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Revolution in Libyen: Rebellen bereit zur Schlacht um Sirte

Während die Rebellen vor der Gaddafi-Hochburg Sirte stehen, beginnt in Tripolis der Neuanfang - wenngleich unter äußerst schweren Bedingungen, denn es mangelt an allem.

Libyen kommt auch Tage nach dem de-facto-Sturz des Gaddafi-Regimes nicht völlig zur Ruhe: In Tripolis sind in der Nacht zum Montag kurz nach dem Überflug einer Nato-Maschine mehrere schwere Explosionen zu hören gewesen. Wie ein Reporter der Nachrichtenagentur AFP berichtete, war zunächst nicht klar, woher die Explosionen stammten. Die Rebellen, die ihre Siege mit Freudenschüssen in die Luft gefeiert hatten wie jeden Abend, stellten nach den Explosionen das Feuer vorübergehend für einige Minuten ein.

Nach Angaben der Aufständischen ist Tripolis nahezu vollständig unter ihrer Kontrolle. Das allerdings behaupten die Aufständischen bereits seit Tagen schon. Nur einige wenige bewaffnete Anhänger des langjährigen Machthabers sind demnach noch aktiv, insbesondere nachts. Bei den Explosionen könnte es sich um die Bombardierung solcher Kämpfer gehandelt haben.

Lage in Tripolis dramatisch

Für den erfolgreichen Aufstand müssen vor allem die Bewohner Tripolis' einen schmerzhaften Preis bezahlen: Der libysche Übergangsrat räumt erstmals eine humanitäre Krise in der Hauptstadt ein. Der Sprecher des Rates, Schamsiddin Ben Ali, forderte deshalb alle im Ausland arbeitenden libyschen Ärzte auf, sofort in ihre Heimat zurückzukehren.

Die Lage in den Krankenhäusern in Tripolis sei dramatisch, sagte Ben Ali. Neben Ärzten sei wegen der vielen Verletzten auch mehr Nachschub an Medikamenten und medizinischem Gerät notwendig, sagte der Sprecher dem arabischen Fernsehsender al Dschasira.

Dennoch öffneten wieder die Geschäfte. Junge Leute begannen damit, die Straßen zu reinigen und die Trümmer der Kämpfe zu beseitigen. Doch herrschte weiter Wassermangel, Strom gab es nur vorübergehend.

"Wir werden die Krise überwinden. Hauptsache, wir haben den Tyrannen Gaddafi gestürzt", sagte der Krankenpfleger Abdullah Mahmud in Tripolis entschlossen. Der libysche Übergangsrat will die Engpässe schnell beheben. Er hat angekündigt, mit der Verteilung von 30.000 Tonnen Benzin sofort zu beginnen. Auch wird eine Lieferung von Diesel erwartet, um die Wasserversorgung wieder in Gang zu setzen.

Massaker an Zivilisten

Die heftigen Kämpfe bei der Schlacht um Tripolis haben offenbar zu einer Reihe von Grausamkeite geführt: In einem Stadtteil haben Fotoreporter ein Lagerhaus mit mehreren verkohlten Leichen in Augenschein genommen. Anwohner berichteten, die Gaddafi-Truppen hätten in dem Gebäude Zivilisten gefangen gehalten. Als sie das Gelände nicht mehr hätten halten können, hätten sie das Gebäude angezündet.

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch erhob schwere Vorwürfe gegen die Sicherheitskräfte Gaddafis. Es gebe Beweise für willkürliche Hinrichtung von Häftlingen, als die Rebellen in die Hauptstadt Tripolis einrückten, teilte die Organisation mit. Gaddafi-Getreue hätten außerdem selbst medizinisches Personal getötet.

Gaddafi bleibt verschwunden

Der Übergangsrat sucht nun nach mehr als 50.000 Häftlingen, die spurlos verschwunden sind. Diese Gefangenen würden möglicherweise in unterirdischen Bunkeranlagen festgehalten, sagte Sprecher Ben Ali. Nach der Einnahme von Tripolis hätten die Aufständischen auch in Krankenhäusern verkohlte Leichen hunderter Gefangener gefunden.

Wo sich der Hauptverantwortliche für diese Gräueltaten aufhält ist weiterhin unklar, Muammar al Gaddafi bleibt verschwunden. Auch der Chef des Übergangsrates, Mustafa Abdul Dschalil, räumte ein, dass es derzeit keine gesicherten Informationen über den Aufenthaltsort des 69-Jährigen gebe. Vermutet wird er unter anderem in seiner Geburtsstadt Sirte. Vor deren Toren stehen die Rebellen nach eigenen Angaben zum Angriff bereit. Die Übergangsregierung verhandelt seit Tagen über eine friedliche Übergabe der strategisch wichtigen Küstenstadt. Sie liegt etwa in der Mitte zwischen Tripolis und der Rebellen-Hochburg Bengasi. Die Küstenstraße zwischen Tripolis und Sirte sei inzwischen unter Kontrolle, sagte ein Militärsprecher der Übergangsregierung.

Das Regime ist noch nicht gestürzt

Den Kämpfern bereiteten mögliche Chemiewaffen und Raketen größerer Reichweite der Gaddafi-Truppen am meisten Kopfzerbrechen, so al Dschasira Fadl Harun, einen Befehlshaber der Rebellen. Im Fall eines Angriffs würden sie auf Unterstützung der Nato setzen: "Sobald die Nato den Weg freigemacht hat, werden wir auf Sirte vorrücken", sagte Harun. Der Chef der Übergangsregierung, Mahmud Dschibril, räumte ein: "Das Regime ist noch nicht gestürzt. Der Fall von Tripolis ist ein Symbol", sagte er der arabischen Tageszeitung "Shark al Awsat".

Nach Angaben eines Rebellenkommandeurs in Tripolis ist der Hauptgrenzübergang nach Tunesien zwar eingenommen worden. An der Küstenstraße, die nach Ras Ajdir führt, gebe es aber noch "einzelne Widerstandsnester. "Das Problem ist: Wir haben nicht genug Leute, um alle Regionen gleichzeitig zu durchkämmen."

/nikswd/DPA/AFP / DPA