HOME

Skripal-Affäre: Moskau beschuldigt London, selbst das Nowitschok-Gift zu besitzen

Die Tonlage zwischen Russland und Großbritannien wird im Fall des Ex-Doppelagenten Skripal immer schärfer. Nun unterstellt Moskau den Briten, selbst das verwendete Nervengift Nowitschok zu besitzen und deutet somit ihre Beteiligung an dem Anschlag an.

Der Botschafter Russlands in Großbritannien, Alexander Jakowenko, deutete eine britische Beteiligung im Skripal-Fall an

Der Botschafter Russlands in Großbritannien, Alexander Jakowenko, deutete eine britische Beteiligung im Skripal-Fall an

Picture Alliance

Die schwere diplomatische Krise zwischen Russland und Großbritannien rund um den Giftanschlag auf den ehemaligen Doppelagenten Sergej Skripal spitzt sich weiter zu. Während Europas Staats- und Regierungschefs am Donnerstagabend bei ihrem Gipfeltreffen in Brüssel eine Verantwortung Moskaus für "höchstwahrscheinlich" erklärten und sich damit hinter London stellten, weist Moskau weiter jede Schuld von sich. 

In einer außerordentlichen Pressekonferenz beschuldigte der Botschafter Russlands in Großbritannien, Alexander Jakowenko, die britische Regierung, das Völkerrecht zu verletzen und die internationale Gemeinschaft irrezuleiten. Er forderte eine öffentliche Untersuchung und äußerte absolutes Unverständnis für Großbritanniens Geheimniskrämerei. "Dieser Fall ist so kompliziert, dass wir wohl jemanden mit der Weisheit von Poirot brauchen, um ihn aufzuklären", so Jakowenko. Hercule Poirot ist eine Romanfigur der britischen Schriftstellerin Agatha Christie, ein exzentrischer belgischer Privatdetektiv, der dank seines messerscharfen Verstands selbst die kniffligsten Fälle löst.

"Die Geschichte zeigt, dass britische Angaben verifiziert werden müssen"

"Man darf die britischen Behauptungen nicht für bare Münze nehmen", fuhr der Botschafter nach dem kleinen Scherz fort. "Die Geschichte zeigt, dass britische Angaben erst verifiziert werden müssen". Damit spielte er auf die Rolle Großbritanniens im Irakkrieg 2003 an. Der damalige britische Premierminister Tony Blair behauptete, der Diktator Saddam Hussein verfüge über  Massenvernichtungswaffen und begründete so die britische Beteiligung an der Invasion des Iraks. Die Massenvernichtungswaffen hat es im Irak jedoch nie gegeben. "Wir fordern daher die volle Transparenz bei der Untersuchung und vollständige Zusammenarbeit mit Russland", fügte Jakowenko hinzu. 

Viele Fragen aus der Sicht von Russland

Schließlich deutete er an, dass das Nervengift, das bei dem Anschlag auf Skripal verwendet worden ist, aus britischen Beständen stammen könnte. "Wie ist es möglich, dass die britischen Behörden so schnell festgestellt haben, dass das sogenannte Nowitschok-Gift eingesetzt wurde und seine Herkunft so schnell bestimmten?", fragte er. "Könnte es nicht bedeuten, dass die britischen Behörden das Nervengift höchstwahrscheinlich selbst in ihrem Chemielabor in Porton Down hatten?"

Auch der russische Außenamtsvertreter Wladimir Jermakow hat London eine Mitschuld an der Vergiftung von Skripal gegeben. Entweder seien die britischen Behörden "unfähig", einen russischen Staatsbürger vor einer "Terrorattacke" auf ihrem Staatsgebiet zu schützen - oder sie hätten "direkt oder indirekt" den Angriff "gesteuert", sagte er.

OPCW dürfen Blutproben von Skripal untersuchen

Russland hatte nach dem Anschlag, eine Probe des verwendeten Gifts zur Untersuchung angefordert. London kam dieser Aufforderung bislang nicht nach. Ein britisches Gericht gestattete am Donnerstag aber internationalen Chemiewaffenexperten die Untersuchung von Blutproben der Vergifteten. Ein britischer Richter erteilte der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) die entsprechende Erlaubnis. OPCW-Experten waren zu Wochenbeginn für eine Untersuchung in Großbritannien eingetroffen, deren Dauer auf bis zu drei Wochen veranschlagt wurde.

ivi/mad