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Saddam Hussein: Aus dem Erdloch auf die Anklagebank

Kaum war Saddam Hussein aus seinem Erdloch gezerrt worden, da hat das juristische Gerangel um den früheren irakischen Präsidenten bereits begonnen.

Kaum war Saddam Hussein aus seinem Erdloch gezerrt worden, da hat das juristische Gerangel um den früheren irakischen Präsidenten bereits begonnen. US-Präsident George W. Bush versprach: "Nun wird der frühere Diktator des Iraks mit der Gerechtigkeit konfrontiert, die er Millionen verweigert hat." Er ließ aber offen, wo und wie Saddam diese Gerechtigkeit erfahren wird.

US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld betonte, Saddam Hussein werde als Kriegsgefangener nach der Genfer Konvention behandelt. Damit bleibt ihm nach Angaben von Experten das amerikanische Gefangenlager Guantànamo erspart, wo die USA seit über zwei Jahren hunderte mutmaßliche Terroristen ohne Anklage festhalten.

Verhandlung im Irak?

Stattdessen wird der frühere Präsident vermutlich im Irak vor ein Gericht gestellt werden. Bereits am Sonntag erklärten amerikanische Regierungsvertreter, die Iraker sollten bei dem Verfahren eine "entscheidende Rolle" spielen. "Wir glauben, das irakische Regime, die frühere Führung, sollte vor einem irakisch-geführten Gericht angeklagt werden", zitierte die "New York Times" einen amerikanischen Regierungsvertreter.

Neues Sondergericht

Ein solcher Prozess könnte vor dem neuen Sondergericht stattfinden, dessen Statut der provisorische irakische Regierungsrat erst vergangene Woche gebilligt hat. Allerdings wiesen Kritiker in den USA darauf hin, dass das Sondergericht bisher nur ein Rahmenstatut habe, bei dem viele Einzelheiten ungeklärt geblieben seien. Zudem dürfte es nach der jahrzehntelangen brutalen Unterdrückung im Irak schwierig sein, befähigte und unabhängige Richter zu finden.

Unklarer Aufenthaltsort

Rund zwei Tage nach der Festnahme Saddam Husseins herrscht unterdessen weiter Unklarheit über den Aufenthaltort des irakischen Ex-Machthabers.

Der US-Sender CNN berichtete, die USA hätten ihren Gefangenen auf eine US-Militäreinrichtung im Golfstaat Katar gebracht. Aus katarischen Regierungskreisen verlautete indes, darüber wisse man nichts. Außerdem sei es unwahrscheinlich, dass Saddam dorthin gebracht worden sei. Ein Mitglied des von den USA eingesetzten Regierenden Rats im Irak sagte, Saddam sei weiter im Irak. Ein US-Armeesprecher wollte sich unter Verweis auf Sicherheitsgründe nicht zum Aufenthaltsort Saddams äußern.

"Saddam ist noch immer im Irak. Saddam wird in Bagdad vor einem irakischen Gericht ein faires Verfahren erhalten", sagte das Ratsmitglied Muwafak el Rubaije dem arabischen Fernsehsender El Arabija in Dubai.

Internationales Recht

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch sprach sich deshalb dafür aus, Saddam Hussein in einem "Mischverfahren" abzuurteilen, bei denen internationale Experten an der Seite irakischer Richter sitzen. Auch die Menschenrechtsorganisation Amnesty International erklärte, Saddam Hussein müsse nach internationalem Recht behandelt werden.

Im Nachrichtensender CNN wiesen Experten darauf hin, dass die Regierung von Präsident Bush auf jeden Fall einem Druck des Auslands entschieden widerstehen werde, Saddam vor einen internationalen Strafgerichtshof zu stellen. Zum einen sei die Regierung gegen eine Internationalisierung des Verfahrens, zum anderen sehe etwa der von den USA nicht anerkannte Internationale Strafgerichtshof in Den Haag keine Todesstrafe vor. Ein irakisches Gericht könne Saddam dagegen zum Tode verurteilen, was nach einer Umfrage von 59 Prozent der Amerikaner befürwortet wird.

"Außergewöhnliche Gelegenheit"

Entscheidend ist nach Ansicht von Michael Posner, des Vorsitzenden der Vereinigung der Anwälte für Menschenrechte, dass alles unanfechtbar bleibe. Der "New York Times" sagte er: "Das ist eine solch außergewöhnliche Gelegenheit, einen der schlimmsten Menschenrechtsverletzter der Welt vor Gericht zu stellen. Deshalb ist es wichtig, dass alles so gemacht wird, dass es auf der ganzen Welt als völlig einwandfrei betrachtet wird."

Doch unabhängig davon, vor welchem Gericht das Verfahren am Ende stattfindet, es werden noch Monate vergehen, bis Saddam auf der Anklagebank sitzen wird. Bis dahin haben US-Militärs und Geheimdienste ausreichend Gelegenheit, Saddam Hussein intensiv über Massenvernichtungswaffen und mögliche Verbindungen zum Terrornetzwerk El Kaida zu befragen.

Verschwörungstheorien

Dramatische Ereignisse haben im Irak wiederholt kühne Verschwörungstheorien entstehen lassen. So scheint es nun auch mit dem einstigen Herrscher über Leben und Tod zu geschehen, der in einem Erdloch saß. Der Beamte Badr Ahmed ist sich ganz sicher, dass die Amerikaner ein Betäubungsmittel versprüht hatten, bevor sie das primitive Versteck in dem Ort Ad Dwar bei Tikrit stürmten. Saddam, bewaffnet mit zwei Kalaschnikows und einer Pistole, habe sich deshalb gar nicht wehren können. Badr Ahmed hat dazu auch gleich eine "völlig logische" Erklärung parat: "Sie zeigten keine Bilder, auf denen man sieht, wie die US-Soldaten das Versteck stürmten. Denn dann hätte man auch die Gasmasken gesehen."

"Warum gestern?"

Auch der Geldwechsler Imad Dschabar glaubt den offiziellen Darstellungen nicht. Er ist sich ziemlich sicher, dass die Amerikaner mit ihrem "Intimfeind" eine Show abgezogen haben. "Warum gestern?", fragt er - und gibt sich gleich selbst die Antwort: "Die haben ihn schon vor längerer Zeit gefangen. Aber jetzt passt es (US-Präsident George) Bush genau in die Planung für den Wahlkampf."

Ansonsten hatte er nur Verachtung für den Mann, vor dem früher alle zitterten. Dass der acht Monate lang versteckt lebende Ex- Diktator keinen Schneid hatte, habe sich darin gezeigt, dass er sich nicht einmal wehrte, als die Amerikaner ihn aus seinem Erdloch holten. "Seine Söhne haben wenigstens gekämpft", fügte er hinzu. Udai und Kusai Saddam, die bei den Irakern verhasst waren, wurden im Juli von den Amerikanern erschossen. Beim Versuch der Amerikaner, sie in ihrem Versteck in Mosul zu verhaften, hatten sie bewaffneten Widerstand geleistet.

"Wo war die letzte Kugel?"

Die überregionale arabische Zeitung "Al-Hayat" fragt: "Wo war die letzte Kugel, von der er sagte, dass er sie für sich selbst aufheben wolle?"

Manchen Irakern in Bagdad gingen die beeindruckenden Bilder ganz einfach nur zu weit. "Selbst wenn er ein Verbrecher ist, hätte man ihn nicht so behandeln dürfen", meinte der 28 Jahre alte Verkäufer Haidar. Als Schiit und Angehöriger einer vom Saddam-Regime unterdrückten religiösen Strömung hat er für den Despoten leidlich wenig übrig. Doch am Ende sei er der Präsident einer arabischen Nation gewesen. Die Demütigung einer Symbolfigur werde den Widerstand gegen die amerikanischen Besatzer nur anfeuern, meinte er.

AP, dpa, REUTERS / AP