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25 Jahre nach Beginn des Völkermords: Die aus der Gewalt entstandenen Kinder - sechs berührende Porträts aus Ruanda

Während des Völkermords in Ruanda wurden Zehntausende Frauen vergewaltigt. Vor zwölf Jahren besuchte der Fotograf Jonathan Torgovnik diese Frauen und die aus der Gewalt entstandenen Kinder. Jetzt, 25 Jahre nach Beginn des Genozids, ist Torgovnik zu den Familien zurückgekehrt.

Von Marc Goergen

Ruanda nach dem Völkermord: Wie geht es den Opfern und ihren Kindern?

Aufnahmen von 2007 (l.) und 2019

Annette: Von den Vergewaltigungen und den Machetenhieben habe ich lange Zeit große Schmerzen gehabt. Dass ich aber meine Geschichte mit anderen Menschen und vor allem mit meinem Sohn Peter geteilt habe – das hat mir eine Last genommen, das hat mich befreit. Damals, nach dem Völkermord, konnte ich mir nicht vorstellen, dass ich noch lange durchhalten würde. Ich lebte von einem Tag zum nächsten, die Zeit schleppte sich so dahin. Und jetzt ist das Ganze schon 25 Jahre her. Mir geht es besser: Mein Sohn wird bald seinen Abschluss an der Universität machen, selbstständig sein und seine eigene Familie gründen.

Peter: Acht Jahre ist es jetzt her, dass mir meine Mutter von der Vergewaltigung erzählt hat. Sie ist mit mir ins Schlafzimmer gegangen und hat mir alles berichtet, eben auch, dass ich das Ergebnis der Tat bin. Das war für mich sehr schwer zu akzeptieren. Aber meine Mutter liebt mich, genauso mein Stiefvater – das hat mir sehr geholfen. Die Beziehung zu meiner Mutter ist sehr gut. Sie ist mein bester Freund. Was mich selbst angeht, da bin sehr optimistisch: Ich studiere, will später eine Firma gründen und so Jobs für viele Leute schaffen.

Wer heute Ruanda besucht, sieht sie zunächst kaum, die Schatten der Vergangenheit. Eher viel Licht und Glitzer. Auf den Hügeln der Hauptstadt Kigali reihen sich edle Restaurants, von denen der Blick weit schweift über das endlose Auf und Ab der Stadt. Die Straßen sind so sauber wie sicher, Motorradtaxis lassen sich per App ordern, die Cafés erinnern mit großen Holztischen und Laptops drauf eher an Brooklyn als an das grüne Herz Afrikas.

Der Völkermord vor 25 Jahren, als ab dem 6. April 1994 binnen 100 Tagen wohl mindestens 800.000 Tutsi von den Hutu getötet wurden, erscheint beinahe wie ein surrealer Albtraum. Geschah das wirklich auf diesen Straßen, dass Lehrer ihre Schüler zerstückelten? Dass UN-Soldaten machtlos zusahen, wie aufgeputschte Horden Mordorgien feierten? Dass Pfarrer ihre Gläubigen mit Benzin übergossen und anzündeten? Dass Familienväter Embryos aus den Leibern von Schwangeren rissen?

Verschiedene Ebenen Ruandas

"Es gibt verschiedene Ebenen in Ruanda", sagt der Fotograf Jonathan Torgovnik. "An der Oberfläche ist das Land voller Optimismus, da spielt der Genozid keine Rolle mehr. Aber wenn man tiefer gräbt, stößt man auf eine andere Wahrheit."

Dieser Wahrheit nachzuspüren, hat sich Torgovnik zur Aufgabe gemacht. Er fotografiert das vielleicht schwierigste Erbe des Genozids: von den Hutu-Milizen vergewaltigte Frauen und die daraus entstandenen Kinder – nach Schätzungen gibt es mindestens 20.000 von ihnen. 2006 bis 2008 war Torgovnik dafür zum ersten Mal in Ruanda. Jetzt hat er die Frauen und ihre Kinder wieder besucht. "Das war für die Familien genauso wie für mich total bewegend – vor allem, weil ich jetzt auch richtig mit den Kindern sprechen konnte."

Begonnen hatte seine Beschäftigung mit den Vergewaltigungsopfern eher durch Zufall. Torgovnik war in Ruanda, um eine Reportage über Aids zu fotografieren. Dabei kam er in Kontakt mit einer Frau, die ihm von ihrer Vergewaltigung durch Milizen erzählte. Diese Frau hatte eine Tochter, und deren Vater war der Peiniger.

Dieses Schicksal ließ Torgovnik nicht los, und er beschloss, die Frauen und ihre Kinder in Wort und Bild zu dokumentieren. Die Mütter erzählten ihm von den endlosen Vergewaltigungen, von ihren Todessehnsüchten und auch von den Hassgefühlen gegenüber den Kindern.

Kein Anspruch auf Hilfe

Im Februar 2007 druckte der stern Torgovniks Bilder und Interviews. Die Geschichte löste bei den Lesern ein großes Echo aus. Viele wollten den Familien helfen.

Tief beeindruckt begann Jonathan Torgovnik gemeinsam mit lokalen Kräften in Ruanda, eine Stiftung aufzubauen, um die Betroffenen langfristig zu unterstützen. "Da die Kinder erst nach dem Genozid geboren wurden, gelten sie formell nicht als Überlebende des Völkermords. Deswegen haben sie auf manche staatliche Hilfe keinen Anspruch", sagt Torgovnik.

Seit mehr als zehn Jahren übernimmt diese Hilfe nun Torgovniks "Foundation Rwanda". Die Stiftung bezahlt Schulgelder oder sorgt für psychologische Betreuung. Rund 850 junge Menschen konnte die Stiftung so bislang unterstützen – auch dank der 120.000 Euro, die die Leser des stern für das Projekt bislang gespendet haben.

Als Torgovnik nun die Familien erneut besuchte, geschah das unter anderen Vorzeichen: Wussten die meisten Mädchen und Jungen vor zwölf Jahren noch nicht, dass sie aus einer Vergewaltigung entstanden waren, hatten es ihnen die Mütter inzwischen erzählt. Für viele Familien war dieses Geständnis eine kathartische Erfahrung. Die heute 24-jährige Alice formuliert es so: "Tief drinnen war ich traurig – aber auch irgendwie froh, endlich die Wahrheit zu kennen."

Tatsächlich Liebe

Noch immer kämpfen viele der jungen Frauen und Männer mit ihrer Identität – sind sie Tutsi, also Opfer? Oder Hutu, wie die Vergewaltiger? Auch dass viele der Väter im Gefängnis sitzen, ist ein schwieriges Thema für die jeweilige Familie. "Das ist ja das Perfide an den Vergewaltigungen", sagt Jonathan Torgovnik, "die Folgen sind noch Generationen später zu spüren."

Die Beziehungen zwischen Müttern und Kindern allerdings haben sich bei den meisten Interviewten stabilisiert. "Bevor ich meiner Tochter von der Vergewaltigung erzählt hatte, fühlte ich kaum etwas für sie", sagt etwa Justine. "Jetzt aber empfinde ich tatsächlich Liebe."

Video: Gedenken in Ruanda: Völkermord von 1994
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