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Rauf Denktasch: Gefangener der Geschichte

"Unterschreib oder tritt zurück", bekommt Rauf Denktasch fast täglich zu hören. Nicht nur die jungen Leute im türkischen Norden, die die Gräueltaten in den 60er Jahren nur aus Erzählungen kennen, wollen sich nicht länger einmauern lassen.

Zehntausende gehen im türkischen Norden der geteilten Mittelmeerinsel Zypern auf die Straße, wollen lieber heute als morgen in die Europäische Union (EU) - und das zusammen mit den Griechen im Süden der Insel. "Unterschreib oder tritt zurück", bekommt Rauf Denktasch, Präsident der nur von der Türkei anerkannten Türkischen Republik Nordzypern, jetzt fast täglich zu hören. Unter den 150 000 Inseltürken gärt es, seit sich Denktasch standhaft weigert, auf den Anfang November vergangenen Jahres von UN-Generalsekretär Kofi Annan vorgelegten Wiedervereinigungsplan für die seit mehr als einem Vierteljahrhundert geteilte Insel einzuschwenken.

Angesichts der friedlichen Massenproteste, die in mancher Hinsicht an die letzten Tage der DDR vor dem Fall der Berliner Mauer erinnern, zeigt sich der Polit-Veteran Denktasch (78) ebenso hilflos wie trotzig, in jedem Fall aber hartnäckig entschlossen, sein Lebenswerk zu verteidigen. Ob die Demonstranten denn nicht sähen, dass sie seine Verhandlungsposition nur untergrüben, fragte Denktasch einen Tag vor dem Wiederbeginn direkter Verhandlungen mit Glafkos Klerides, seinem griechisch-zyprischen Gegenspieler aus dem Süden.

Leben im "offenen Gefängnis"


Doch nicht nur die jungen Leute im türkischen Norden, die die Gräueltaten zwischen Griechen und Türken in den 60er Jahren nur noch aus Erzählungen kennen, wollen sich nicht länger einmauern lassen. "Wir wollen nicht in einem offenen Gefängnis leben", lautet eines Spruchbänder, während die Menge zyprisch-türkische und blaue Fähnchen mit den Sternen der Europäischen Union (EU) schwenkt. "Ich bin der Sohn eines Märtyrers und (auch) ich will Frieden", verkündet einer der Demonstranten. Märtyrer werden in der Türkei Soldaten genannt, die für die Sache der Nation gefallen sind.

Denktaschs Appelle zur Besonnenheit und seine Ermahnung, die «Existenz des Türkentums» auf der Insel im östlichen Mittelmeer nicht einem kurzsichtigen Wohlstandsdenken zu opfern, verhallen immer häufiger ungehört. Immer mehr türkische Zyprer beantragen angesichts der im nächsten Jahr geplanten Aufnahme Zyperns in die Europäische Union (EU) Reisepässe bei den Behörden der international anerkannten Republik Zypern im Süden der Insel.

Gegenwind aus dem "Mutterland"


Aber auch in der Türkei gilt Denktasch, der jahrzehntelang auf den ungebrochenen Beistand Ankaras zählen durfte, mittlerweile vielen als "Gefangener der Geschichte". Seit die islamisch-konservative Gerechtigkeits- und Entwicklungspartei (AKP) unter ihrem Vorsitzenden Recep Tayyip Erdogan die Regierung in Ankara stellt, verspürt Denktasch erstmals auch Gegenwind aus dem "Mutterland". Die türkische Zypernpolitik müsse sich den neuen Realitäten anpassen. Sie könne nicht einfach so weiterbetrieben werden, "wie in den vergangenen 30, 40 Jahren", lautet die neue Parole. Ankara erhofft sich von einer Lösung des Zypernkonflikts verbesserte Aussichten für seine eigenen EU-Beitrittswünsche.

Während Denktasch weiterhin auf "Souveränität, Gerechtigkeit und Gleichheit" für die türkischen Zyprer pocht und sich damit möglicherweise immer weiter in die Sackgasse manövriert, trifft sein Jugendfreund und "ewiger" Gegenspieler Klerides bereits Vorbereitungen, sich im Alter auf den erworbenen Lorbeeren auszuruhen. Alles spricht dafür, dass er bei den Präsidentenwahlen im Februar für fünf Jahre wiedergewählt wird. Klerides gilt als der einzige Politiker in Südzypern, der das Format hat, eine Lösung der Zypernfrage auszuhandeln. Doch sein Abgang von der politischen Bühne ist schon geplant. Sobald sein Ziel erreicht ist, Zypern am 1. Mai 2004 in der EU zu wissen, will der 83-Jährige zurücktreten und den Weg für die jüngere Generation freimachen.

Takis Tsafos und Ingo Bierschwale / DPA