Schweiz/Altersversorgung Auf drei festen Säulen

Der Mix macht's: Mit staatlicher Rente, betrieblicher Pension und privaten Ersparnissen sorgen die Eidgenossen fürs Alter vor. Besuch bei einem Unternehmen, das nicht nur scharfe Messer, sondern auch sichere Renten produziert.

Der Himmel ist blau, die Wiesen sind grün, die Bergspitzen weiß. Im postkartenschönen Örtchen Ibach im Kanton Schwyz am Fuße des 1899 Meter hohen Mythen-Gipfels ist die Welt noch in Ordnung - und die Rente sicher.

Eine sichere Rente - gibt es das überhaupt noch? Schließlich sind die Probleme überall in Europa die gleichen: Die Arbeitslosigkeit steigt, die Kinderzahl sinkt, und die Renten müssen wegen steigender Lebenserwartung immer länger gezahlt werden. Das ist auch in der Schweiz nicht viel anders als in Deutschland. Trotzdem ist bei den Eidgenossen die Altersversorgung weitaus sicherer als hierzulande. Wie haben unsere Nachbarn das geschafft?

Erste Lektion:

Wer an einem späten Freitagnachmittag das lang gestreckte Fabrikgebäude von Victorinox in Ibach betritt, lernt sofort die erste Lektion - und die hat nur wenig mit dem Rentensystem zu tun: In der Schweiz wird einfach mehr gearbeitet. Auch kurz vor dem Wochenende rattern und zischen die Maschinen. Über 100 000 Messer werden jeden Tag hergestellt, darunter auch die berühmten Schweizer Offiziersmesser mit dem Kreuz-Wappen. "Wir haben die 42-Stunden-Woche", sagt Rolf Schäuble, der Vorsitzende der Betriebsrates, der hier Betriebskommission heißt.

Natürlich fände der 36-jährige Ingenieur auch die 35-Stunden-Woche "super", wie sie für die Kollegen in der westdeutschen Metallindustrie gilt. "Aber bei uns ist es so, dass man bei weniger Arbeitsstunden auch weniger Lohn hat."

Die Schweizer arbeiten nicht nur in der Woche länger, sie haben auch weniger Urlaubs- und Feiertage. Aufs ganze Jahr gerechnet beträgt die Arbeitszeit rund 1900 Stunden - 200 Stunden mehr als im deutschen Durchschnitt und 400 Stunden mehr als in Betrieben mit 35-Stunden-Woche. "In sieben Wochenstunden mehr wird auch mehr produziert", freut sich Personalchef Robert Heinzer. Die Löhne bei Victorinox sind nicht niedrig. Die Firma zahlt rund zehn Prozent mehr als in der Region üblich. Arbeiter verdienen rund 5000 Franken (rund 3220 Euro) im Monat. Wegen der längeren Arbeitszeit ist der Stundenlohn eines Ibacher Metall-Werkers aber um ein Fünftel niedriger als der eines Stuttgarter Kollegen mit dem gleichen Monatsgehalt.

Zweite Lektion:

Beim Gang durch das Unternehmen fällt ein weiterer Unterschied zu Deutschland auf. Während hierzulande die Hälfte der Betriebe keine über 50-Jährigen mehr beschäftigt, sind in Ibach in den Fabrikhallen und Büros auch viele Ältere zu sehen. Das ist die zweite Lektion: Die Schweizer gehen später in Rente. Xaver Ehrler zum Beispiel hat bis zum seinem 65. Geburtstag als Export-Manager bei Victorinox gearbeitet. "Bei uns gibt es praktisch keine Frühpensionierungen", sagt der 66-Jährige.

Statt wie in Deutschland üblich in den vollständigen Vorruhestand zu gehen, hat er lediglich in den letzten fünf Berufsjahren die Arbeitszeit auf 80 Prozent reduziert.

Während in der Schweiz von den 55- bis 64-Jährigen knapp 70 Prozent beschäftigt sind, arbeiten in Deutschland gerade noch 37 Prozent. Das belastet Arbeitslosen- und Rentenversicherung gleich doppelt: Es gibt weniger Einzahler und mehr Leistungsempfänger. Allein schon aus diesem Grund sind die deutschen Sozialabgaben höher. Warum die Schweizer so viel besser dastehen, haben Bertelsmann-Stiftung und Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände in einer noch unveröffentlichten Studie untersuchen lassen. Die Autoren kommen zu dem Ergebnis: "Der Schweizer Arbeitsmarkterfolg für ältere Arbeitnehmer hat wesentlich mit der Ausgestaltung der Altersvorsorge zu tun."

Während bei uns Arbeitnehmern zum Beispiel pro Jahr früherem Ruhestand die gesetzliche Rente um 3,6 Prozent gekürzt wird, beträgt dieser Abschlag in der Schweiz 6,8 Prozent. Viele Eidgenossen können sich also die Frührente gar nicht leisten. Aber viele Arbeitgeber wollen sie auch gar nicht ziehen lassen - auch nicht Victorinox. "Die sind froh, wenn die Leute weiterarbeiten", sagt Betriebsrat Schäuble. "Jedes Jahr mehr bringt mehr Know-how", begründet Personalmann Heinzer das Bellheim-Prinzip. Anders als in Deutschland sind die Älteren auch nicht bei Fortbildungen ausgesperrt. "Wenn jemand noch mit 62 einen Kurs besuchen will, dann ist uns das willkommen", sagt Heinzer.

Exportmanager Ehrler hat sich so an das ständige Sprachentraining gewöhnt, dass er nun auch im Ruhestand noch die "Iswestija" und den "Daily Telegraph" abonniert hat.

Dritte Lektion:

Mit seiner Rente ist Pensionär Ehrler nun "sehr zufrieden". Das Alterseinkommen stammt nicht nur aus einer, sondern gleich aus drei Quellen: der staatlichen Rentenversicherung, der betrieblichen Pensionskasse und der privaten Vorsorge. "Ich habe für den Ruhestand gespart, sodass ich nicht auf Tod und Teufel dem Staat ausgeliefert bin", sagt Ehrler. Das ist die dritte Lektion: Drei Säulen sind besser als eine.

Das Drei-Säulen-Prinzip hat den Schweizern von internationalen Organisationen wie der OECD und der Weltbank das Lob "exzellent" eingetragen, vor allem weil in einem Mischsystem die Risiken geringer sind. Für die Finanzierung wird sowohl das Umlageverfahren genutzt, bei dem die Beiträge der Aktiven sofort an die Rentner ausgezahlt werden, als auch das Kapitaldeckungsverfahren, bei dem die Altersversorgung tatsächlich angespart wird.

Vierte Lektion:

Geradezu ein Nationalheiligtum ist in der Schweiz die AHV. Die Buchstaben stehen für Alters- und Hinterlassenenversicherung, die erste Säule der Altersversorgung. Auf den ersten Blick ähnelt sie der deutschen Rentenversicherung, weil auch im Alpenstaat die Beiträge direkt vom Lohn abgezogen und je zur Hälfte von Arbeitgeber und Arbeitnehmer getragen werden. Der Vorteil zeigt sich auf den zweiten Blick: Während die Deutschen 19,5 Prozent Beitrag zahlen, müssen die Schweizer nur 8,4 Prozent abliefern - und das seit 1975 unverändert. Anders als in Deutschland müssen so gut wie alle Bürger, also auch Selbstständige und Beamte, in die Rentenkasse einzahlen. Der eigentliche Clou: Der Beitrag wird auf das ganze Einkommen erhoben, ohne jede Bemessungsgrenze, die in Deutschland zurzeit bei 5100 Euro im Monat liegt.

Anders als von den deutschen Fans einer Bürgerversicherung oft behauptet, müssen die Schweizer aber keine Beiträge auf Zinsen und Mieten zahlen. Die Leistungen dagegen sind gedeckelt: Die Höchstrente beträgt 2110 Franken (1360 Euro). Ein Manager, der eine Million im Jahr verdient, zahlt also 42 000 Franken Beitrag, bekommt im Alter aber nur eine Jahresrente von 25 320 Franken. Eine riesige Umverteilungsmaschine - wer hätte das von den sonst so konservativen Eidgenossen gedacht? Victorinox-Lehrling Guido Rickenbacher, 17, findet das "nur gerecht. Wer eine Million verdient, kann auch mehr bezahlen". Das ist die vierte Lektion: Das Schweizer System ist solidarisch.

Die AHV sorgt dafür, dass es zwischen Zürich und Genf fast keine Altersarmut gibt. Die Durchschnittsrente beträgt 1632 Franken - und ist damit allein in der ersten Säule schon höher als in Deutschland. Auch wer 45 Jahre nur die Mindestbeiträge von zurzeit 353 Franken gezahlt hat, bekommt eine Mindestrente von 1055 Franken (680 Euro). Davon profitieren vor allem die Frauen. Auch Familien fördert die Rentenversicherung weit stärker. Als Erziehungszeiten werden den Eltern alle Jahre bis zum 16. Geburtstag ihres jüngsten Kindes gutgeschrieben.

Fünfte Lektion:

Die AHV-Rente sichert die Existenz im Alter - aber: Gut leben lässt sich davon in der teuren Schweiz nicht. Deswegen ist seit 1985 die "Berufliche Vorsorge" vorgeschrieben. Während sich die sonst so staatsgläubigen Deutschen mit einer "Zwangs-Rente" ? la Riester schwer tun, ist in der freiheitsliebenden Schweiz die zweite Säule selbstverständlich - ein "Obligatorium". Wer älter als 25 ist und pro Jahr mehr als 25 320 Franken (16 300 Euro) verdient, wird bei der betrieblichen Pensionskasse angemeldet. "Das wird ein Schock", ahnt der angehende Polymechaniker Rickenbacher schon, "denn dann muss ich sieben Prozent Beitrag zahlen." Denselben Prozentsatz zahlt sein Arbeitgeber für ihn ein. Der Staat zwingt die Bürger frühzeitig zum Sparen, sodass durch Zins und Zinseszins bis zum Ruhestand ein ausreichendes Guthaben zusammenkommen kann. Das ist die fünfte Lektion: Eine alternde Gesellschaft muss Kapital ansammeln.

Insgesamt haben die Schweizer mit der "Beruflichen Vorsorge" schon über 500 Milliarden Franken aufgehäuft - das sind mehr als 120 Prozent der Wirtschaftsleistung eines Jahres. Das Geld wird in 9000 Versorgungseinrichtungen verwaltet, allerdings nicht immer optimal. Einige Pensionskassen sind im Börsenboom zu spät eingestiegen und haben in den vergangenen zwei Jahren kräftig Kapital verloren. Da sie die Einlagen bis vor kurzem mit mindestens vier Prozent jährlich verzinsen mussten, ist zurzeit bei einigen nicht genug Geld in der Kasse, um alle Ansprüche zu decken.

Eine solche Unterdeckung gibt es bei Victorinox nicht. Die Finanzlage der Pensionskasse ist so stabil wie die unverwüstlichen Soldatenmesser. Norbert Gwerder, Abteilungsleiter Maschinenmontage, hat sich erkundigt. Im Alter von 51 Jahren rechnet man schließlich schon mal nach, wie viel Geld man im Ruhestand zur Verfügung hat. "Hier geht man mit Geld vorsichtig um", sagt Gwerder, "wir sind keine großen Spekulanten."

200 Millionen Franken liegen auf der hohen Kante. Weil es bisher nur 180 Rentner gibt, aber 1200 Beschäftigte sparen, wird es jedes Jahr mehr. Der Aktienanteil liegt bei acht Prozent. Ein Großteil der Aktien wurde im Juli 2001 verkauft - vor dem großen Absturz. Die Anlageentscheidungen trifft ein Stiftungsrat, dem je drei Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertreter angehören. Jedes Jahr bekommen alle Beschäftigten einen Kontoauszug. Beitragspflichtig ist das Jahreseinkommen zwischen 25 320 und 75 960 Franken (16 300 und 49 000 Euro).

Erste und zweite Säule - AHV plus Pensionskasse - sollen zusammen mindestens 60 Prozent des Einkommens absichern. Bei einem früheren Monatslohn von 5000 Franken sollen so rund 2000 Franken aus der AHV und rund 1500 Franken aus der Betriebsrente erreicht werden. Die Durchschnittspension aus der zweiten Säule beträgt 2354 Franken im Monat.

Anders als bei den traditionellen Betriebsrenten in Deutschland können die Schweizer ihr Sparguthaben bei einem Arbeitgeberwechsel mitnehmen. Es ist auch möglich, das Vorsorgekapital für den Kauf eines Einfamilienhauses oder einer Eigentumswohnung einzusetzen. Die Rente fällt dann natürlich entsprechend geringer aus.

Sechste Lektion:

Wenn Schweizer ausländischen Gästen ihr Drei-Säulen-System erklären, wählen sie gern einen kulinarischen Vergleich: Die staatliche Rente ist das Brot, die betriebliche Pension ist der Emmentaler - und der Wein dazu, das ist die private Vorsorge.

Personalmanager Heinzer rechnet vor: Ein Durchschnittsverdiener sollte beim Renteneintritt 300 000 Franken (195 000 Euro) auf der hohen Kante haben, um das monatliche Einkommen um mindestens 1000 Franken aufstocken zu können. Zwar sparen die Schweizer sowieso schon ziemlich fleißig, aber seit einigen Jahren belohnt der Staat die private Altersvorsorge noch zusätzlich. Das ist die sechste Lektion: Die Eigenvorsorge wird steuerlich begünstigt.

Die dritte Säule funktioniert nach dem Prinzip der "nachgelagerten Besteuerung". Die Arbeitnehmer können pro Jahr bis zu 6077 Franken (3920 Euro), Selbstständige sogar bis zu 30 384 Franken (19 600 Euro) anlegen und vom steuerpflichtigen Einkommen abziehen. Das Geld vermehrt sich und muss mit Zinsen erst im Ruhestand versteuert werden. In Deutschland ist die Riester-Rente ähnlich gestrickt, allerdings deutlich komplizierter als das Schweizer Altersvorsorgekonto.

Letzte Lektion:

Jedes Jahr muss sich Victorinox aufs Neue gegen die Billigkonkurrenz aus Fernost behaupten. Natürlich hilft es der Firma, dass die Sozialbeiträge für den Arbeitgeber nur rund 15 Prozent ausmachen - und nicht 23 Prozent wie in Deutschland. Doch entscheidend ist das nicht. Erfolg am Markt hat die Messerschmiede nur, weil sie ihr Traditionsprodukt ständig erneuert: Das Taschenmesser wird so mal mit einem Kugelschreiber, dann mit einem Feuerzeug oder einem Höhenmesser aufgepeppt. Fast genauso halten es die Schweizer mit ihrem Rentensystem. Das ist die letzte Lektion: Anpassung ist eine Daueraufgabe.

Anders als in Deutschland, wo jede Rentenreform eine große sein muss, die für 30 Jahre halten soll (und doch nicht hält), nummerieren die akribischen Alpenländler einfach durch: Die 11. AHV-Revision steht gerade vor dem Abschluss, da wird die zwölfte schon vorbereitet. Bereits 1999 wurde die Mehrwertsteuer um einen Prozentpunkt erhöht, um den Beitragssatz stabil zu halten. Das Ruhestandsalter für Frauen wird bis 2009 schrittweise von 62 auf 65 Jahre angehoben. Die Renten sollen künftig nicht mehr alle zwei, sondern nur noch alle drei Jahre erhöht werden. Auch die zweite Säule wird an die gesunkenen Zinsen und die steigende Lebenserwartung angepasst. Das angesparte Kapitel muss für eine längere Zeit reichen.

Kein Schweizer würde aber auf die Idee kommen, am Drei-Säulen-Bau zu rütteln. Genauso wenig wie Victorinox an seinem Standort im "Swiss Knife Valley" (Tourismuswerbung). Vor Jahren gab es einmal ein Angebot aus Irland: Grundstück kostenlos, zehn Jahre Steuerfreiheit. "Das hat nicht mal zehn Minuten Überlegung gebraucht", erinnert sich Personalchef Heinzer, "die Antwort der Unternehmensleitung war natürlich nein."

Lorenz Wolf-Doettinchem print

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