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Schweden/Bildungssystem: Spaß macht klug

In allen Vergleichen schlägt das schwedische Bildungssystem das deutsche. Es setzt auf Eigenverantwortung und Wettbewerb. Aber nicht die Schüler werden unter Druck gesetzt, sondern die Schulen.

Die junge Schwedin Ida Kriisa muss man einfach toll finden. In Deutschland wäre sie wahrscheinlich Schauspielerin geworden - das hat sie auf der Königlichen Akademie der Künste gelernt. Vielleicht müsste sie sich auch als Kellnerin durchschlagen. Aber Lehrerin? Wohl kaum. In Schweden, wo die Kinder mehr lernen als in Deutschland, ist das anders. Da steht Ida in einer Kunstklasse des Tensta-Gymnasiums, mitten im Kreuzberg von Stockholm, und bringt weißen, schwarzen und arabischen Schülern bei, wie man aus Ton Skulpturen formt. "Ich trete jeden Tag auf", sagt sie und zeigt ihre "Kunst ist spannend"-Show: Ida fasst Kadir aus Somalia an den Kopf und erklärt ihm, dass echte Nackenmuskeln eine andere Form haben als die an seiner Skulptur. Die 17-jährigen Schüler sind begeistert.

Idas Chefin ebenso. Inger Nyrell, die Schulleiterin, hat die junge Künstlerin eingestellt, sie entscheidet sogar über ihr Gehalt. "Wenn es Lohnerhöhungen gibt, kann ich ihr mehr geben als anderen. Das steigert die Leistung", sagt Frau Nyrell, die sich als Managerin ihrer Schule versteht - und dabei fast so viele Freiheiten hat wie der Geschäftsführer eines Betriebes.

Geld bekommt sie pro Schüler, weshalb sie zusehen muss, dass sie ein attraktives Angebot machen kann. "Wir müssen uns vermarkten. Es ist ein Wettbewerb."

Fürs gute Klima sorgen die Schulen, der Staat fürs Geld

Das allein macht die schwedischen Schulen noch nicht besser als die deutschen. Vieles kommt zusammen, und auch in Schweden funktioniert längst nicht alles. Aber die Ergebnisse - etwa in der legendären Pisa-Studie oder der vergangene Woche veröffentlichten OECD-Untersuchung - zeigen, dass wir viel von den Skandinaviern lernen können. Und das, ohne unsere Schulen zu seelenlosen Paukanstalten zu machen. Ganz im Gegenteil. Der Wettbewerb, von dem Inger Nyrell erzählt, trifft vor allem die Lehrer. Mit den Schülern gehen die Schweden ausgesprochen freundlich um. Leistungsansprüche und Verhaltensregeln werden ohne autoritäres Gehabe durchgesetzt, der Spaß bleibt erhalten, und niemand muss Angst haben, etwas Falsches zu sagen oder zu tun. Fürs gute Klima sorgen die Schulen, der Staat fürs Geld: Die Schweden geben für die Bildung 6,5 Prozent ihrer gesamten Wirtschaftsleistung aus, die Deutschen laut OECD nur 5,3 Prozent.

Das macht sich bezahlt. In Schweden schaffen mehr als 75 Prozent jeden Jahrgangs einen Schulabschluss, mit dem sie studieren können. 30 Prozent werden dann tatsächlich Akademiker. In Deutschland können nur 42 Prozent studieren; ein Hochschulexamen machen gerade 19 Prozent. Was, wie die OECD sagt, eine der Ursachen für die deutsche Krise ist. Denn Länder, die nicht gerade auf riesigen Ölvorkommen sitzen, müssen den Grundstock für den wirtschaftlichen Erfolg in den Schulen und Universitäten legen - eigentlich schon vorher.

Nämlich bei den Kleinsten. Schon da beginnen die Unterschiede zwischen Schweden und Deutschland: Vorschulkinder werden bei unseren nördlichen Nachbarn nicht einfach verwahrt, für sie gibt es einen festen Lehrplan. In der "Äppellundens förskola" liegt er im Schreibtisch der Leiterin Dalila Altamirano. Zum Beispiel für das Fach Schwedisch: Der Kindergarten will Verständnis dafür wecken, wie man mit Schriftsprache kommunizieren kann; die Kleinen wachsen selbstverständlich und spielerisch mit Texten auf.

Ein Anfang ist gemacht

Es gibt große Pappbuchstaben und Singkarten in der Vorschule; vorn im Eingang hängt neben den apfelförmigen Kartons, auf denen Bilder der Mädchen und Jungen aufgeklebt sind, ein Symbol für jedes Kind, daneben der Name in großen Buchstaben. Maltes Symbol ist die Schnecke, es wird nicht mehr lange dauern, bis der Zweijährige den Schriftzug für seinen Namen ebenfalls erkennt. Lesen kann er deshalb noch lange nicht. Aber ein Anfang ist gemacht. In der Grundschul-Lese-Untersuchung IGLU schnitten die schwedischen Viertklässler von 35 beteiligten Nationen am besten ab.

Zur Vorbereitung auf den Mathematikunterricht untersuchen die Kinder in der förskola Gegenstände, vergleichen die Länge, wiegen jedes Spielzeug und füllen Wasser von einem Gefäß ins andere, um eine Vorstellung von deren Volumen zu bekommen. All das passiert auch in guten deutschen Kindergärten, aber eher zufällig. Dalila Altamirano muss dagegen Berichte schreiben und dokumentiert in dicken Mappen, welche Fortschritte jedes einzelne Kind macht.

Maltes Eltern Dörte und Christoph Kind kommen aus Deutschland und haben sich mitten in die schwedische Idylle ein rotes Holzhaus stellen lassen. "Wir könnten Malte zu Hause gar nicht so fördern wie im Kindergarten", sagt Christoph.

Neunjährige Grundschule als Basis

Die Förderung endet nicht mit dem Abschied aus der Vorschule. Ziel der Schweden ist es, möglichst viele junge Leute zu möglichst hohen Bildungsabschlüssen zu führen. Die Basis dafür legt die neunjährige Grundschule, in der alle Kinder gemeinsam unterrichtet werden. Die frühe Aufteilung von Zehnjährigen auf Hauptschule, Realschule und Gymnasium gibt es nicht. Alle bleiben zusammen, bis sie mit 15 oder 16 Jahren auf das dreijährige Gymnasium wechseln. "Das schafft ein Gefühl der Geborgenheit, niemand wird ausgegrenzt", sagt die Lehrerin Maud Larsson Tegelgard von der Hägerstensasens skola. Zudem trägt es dazu bei, dass der Schulerfolg weniger stark als in Deutschland von der sozialen Herkunft abhängt.

Gerade hat Maud in der 6b Mathe unterrichtet; die Kinder mussten viele Kästchen zeichnen und einen bestimmten Prozentsatz oder einen Bruchteil davon in verschiedenen Farben ausmalen. Oskar, ein frecher Blonder, ist daran an der Tafel spektakulär gescheitert, was ihn zwar gestört, aber nicht frustriert hat.

Denn die Atmosphäre ist fast freundschaftlich. "Der Abstand zwischen Lehrern und Schülern ist geringer als in Deutschland", sagt Maud. Trotzdem geht es im Unterricht so ruhig zu, dass die Klassentüren überall offen stehen können, ohne dass eine Gruppe die andere stört. "Die Regeln sind sehr klar", sagt Mauds Kollegin Annbritt Luthman. "Die Kinder wissen, was von ihnen erwartet wird." Schon im Kindergarten wird geübt, wie man sich auf Regeln des Zusammenlebens verständigt - und diese dann auch einhält.

Der Traum von der Gleichheit

Wenn es so etwas wie eine schwedische Ideologie gibt, dann ist es der Traum von der Gleichheit. Gerade für die Besten ist das ein Problem: Sie werden oft nicht optimal gefördert. Aber auch da hat sich in den vergangenen Jahren etwas getan. Zu Inger Nyrells Gymnasium etwa kommen vereinzelt hoch begabte Grundschüler. Sie haben den Stoff ihrer Stufe bereits verstanden und nehmen hier an anspruchsvolleren Mathekursen teil.

In einer Englischklasse lernen alle zusammen einfache Pluralformen; nur Herje Johansson ist in ein Buch vertieft. Er liest den "Herrn der Ringe" von J. R. R. Tolkien - auf Englisch, denn er beherrscht die Sprache weit besser als die anderen. "Im November mache ich einen Englischtest, wenn ich den bestehe, muss ich nicht mehr zum Unterricht kommen", sagt Herje. Er ist sicher: "Diese Schule bringt mir bei, was ich für die Universität brauche."

Ein Team von Lehrern aus allen Fachrichtungen trifft sich einmal pro Woche, um über die Fortschritte in einer Klasse zu beraten. Sie überlegen auch, was man tun kann, um gute Schüler wie Herje nicht zu langweilen. Gegen manche Widerstände hat Nyrell die Teamarbeit durchgesetzt - was nicht zuletzt deshalb klappte, weil sie über Gehaltserhöhungen entscheidet und so Reformwillen belohnen kann. "Wer eine Stelle mit fester Besoldung für das ganze Leben hat - was leistet der?", fragt die Mittfünfzigerin. Das deutsche Berufsbeamtentum hält sie nicht gerade für ein Erfolgsmodell der Zukunft.

Topfschlagen statt Beethoven

Nyrells tägliche Probleme sind kaum andere als die an deutschen Schulen. Ihre 650 Schüler kommen aus mindestens 40 Nationen ("So genau zählen wir nicht"). Es sind Kinder dabei, die kaum Schwedisch können, und andere, die neben ihrer Muttersprache feinstes Englisch sprechen. An der Multikulti-Schule sollen auch die Stärkeren von den Schwächeren profitieren. Vor allem, indem sie einen fairen Umgang miteinander lernen. Der Bildungskanon kommt da manchmal etwas zu kurz. "Die Klassiker sind etwas zurückgedrängt worden", gibt Nyrell zu. "Wir können nicht alles erreichen." Wenn sie die Wahl hat, den Kindern Fakten über Beethoven zu vermitteln oder Lust auf Musik durch rhythmisches Topfschlagen, dann entscheidet sie sich im Zweifel fürs Topfschlagen. "Aber wir versuchen, mit dem einen zum anderen zu locken."

Auf schwedischen Gymnasien werden berufliche und theoretische Bildung miteinander verbunden. Es gibt praktisch orientierte Zweige und solche, die auf ein Studium vorbereiten. Dabei haben die Schulen viele Freiheiten. Entscheidend ist, dass die Ergebnisse stimmen. Nationale Tests, deren Ergebnisse für jede Schule im Internet veröffentlicht werden, schaffen Transparenz.

Das System ist weit davon entfernt, perfekt zu sein. So besteht die Gefahr, dass Nebenfächer vernachlässigt werden, in denen es keine landesweiten Erfolgskontrollen gibt. Zudem wachsen die Unterschiede zwischen den Schulen dadurch, dass erfolgreiche Schulen gute Schüler anziehen. "Das beeinflusst natürlich die Chancen der Kinder", sagt Luthman. Aber die Richtung scheint zu stimmen.

Studenten als Ich-AG

An den Universitäten wird den Studenten schon durch die Art der staatlichen Förderung deutlich gemacht, dass Bildung wertvoll ist und sich letztlich auszahlen muss: Sie bekommen neben einem kleinen Zuschuss zum Lebensunterhalt Darlehen. Die sind unabhängig vom Einkommen der Eltern, von denen nicht erwartet wird, dass sie sich - außer durch ihre Steuergelder - an der Studienfinanzierung beteiligen. Wenn man so will, ist jeder Student seine eigene Ich-AG.

Trotz der unsicheren Berufsaussichten hat sich Sofi Gerber, eine 30-jährige Mutter von zwei Kindern, entschieden, Ethnologie und Literatur zu studieren. Auf die Frage, was man damit später mal wird, sagt sie selbstbewusst: "Klug." Ihr Kommilitone Magnus Edlund studiert zwar Medizin, wodurch er sich später ein gutes Einkommen erhofft, aber nebenbei belegt er gleich vier Sprachen: Deutsch, Niederländisch, Französisch und Englisch.

Denn bei allem Sinn für den ökonomischen Wert der Bildung ist in Schweden die Vorstellung fest verankert, dass Wissen und Können auch ohne unmittelbar erkennbaren Nutzen von Vorteil sind. In der Stockholmer Lehrerhochschule erklärt der Rektor Eskil Franck, die Steigerung des Bildungsniveaus der breiten Bevölkerung sei für das einstige Agrarland Schweden unendlich wichtig gewesen. "Die Gesellschaft gewinnt, wenn viele partizipieren - auch ökonomisch."

Aber sollen deshalb Bauarbeiter Abitur haben? Francks Stellvertreterin Astrid Pettersson ist dafür: "In einer veränderlichen Welt ist es wichtig, dass man den Beruf wechseln kann." Sie ist überzeugt, dass gute Schulbildung auch in weniger qualifizierten Berufen dazu beiträgt, die Arbeitslosigkeit zu reduzieren.

Bei allen Vorteilen sieht Franck auf das schwedische Bildungssystem große Herausforderungen zukommen. "Es ist nicht einfach, Gleichheit und Wettbewerb zusammenzubringen", sagt er. "Wir brauchen mehr Wettbewerb. Das tut manchmal weh." Gerade wenn es um die Förderung von Eliten geht. Dass potenzielle Nobelpreisträger ihren Weg machen, da ist er sicher. Aber überdurchschnittliche Schüler, die keine Genies sind, würden nicht so ausgebildet, wie es möglich wäre.

Ergebniskontrolle und systematische Schulinspektionen

Das scheint der Preis dafür zu sein, dass in Schweden auf eine Auslese nach Leistungskriterien viele Schuljahre lang weitgehend verzichtet wird. Andererseits verhindert die gemeinsame Ausbildung aller Kinder, dass sich eine große Gruppe von Unqualifizierten bildet. Darauf ist Tommy Lagergren von der Schulbehörde Skolverket besonders stolz: dass man sich, anders als in Deutschland, nicht mit dem Scheitern abfindet und nicht einen Teil jeden Jahrgangs mehr oder weniger aufgibt. Lagergren und seine Behörde müssen allerdings kämpfen, dieses Ziel nicht dadurch zu erreichen, dass das allgemeine Niveau sinkt. "Das Pendel ist etwas zurückgeschlagen", sagt er. Nach der Euphorie Anfang der neunziger Jahre, als alle Macht an die Kommunen ging, erkannten die Bildungsplaner, dass mehr Ergebniskontrolle nötig ist. Systematische Schulinspektionen wurden erst in diesem Jahr eingeführt. Nationale Leistungsüberprüfungen in Nebenfächern werden vorbereitet. Offenbar ist die Reform ein permanenter Prozess. "Er dauert seit 40 Jahren", sagt Lagergren.

Was natürlich kein Grund ist, in Deutschland damit erst gar nicht anzufangen. Vieles, was in Schweden besser funktioniert, könnte auch bei uns klappen. Nur einen wichtigen Vorteil werden die Schweden und andere kleine Länder wohl immer behalten: Englischsprachige Filme werden dort im Original mit Untertiteln gezeigt, weil es nicht lohnt, sie zu synchronisieren. Auch deshalb kann man sich mit Zwölfjährigen in Stockholm problemlos auf Englisch unterhalten. Eskil Franck hält das unfreiwillige Sprach- und Lesetraining vor dem Fernseher für ein "großes Geschenk" und rät den Deutschen, sofort zu handeln: "Sie sollten morgen auf Untertitel umstellen."

Stefan Schmitz / print