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Referendum in Griechenland: Klein Giorgos zwischen Held und Verräter

Was bezweckt Giorgos Papandreou mit seinem Plan, die Griechen über das Hilfspaket abstimmen zu lassen?

Versuch einer Erklärung von Andreas Albes, Athen

Vielleicht ist es so, wie manche Journalisten in Griechenland mutmaßen: Giorgos Papandreou verfolgt kein politisches Ziel, wenn er seinem Volk das Hilfspaket der Europäischen Union zum Fraß vorwirft. Ihm geht es nicht darum, wie er selbst behauptet, die Griechen in diesen schweren Zeiten am demokratischen Prozess zu beteiligen. Vielmehr versucht er, sich einen ehrenvollen Platz in den Geschichtsbüchern zu sichern. Um seine politische Karriere dann mit einem Paukenschlag zu beenden.

Diese Theorie wäre zumindest eine schlüssige Antwort auf die Frage, die gerade voller Irritation diskutiert wird: Warum versetzt Griechenlands Ministerpräsident die Welt mit seiner Ankündigung in Schockzustand, dass seine Landsleute über das EU-Hilfspaket abstimmen sollen? Womöglich, weil er fest davon ausgeht, das Misstrauensvotum, dem er sich am Freitag stellt, nicht zu überstehen. Dann würde er als einer aus dem Amt scheiden, der im letzten Moment aufstand, um seinem Volk das Recht auf Selbstbestimmung zurückzugeben und dann gestürzt wurde. Ein heldenhafter Abschied. Doch warum setzt er dafür das Wohl seines Volkes aufs Spiel? Vielleicht weil er aus einer Sippe stammt, die schon einige große Männer hervorbrachte. Nur er gehörte nie dazu.

Der dritte Regierungschef aus der Familie

Es gibt ein legendäres Schwarzweißfoto der Familie Papandreou. Es zeigt drei Generationen des mächtigen Clans, der mit Giorgos Papandreou, dem Amtierenden, nun schon zum dritten Mal den griechischen Regierungschef stellt. Auf dem Bild steht ganz links Patriarch Georgios Papandreou, der 1968 starb, nachdem ihn die Militärjunta unter Hausarrest gestellt hatte. Zweimal war er Ministerpräsident. Neben ihm dessen Sohn Andreas, Pfeife rauchend, ein charismatischer Wirtschaftswissenschafter, der als Professor in den USA lehrte. Er genoss als Sozialreformer großes Ansehen im Volk und war bis 1996 Ministerpräsident. Es heißt, er habe mit der Schuldenmacherei der Griechen begonnen, aber das nahm ihm damals niemand übel. Der Dritte auf dem Foto ist der damals jüngste Stammhalter der Familie: Giorgos Papandreou, gerade zehn Jahre alt. Man sieht dem Jungen an, wie er versucht, die ernste Miene der beiden Älteren nachzuahmen.

Den Ruf, im Schatten seines Vaters und Großvaters zu stehen, wurde Papandreou nie los. Ebenso wenig seinen Spitznahmen: "Yorgakis", der kleine Giorgos. Die Opposition lässt keine Gelegenheit aus, Papandreou so zu bezeichnen. Erst vor wenigen Wochen ermittelte eine landesweite Umfrage, welcher griechische Regierungschef der beliebteste aller Zeiten war. Auf Platz eins liegt uneinholbar Vater Andreas Papandreou, Schlusslicht ist der amtierende Giorgos.

Er spricht besser Englisch als Griechisch

Es gibt überhaupt wenig Positives, was man ihm in seiner Heimat nachsagt. Zunächst einmal machen sich die Griechen über sein schlechtes Griechisch lustig. Denn Papandreou, der in den USA, England und Schweden aufwuchs, spricht weit besser Englisch. Manche seiner politischen Gegner nennen ihn deshalb auch nach seinen Initialen: "Gap" für Giorgos Andrea Papandreou. Übersetzt aus dem Englischen bedeutet "Gap" Lücke. Wieder andere sagen Jeffrey statt Giorgos, um auszudrücken, dass Papandreou in Wahrheit ja kein echter Grieche ist.

Ein weiterer Fakt, auf dem ständig herumgehackt wird, ist die enge Beziehung zu seiner Mutter Margaret. Inzwischen ist sie über 80. Doch in der Vergangenheit hieß es, sie sei Papandreous politischer Ideengeber. Er würde nichts gegen ihren Willen tun. Und natürlich steht außer Frage, dass es Papandreou ohne seinen beliebten Vater nie so reibungslos in die Politik geschafft hätte. Als er 1988 erstmals Minister für Bildung wurde, war Andreas Papandreou sein Regierungschef.

Als die Soldaten kamen log der Junge tapfer

Eigentlich gibt es nur eine wirklich herausragende Geschichte über Giorgos Papandreou. Sie soll passiert sein, nachdem sich die Militärjunta 1967 an die Macht geputscht hatte: Bewaffnete Soldaten stürmten eines Tages das Haus der Familie. Andreas Papandreou flüchtete auf den Dachboden, wo er sich versteckte. Die Eindringlinge standen nun dem gerade erst 15-jährigen Giorgos gegenüber. "Wo ist dein Vater?", herrschten sie ihn an. Und der Junge log tapfer: "Er ist nicht zu Hause." Da zielten die Männer mit ihren Maschinenpistolen auf ihn, und Andreas Papandreou, der die Szene belauschte, kroch aus seinem Versteck.

Vielleicht ist es wirklich so, dass Giorgos Papandreou noch einmal ein Held sein möchte. Einer, der sein eigenes Schicksal in die Waagschale wirft, um als großer Politiker in die Geschichte seines Landes einzugehen. Doch was ist, wenn seine Rechnung nicht aufgeht? Wenn er beim Misstrauensvotum als Ministerpräsident im Amt bestätigt wird? Und wenn die Griechen dann gegen das Hilfspaket der EU stimmen? Das würde ihr Land auf Jahrzehnte hinaus ruinieren. Und Papandreou stünde am Ende nicht als Held da, sondern als einer, der sein Volk für das eigene Ego verkauft hat. Solche Leute gehen nicht als Helden in die Geschichte ein, sondern als Verräter.