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Rote Khmer: Tribunal gegen die Menschenschlächter

Die Roten Khmer haben gemordet und gefoltert, ihnen wird Völkermord und Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorgeworfen: Fünf hochrangige Rote Khmer müssen sich jetzt vor einem Tribunal verantworten. Nun ist den Ermittlern ein weiterer Kriegsverbrecher ins Netz gegangen.

Von Michael Lenz

Am Montag wurde in Phnom Penh Khieu Samphan, ehemaliger Staatschef des "Demokratischen Kampuchea" der Roten Khmer, festgenommen. Khieu ist der fünfte hochrangige Rote Khmer, gegen den das internationale Tribunal zur Aufklärung der Verbrechen der Roten Khmer seit August dieses Jahres einen Haftbefehl erlassen hat.

In der vergangenen Woche waren der ehemalige Außenminister Ieng Sary und seine Gattin Ieng Thirith, Sozialministerin der Roten Khmer und Schwägerin von Rote-Khmer-Diktator Pol Pot, in ihrer Villa in Phnom Penh verhaftet worden. Ebenfalls in Haft sind Nuong Chea, Chefideologe der Roten Khmer sowie Kang Kek Ieu, genannt Duch, der während der Herrschaft der Khmer Rouge Leiter des berüchtigten Foltergefängnisses Tuol Sleng des Geheimdienstes S 21 in Phnom Penh war.

Die fünf Angeklagten werden sich wegen Völkermord und Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor dem Tribunal verantworten müssen.

Tuol Sleng, Schauplatz der Verbrechen

Duch muss sich ab Dienstag in Phnom Penh als erster der Führungsspitze der Roten Khmer dem von den Vereinten Nationen unterstützten Tribunal aus internationalen und kambodschanischen Juristen stellen. Mit der Vernehmung Duchs durch die Staatsanwälte und Untersuchungsrichter beginnt die heiße Phase des Tribunals, das am 1. Juli 2006 in einer feierlichen Zeremonie im Königspalast von Phnom Penh vereidigt worden war.

Tuol Sleng ist ein Muss auf der Liste der Sehenswürdigkeiten von Phnom Penh. So wie die Silberpagode, der Königspalast und die bunten Märkte der kambodschanischen Hauptstadt. Tuol Sleng aber ist nicht schön und heiter, sondern ein bedrückendes Zeugnis der jüngeren Geschichte Kambodschas. Die ehemalige Schule war während der knapp vierjährigen Herrschaft der Roten Khmer das Foltergefängnis des Geheimdienstes S 21. Als die vietnamesische Armee in Phnom Penh einrückte und der Schreckensherrschaft von Rote-Khmer-Chef Pol Pot ein Ende setzte, lebten in Tuol Sleng noch sieben Häftlinge von schätzungsweise 15.000. Wer nicht an der Folter gestorben war, war auf den Killing Fields vor den Toren der Stadt umgebracht worden.

Der Völkermord der Roten Khmer

Rückblende. Am 17. April 1975 marschierten die Kämpfer der kommunistischen Roten Khmer unter Führung von Pol Pot in Phnom Penh ein. Die Bevölkerung Phnom Penhs wurde zur Zwangsarbeit aufs Land vertrieben. Jeder war gezwungen, eine schwarze Einheitskleidung zu tragen, die jede Individualität beseitigen sollte. Geld wurde abgeschafft; Bücher verbrannt, Fabriken, Banken, Krankenhäuser, Schulen geschlossen; Lehrer, Händler und beinahe die gesamte intellektuelle Elite des Landes wurde ermordet. Der "Steinzeitkommunismus" der Roten Khmer sah vor, aus Kambodscha einen autarken Agrarstaat zu machen. Durch Folter, Mord, Zwangsarbeit und Hunger starben fast zwei Millionen Menschen - ein Viertel der damaligen Bevölkerung.

Nay Dina erinnert sich mit Grausen an diese Zeit. Die Kambodschanerin war bei der Machtübernahme der Roten Khmer 18 Jahre alt. "Ich habe oft an Selbstmord gedacht", gesteht sie. Sechzig Mitglieder ihrer Familie sind seit der Ära der Roten Khmer verschwunden. "Man sagte uns, sie würden in Umerziehungslager gebracht. Wir haben sie nie wiedergesehen", erinnert sich Nay Dina, heute Leiterin des Khmer Institute for Democracy (KID) in Phnom Penh. Mit Hilfe der EU und der Konrad-Adenauer-Stiftung hat das KID in den vergangenen Monaten Polizisten zum Thema Zeugenschutz ausgebildet. "Wir müssen sicherstellen, dass das Tribunal fair abläuft und Zeugen keine Angst haben müssen, auszusagen", betont Nay Dina. Von dem Tribunal erhofft sich Nay Dina die Antwort auf eine Frage, die sie quält: "Warum? Wie konnten Kambodschaner die eigenen Landsleute umbringen?"

Vom falschen Land befreit

Die Rufe der Opfer und Flüchtlinge direkt nach der Befreiung Kambodschas durch die vietnamesische Armee nach einem internationalen Tribunal wurden von westlichen Ländern lange geflissentlich überhört. "Die Kambodschaner mussten weiter leiden, weil sie vom falschen Land befreit worden waren", schreibt Tom Fawthrop, Ko-Autor des Buches "Getting Away with Genocide?" über den Völkermord der Roten Khmer. Unter der Führung der USA und Großbritanniens habe der Westen den Guerillakampf der Roten Khmer gegen die kommunistischen Vietnamesen unterstützt. Deshalb durften die Roten Khmer auch noch bis zum Pariser Friedensabkommen von 1991 den UN-Sitz behalten. "Diese Travestie der Diplomatie ist eines der schändlichsten Kapitel in der Geschichte der UN". Auf Druck der USA darf das Tribunal nur während der Zeit zwischen 1975 und 1979 begangene Verbrechen untersuchen. Damit werden alle ausländischen Verantwortlichkeiten für über 30 Jahr Krieg, Völkermord und Bürgerkrieg in Kambodscha ausgeblendet.

Erst 1996 gelang der Regierung Kambodschas die Spaltung der Roten Khmer und die Eingliederung eines Teils von ihnen in den Staat. Der damalige kambodschanische König Sihanouk begnadigte ehemalige Rote Khmer Führer wie Ieng Sary und Khieu Samphan. Bis heute haben sie in der Gegend um ihr Rückzugsgebiet Pailin wichtige Regierungsämter inne und hohe Funktionäre wie Ieng Sary lebten unbehelligt in ihren Villen in Phnom Penh und Pailin, reich geworden durch den Handel mit Edelsteinen und Holz, mit dem sie ihren jahrzehntelangen Guerillakrieg finanziert hatten. Seit seiner Vereidigung vor über einem Jahr haben Skandale und Schwierigkeiten das Tribunal erschüttert. Gegen die kambodschanischen Juristen wurden Korruptionsvorwürfe laut. Kambodschas Regierung steht in dem Verdacht, Drahtzieher von Schwierigkeiten gewesen zu sein, die das Tribunal mehrfach fast zum Scheitern gebracht haben. Kambodschas prominentester Oppositionspolitiker Sam Rainsy sagt: "Die Regierung kann sich ein wirkliches Tribunal nicht leisten, denn das würde auf sie selbst zurückfallen." Hohe Regierungsmitglieder seien selbst Rote Khmer gewesen. Wie Ministerpräsident Hun Sen seien einige zwar noch während der Herrschaft von Pol Pot nach Vietnam geflohen. Andere blieben Pol Pot bis weit in die 90er Jahre treu und haben heute hohe Posten in Kambodschas Regierung und Armee inne.

Zerbrochene Gesellschaft

Die Kambodschaner sehen dem Tribunal mit gemischten Gefühlen entgegen. Was Youk Chhan, Gründer und Leiter des "Documentation Center of Cambodia" (DC-Cam), nicht verwundert. " Es hat solange gedauert, bis das Tribunal endlich zustande kam. Sie sind frustriert und auch enttäuscht von unserem Rechtssystem. Das ist eine zerbrochene Gesellschaft. Es existiert keine Vision von Zukunft", sagt Chhan, der als neunjähriger von den Roten Khmer ins Gefängnis gesteckt wurde. Sein Vergehen: er hat im Reisfeld Pilze gesammelt. Das Zentrum hat die in letzten zehn Jahren gesammelten 383.149 Dokumente und Zeugenaussagen über die Verbrechen der Roten Khmer komplett dem Tribunal übergeben. Chhan ist sich jedoch sicher, dass spätere Generationen das Tribunal schätzen werden.

Der 64 Jahre alte Vann Nath mit dem schlohweißen Haar ist einer von sieben Überlebenden des Foltergefängnisses "S 21" in Phnom Penh. Sein Überleben verdankt Vann Nath dem Umstand, dass er ein Maler ist. "Ich musste Porträts von Pol Pot malen. Die Folter hat ihm seine Kunst nicht erspart. "Immer wieder haben sie mich mit Elektroschocks gequält." Seine Kunst machte Vann Nath nach dem Ende der Roten Khmer zu einem der wichtigsten Zeitzeugen. Seine Bilder über Folter und Mord im heutigen Völkermordmuseum Tuol Sleng sind harter Tobak. Auf dem einen werden einem auf einem eisernen Bett gefesselten Mann mit Zangen die Brustwarzen abgerissen. Auf einem anderen ist zu sehen, wie ein Rote-Khmer-Soldat ein Baby gegen einen Baum schlägt - vor den Augen der Mutter des Kindes. Vann Nath ist bereit, als Zeuge vor dem Tribunal zu erscheinen. Er sagt mit Entschlossenheit: "Die Wahrheit muss gesagt und gezeigt werden."