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Saddam Hussein: Der Tyrann und sein jämmerliches Ende

Verraten von Vertrauten, fiel Saddam Hussein den Amerikanern in die Hände. Die zeigten der Welt den Schlächter von Bagdad als feigen alten Mann. Und zerstörten damit das Bild des heldenhaften Führers.

Wahrscheinlich waren die Bilder des verwahrlosten Mannes, der seinen amerikanischen Doktor willig nach Läusen suchen ließ, das Schlimmste, was man Saddam Hussein antun konnte. "Er ist ein Feigling, nicht mehr als eine Ratte", mokierten sich die Menschen in den einst Saddam City genannten Slums von Bagdad, als sie ihren ehemaligen Unterdrücker nach acht Monaten im Untergrund sahen. "Er sieht aus wie ein Bettler", sagten sie über den alten Mann mit dem Fusselbart, der ihnen einst in den Endlosschleifen des staatlichen Fernsehens oder von Hauswänden herab als "glorreicher Führer", als "Gesalbter", als "Erbe Nebukadnezars" erschienen war.

Während die einen darüber in Jubel ausbrachen, dass Jahrzehnte der Angst und Verfolgung nun zu Ende gingen, und andere sich schämten, dass sie für so einen Menschen und seine Macht ihr Leben riskiert hatten - ein Gedanke einte an jenem Sonntag wohl alle Iraker: Saddam Hussein ist tot. Er hatte sich nicht nur erst lebendig begraben, sondern sich dann auch noch widerstandslos festnehmen lassen.

Dabei hatten die Soldaten der Ersten Brigade der Vierten US-Infanterie-Division keine Ahnung, auf wen sie am Samstag der vergangenen Woche Jagd machen würden. Zusammen mit Special Forces sollten sie ein Gelände etwa 15 Kilometer südlich von Tikrit nach einem "hochwertigen Ziel" durchkämmen. Nicht weit vom Ostufer des Tigris riegelten sie das Gebiet ab, auf dem mehrere Hütten in einem Hain von Dattelpalmen, Orangen- und Zitronenbäumen standen. Die Elitesoldaten der "Einheit 121" sollten mit CIA-Agenten das Gebiet durchsuchen.

20 bis 30 geheime Verstecke

Morgens um 10.50 Uhr hatte das US-Hauptquartier in Bagdad Informationen erhalten, nach denen Saddam Hussein sich in Dawr aufhalten könnte. In den acht Monaten zuvor war er den Suchtrupps der Amerikaner immer wieder entwischt. Elfmal glaubten sie, ihm ganz dicht auf der Spur gewesen zu sein. Doch immer wieder war Saddam Hussein kurz zuvor aus einem seiner 20 bis 30 geheimen Verstecke entschlüpft, darunter mindestens einmal auch aus Dawr.

Um acht Uhr abends hatten die 600 Soldaten ein etwa zehn Quadratkilometer großes Terrain abgeriegelt. Bradley-Schützenpanzer, Humvees und Apache-Helikopter standen bereit. Um 20.26 Uhr drangen Spezialeinheiten in die Sperrzone vor. Sie durchsuchten zwei Bauernhütten, fanden aber nichts. Schließlich sahen sie, wie zwei Männer im Schutz der Dunkelheit zu entkommen versuchten. Die GIs konzentrierten sich nun auf ein Gebäude, das eher einem Verschlag als einer Hütte glich. Auf dem Bett darin lagen mehrere neue Kleidungsstücke verstreut, darunter T-Shirts und Socken, einige noch verpackt. Bei einem Schafstall parkte ein orange-weißes Taxi. Am Flussufer hatte jemand mehrere Boote vertäut. Die Offiziere waren sich sicher, dicht auf der Spur einer wichtigen Person zu sein.

Unklar ist bis heute, ob die beiden vergebens fliehenden Iraker oder verschüchterte Bewohner der Hütten den entscheidenden Hinweis gaben. Die Soldaten fanden nach diesem Tipp im Hof ein Loch, das mit einer Styroporplatte und einem alten Teppich bedeckt war. Darüber lagen Steine und Dreck.

Als die Soldaten die Verkleidung entfernten, entdeckten sie darunter einen Schacht, der in eine etwa zwei Meter tiefe Erdhöhle führte. Sie mussten Schaufeln einsetzen, um sich Zugang zu verschaffen.

Kaninchenbau mit Gebläse

Wie in einem Kaninchenbau, kaum größer als er selbst, lag dort der Mann, dessen Bunker noch vor wenigen Monaten prächtiger waren als die Häuser seiner meisten Landsleute. Neben sich ein Gebläse, das Frischluft ins Loch pustete, und ein zweites Rohr, das als Urinal diente. Der Mann sah "überrascht und äußerst verwirrt" aus. Er hielt eine Pistole in Händen, ließ sich aber widerstandslos festnehmen. Als ein Soldat ihn nach seinem Namen fragte, antwortete er: "Ich bin Saddam Hussein. Ich bin der Präsident des Irak. Und ich bin bereit zu Verhandlungen." Der Soldat erwiderte: "Beste Grüße von Präsident Bush."

Amerikas Staatsfeind Nummer eins war in die Hände seiner ärgsten Widersacher gefallen - der größte Erfolg für US-Präsident Bush seit dem Fall von Bagdad. Und es war der Erfolg einer neuen Taktik der US-Armee nach Monaten intensiven, aber vergeblichen Suchens, in denen ihnen meist nur unschuldige Iraker bei Razzien in die Hände gefallen waren. Einmal sogar der CBS-Nachrichtenmann Dan Rather. Seit die Agenten der CIA aber eine Liste der engen Mitarbeiter des ehemaligen Diktators zusammengestellt hatten, bis hin zum letzten Leibwächter oder Koch, hatte sich der Kreis um Saddam immer enger gezogen. In den Verhören der vergangenen Woche gaben Angehörige von einigen dieser Saddam-Mitarbeiter anscheinend wichtige Hinweise. In Ouja, dem Geburtsort des Diktators, redeten sich am Montag alle die Köpfe heiß, wer Saddam verraten haben könnte. Zwei Versionen machten die Runde: Entweder war es der zehn Tage zuvor verhaftete Leibwächter Mohamed Rijab Hadauschi, oder eine Nachricht an seine zweite Frau Samira wurde Saddam zum Verhängnis, weil deren Bruder überwacht wurde. Der Durchbruch war am Freitag gekommen, als US-Soldaten eines der Verstecke Saddams in Bagdad entdeckten und einen Iraker festnahmen.

Die Amerikaner fanden Saddam dort, wo sie ihn eigentlich immer vermutet hatten: Nicht weit von den Palästen in Tikrit zogen sie ihn am vergangenen Wochenende aus einem Erdloch. Und nur wenige Kilometer entfernt von dem Ort, wo er 60 Jahre zuvor als Gelegenheitshirte seinen Lebensunterhalt hatte verdienen müssen. Der Aufstieg vom vaterlosen Kind in einer patriarchalischen Gesellschaft, das darauf hoffen konnte, eines Tages Besitzer von ein paar Schafen zu werden oder Kellner in der nächsten Stadt - der Aufstieg von einem Sohn der Gasse zum Tyrannen vom Tigris war absolut ungewöhnlich.

Zu danken hatte es der junge Mann zunächst vor allem seinem Onkel Khairallah Tulfah, der den Achtjährigen zu sich nahm. Der einstige Offizier schickte Saddam zur Schule, brachte ihm das Schießen bei und erzog ihn im Hass gegen die britischen Besatzer, Schiiten und Juden.

"Es genügt nicht, eine Idee zu bekämpfen"

Seine einzige Chance, im Irak der fünfziger Jahre Karriere zu machen, war die Armee. Doch Saddam Hussein fiel bei der Aufnahmeprüfung zur Militärakademie durch. So ging er in die Politik, um seinen ungeheuren Ehrgeiz zu befriedigen. "Es genügt nicht, eine Idee zu bekämpfen. Damit sie verschwindet, muss man den Menschen, der sie vertritt, eliminieren", hatte der Gründer der Baath-Partei, Michel Aflak, einmal gesagt. Der Spruch schien zu Saddams Lebensmotto zu werden.

Mit 19 nahm er bereits an einem gescheiterten Umsturzversuch gegen die Monarchie teil. 1959, drei Jahre später, versuchte er sich erneut als Killer. Mit einigen Mitverschwörern wollte er General Abdel Karim Kassem ermorden, der den Irak ein Jahr zuvor zur Republik gemacht hatte. Doch Saddam schoss zu früh. Kassem überlebte. Saddam, am Bein verletzt, musste fliehen. Und ließ Jahre später nur eine Version des Vorfalls gelten: Danach schnitt sich der junge Held die Kugel mit einer Rasierklinge aus dem Fleisch, durchschwamm den Tigris, durchquerte die Wüste und brachte sich mit einem Motorrad nach Syrien in Sicherheit. Was immer Saddam tat, von der Flucht nach Syrien über seine Rückkehr nach Bagdad 1963 bis hin zur Machtergreifung 1979 - sein Propaganda-Apparat wusste ihn zu feiern.

Bereits mit 31 Jahren war Saddam Vizepräsident des Landes, Chef der Sicherheitsdienste und stellvertretender Generalsekretär der Baath-Partei. Elf Jahre später war der Hirtenjunge endgültig dort angekommen, wo er hinwollte: ganz oben, der Herr über das einzige Land im Nahen Osten, das sowohl über viel Wasser als auch über riesige Ölvorräte verfügt. Und damit er nicht als zerstückelte Leiche endete wie König Feisal oder am Galgen wie Kassem, dachte sich Saddam eine Inszenierung aus, wie sie Stalin kaum raffinierter hätte einfallen können: Wenige Tage nach dem Rücktritt des Präsidenten al-Bakr im Juli 1979 rief Saddam den Revolutionsrat und die Parteiführer zusammen. Der Konferenzsaal war von Bewaffneten umstellt, als Saddam zum Mikrofon schritt. Er sprach von Verrat, in letzter Minute aufgedeckt. Der tagelang gefolterte Generalsekretär des Rates kam auf die Bühne und zeigte mit dem Finger auf die vermeintlichen Verräter.

Als die Männer aus dem Saal geschafft wurden, liefen Saddam Tränen über die Wangen. Noch einmal trat er ans Mikrofon und wiederholte die Namen derer, die ihn enttäuscht hatten. Die Zurückgebliebenen jubelten. Saddam zwang sie kurz darauf, die Verräter vor laufenden Kameras eigenhändig zu erschießen. So machte er die Männer gleich zu Beginn seiner Diktatur zu Komplizen wie in den folgenden Jahrzehnten Tausende anderer Schergen seines Regimes.

Solche Brutalität konnte die Regierungen in Europa und den USA jahrelang nicht schrecken. Sie sahen ihn als pragmatischen Modernisierer, schätzten ihn dann als Gegner der Ajatollahs im Iran, gegen den er schließlich einen Krieg vom Zaun brach. Etwa eine Million Menschen verloren dabei das Leben. Der Westen rüstete ihn auf und schaute weg, als Tausende in den Folterkammern verschwanden. Selbst der Giftgasangriff auf die Kurden in Halabja 1988 führte nicht zum Bruch.

Freunde von einst zu Feinden gemacht

Der kam erst, als Saddam davon träumte, der wichtigste Herrscher Arabiens zu werden, und im August 1990 Kuwait besetzte. Damit hatte er sich die Freunde von einst zu Feinden gemacht. Mit der Niederlage im ersten Golfkrieg begann der Abstieg des Diktators. Doch US-Präsident George Bush, der erste, ließ Saddam laufen. Zwar ermunterte er die Schiiten im Süden des Irak zum Kampf gegen das Regime, half ihnen aber nicht, als Saddam den Aufstand im Frühjahr 1991 brutal niederschlug. Erst sein Sohn, George Bush, der zweite, sollte den Job erledigen, der zum Ärger vieler Konservativer damals nicht zu Ende gebracht worden war.

Als US-Truppen am 9. April dieses Jahres Bagdad einnahmen und der Tyrann im Untergrund verschwand, rechnete niemand damit, dass auf den schnellen militärischen Erfolg so viele Monate voll Chaos und Tod folgen würden. Mit jedem Tag, an dem US-Soldaten starben, gerieten Militär und Präsident mehr in Bedrängnis. Es sah so aus, als würde Saddam die Weltmacht aus dem Untergrund heraus an der Nase herumführen.

Dann erreichte George W. Bush am Samstag um 15.15 Uhr der erlösende Anruf in Camp David. Donald Rumsfeld war am Telefon. "Die ersten Berichte sind nicht immer genau", warnte der Verteidigungsminister, als er von der möglichen Gefangennahme Saddams erzählte. "Klingt nach guten Nachrichten", unterbrach Bush. In den nächsten 14 Stunden hielt das Weiße Haus dicht, bis die Identität Saddams feststand.

Die US-Regierung verzichtete auf jubelnde Erklärungen. Hinter den Kulissen aber feiern die Strategen den Coup. Denn George Bush liegt zurzeit in Umfragen elf Prozent vor seinem möglichen demokratischen Herausforderer Howard Dean. Das wäre ein Erdrutschsieg bei den Präsidentschaftswahlen im nächsten Jahr.

Saddam in der "Welt der Illusion"

US-Soldaten durchkämmten das Versteck in Al Dawr, während Saddam Hussein zunächst in eine Gefängniszelle am Flughafen von Bagdad geschafft wurde. "Er lebt weiter in seiner Welt der Illusion und ist zu keiner Einsicht bereit", schilderte Adnan Pachcachi, Sprecher des irakischen Regierungsrats, dem stern seine Begegnung mit dem Ex-Diktator dort. Dennoch konnten die Amerikaner am Montag einen ranghohen Funktionär des alten Regimes verhaften und eine Zelle von Aufständischen in Bagdad enttarnen, nachdem sie bei Saddam entlarvende Unterlagen gefunden hatten. Ob damit der Anfang vom Ende des Widerstandes gegen die US-Besatzer begonnen hat, weiß niemand zu sagen.

Denn Saddam hat nach Angaben von General Raymond Odierno den Kampf gegen die GIs nicht koordiniert. Bei ihm oder in seiner Nähe seien weder Mobiltelefone noch Funkgeräte gefunden worden. "Ich glaube, er war mehr für die moralische Unterstützung da", sagte Odierno. Schon im Juli, als Saddams Söhne in Mosul erschossen wurden, hatten viele an ein Ende des Widerstands geglaubt. Tatsächlich aber starben dort weit mehr US-Soldaten nach dem Angriff auf Uday und Qusay als vorher. Daher werden Terroraktionen gegen die US-Besatzer, Polizeistationen und internationale Einrichtungen wohl kaum abflauen. Denn die Saddam-Loyalisten sind nur eine Fraktion unter vielen.

Mazher Duleimi, Sprecher der Opposition gegen die US-Verwaltung in Bagdad, hat schon angekündigt, dass es sich beim Widerstand um eine Bewegung gegen die Besatzer handele, nicht um eine Kampagne, Saddam wieder an die Macht zu bringen.

Die Kurden im Norden feierten, dass der verhasste Unterdrücker ausgegraben wurde, in Bagdad jedoch blieb es vergleichsweise ruhig. Hier und da waren Freudenschüsse zu hören, Familien gingen zur Feier des Tages ins Restaurant, die meisten verfolgten gebannt die Nachrichten. Aber es gab keinen Jubel wie vor ein paar Wochen, als die irakische Olympia-Auswahl im Fußball gegen Nordkorea 4:1 gewann. Denn seit Tagen gibt es in Bagdad kaum noch Benzin oder Diesel. Die Menschen übernachten in kilometerlangen Schlangen vor den Tankstellen. "Ich stehe seit 18 Stunden in dieser Reihe und werde meinen Platz bestimmt nicht wegen Saddam aufgeben", moserte einer der wenigen Wartenden, die überhaupt etwas zum Ereignis sagen wollten.

Wie, wo und wann?

Inzwischen diskutieren US-Verwaltung und provisorische Regierung des Irak darüber, wie, wo und wann Saddam Hussein vor Gericht gestellt werden soll. Ginge es nach den Irakern, wäre ein Verfahren allein ihre Sache. "Die Amerikaner werden nichts damit zu tun haben", sagte Pachachi dem stern. "Es wird Aufgabe der Richter sein zu entscheiden, ob Saddam nach einem fairen Prozess zum Tode verurteilt werden wird."

Den meisten Bewohnern Bagdads fallen ohnehin nur die konventionellen Methoden der Vergeltung ein: hängen, köpfen, zerstückeln. Allein der Zahnarzt Zyad schlägt auf seiner Website "Healing Iraq" ein anderes Verfahren vor: Saddam sollte vor dem Palestine Hotel in einem Glaskäfig ausgestellt werden, wo ihn jeder begaffen und mit faulen Tomaten bewerfen könnte. Lebenslang.

Cornelia Fuchs/Christoph Reuter/ Stefanie Rosenkranz/Michael Streck

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