

Inzwischen haben sich die Gemüter beruhigt, die Welt ist offenbar (vorerst) mit einem blauen Auge davongekommen. "Nichts, absolut nichts deutet darauf hin, dass es sich um einen absichtlichen Angriff auf Polen handelte", erklärte Polens Präsident Andrzej Duda am Mittwoch. Wie bereits US-Präsident Joe Biden, kam auch die Nato zum Schluss, dass es sich bei dem Geschoss "höchstwahrscheinlich" um eine verirrte ukrainische Flugabwehrrakete handelte. Das Einzige, was man mit Sicherheit weiß, ist, dass man nichts mit Sicherheit weiß.

Nur in Kiew will man weiterhin mehr wissen als alle anderen. "Ich habe keinen Zweifel, dass es sich nicht um unsere Rakete handelt", hatte Selenskyj noch am Mittwoch im ukrainischen Fernsehen gesagt. Statt tief durchzuatmen und immerhin im zweiten Anlauf zur Deeskalation beizutragen, gab sich der Präsident trotzig. Er habe bisher keine Beweise dafür gesehen, dass es sich um eine ukrainische Rakete handelte, mokierte er sich und forderte Zugang zum Explosionsort. Wie man sich in Kiew so sicher sein kann, obwohl man selbst gar nicht vor Ort war, bleibt ein Geheimnis. Erst am Donnerstag ruderte Selenskyj einen Schritt zurück: "Ich weiß nicht, was passiert ist. Wir wissen es nicht mit Sicherheit. Die ganze Welt weiß es nicht", so der Staatschef. Eine späte Einsicht, aber immerhin.

Anschuldigungen ungeachtet der möglichen Auswirkungen

Dass Selenskyj auch noch nach zwei Tagen auf seinem Standpunkt beharrte, untergräbt seine Glaubwürdigkeit. Gerade jetzt kommt es nicht auf Vermutungen an, sondern auf Fakten. Bei aller Sympathie für die Ukraine: Russland (obwohl Marktführer) hat kein Monopol auf Desinformation.Wobei man im Fall von Selenskyj nicht unbedingt Absicht vermuten, sondern eher auf überbordende Emotionalität tippen würde.

Nun kann auf Staatsebene selbst der Konjunktiv ernste Folgen haben. Von hätte, würde, könnte war in den präsidialen Tweets aber keine Rede. Selenskyj äußerte eben nicht nur Zweifel daran, dass die Rakete aus der Ukraine abgefeuert wurde. Zu lange gab er sich fest überzeugt, dass es ein russisches Geschoss war. 

Über die Auswirkungen seiner Anschuldigungen muss sich jeder Präsident bewusst sein, erst recht ein Präsident, dessen Nation ein Krieg aufgezwungen worden ist. Es ist der Besonnenheit Polens und der Natomitglieder zu verdanken, dass die Situation nicht gleich in den ersten Stunden eskaliert ist.

Das Mantra muss lauten: Ruhe bewahren

Dass Selenskyj nach fast neun Monaten Krieg zunächst vom denkbar Schlimmsten ausgeht, kann man ihm schwerlich ankreiden. Zu lange hatte der Westen, nicht zuletzt auch Deutschland, den traurig kopfschüttelnden Zaungast gegeben, während die russischen Invasoren ihre Nachbarn ermordeten. Zu lange waren die Hilferufe aus Kiew unbeantwortet geblieben, zu viele leere Worte, zu wenig echte Taten. Ein ums andere Mal hatte Kiew seine Verbündeten im Westen darauf eingeschworen, dass der Angriff auch ihnen gelte, dass Putins Feldzug ein Anschlag auf die Sicherheit aller sei. Selenskyjs vorschnelle Reaktion nach dem Raketeneinschlag in Polen war somit nichts anderes als ein: Seht ihr, ich habe es euch doch gesagt!

Natürlich könnte sich am Ende doch noch herausstellen, dass die Rakete russischen Ursprungs war – die Untersuchungen laufen schließlich noch. Angesichts des Albtraums, der daraus Realität werden könnte, muss das Mantra bis dahin jedoch lauten: Ruhe bewahren. Das gilt für alle Seiten.

Mehr zum Thema

Newsticker