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Schwule und Lesben: Die schizophrene Homo-Politik der Republikaner

Auf dem Parteitag der US-Republikaner wurde ein radikaler Kurs gegen mehr Rechte von Schwulen und Lesben verabschiedet. Zeitgleich feiern Homosexuelle ausgelassen ihre Partei. Wie passt das zusammen?

Von Martin Knobbe

Da stehen sie am Tresen, sichtlich verliebt, der eine Demokrat, der andere Republikaner, seit 17 Jahren ein Paar. Und doch ist es für Mike Smith bis heute ein Rätsel, wie sein Partner, Steve Barthelemy, zugleich schwul und Republikaner sein kann. Es ist ja tatsächlich ein bisschen so, als würde ein Vegetarier freiwillig der Metzger-Innung beitreten.

Tampa, Florida, eine Bar wie ein Tempel: Griechische Säulenimitate, rosa und himmelblauer Tüll hängt von der Decke, adonisgleiche Jünglinge tanzen auf den Podesten, den studiogestählten Oberkörper zumindest halb mit einem T-Shirt bedeckt, man will ja nicht unnötig provozieren unter der konservativen Politikelite.

"GOProud" hat eingeladen, eine homosexuelle Lobby-Organisation innerhalb der republikanischen Partei, und der Club "The Honeypot", der Honigtopf, hat viele angezogen, Delegierte, Aktivisten, Journalisten und die Stammgäste, die sowieso immer da sind. So viele Besucher habe eine republikanische Schwulenparty noch nie gehabt, jubelt der Veranstalter und bittet darum, reichlich zu trinken, tanzen und zu spenden. Man habe den Club bis 2.30 Uhr gemietet.

Man braucht einen langen Atem

Es ist noch nicht sehr lange her, da hatte eine Mehrheit der 2286 Delegierten auf dem republikanischen Parteitag in der benachbarten Sportarena, dem Tampa Bay Times Forum, beschlossen, im Parteiprogramm für einen neuen Verfassungszusatz zu kämpfen: Er soll die Ehe als eine Verbindung zwischen Mann und Frau höchstgesetzlich festlegen. Es ist ein Affront für die Verfechter der Schwulen- und Lesbenehe, denn dieser Zusatz würde fortschrittlichen Bundesstaaten verbieten, Homosexuelle vollends mit Heterosexuellen per Gesetz gleichzustellen.

Es ist ein Sieg der streng Konservativen und ein Rückschritt für die schwulen und lesbischen Aktivisten in der Partei. Da fällt kaum ins Gewicht, dass die Delegierten sich in einem anderen Bereich weitaus offener zeigten: Etwas verklausuliert wurde per Beschluss begrüßt, dass die amtierende Regierung unter Barack Obama das Verbot abgeschafft hat, sich im Militär als homosexuell zu offenbaren.

Steve Barthelemy, blondiertes Haar, an den Seiten kurz rasiert, das längere Haupthaar sorgsam gescheitelt, nippt an seinem Bier und sagt, als Schwuler in der Partei brauche man eben einen langen Atem. Jetzt seien die Menschen mit der wirtschaftlichen Krise beschäftigt, da sei kein Platz für andere Themen. Und die wirtschaftliche Krise könne Mitt Romney, der republikanische Herausforderer, eben besser lösen als Präsident Obama. "Erst regeln wir das, dann reden wir über unsere Gleichstellung. Und wenn es noch dauert, was sind schon 20 Jahre?" Sein Freund, der Demokrat, schüttelt den Kopf. Er kennt das Argument. Er versteht es bis heute nicht.

"Was soll ich bei den Demokraten?"

Neben dem politisch ungleichen Pärchen steht ein Mann in Anzug und Schlips, kreisrunde Brille, graues Haar. Fred Karger wollte in diesem Jahr Präsident der USA werden, bis ihm das Geld ausging. Er ist seit Jahrzehnten als Gay-Aktivist in der republikanischen Partei unterwegs und sagt, er setze darauf, dass irgendwann seine Überzeugungsarbeit fruchte. "Was soll ich bei den Demokraten? Man braucht mich hier, bei den Republikanern." Er klingt wie ein Zeuge Jehovas, der überzeugt ist, irgendwann in diesem Leben noch eine Madrassa bekehren zu können.

Die Schizophrenie der schwulen Konservativen zeigt sich auch in einem der Hauptsponsoren der Party: Der Hedgefonds-Milliardär Paul Singer, Vater eines schwulen Sohnes, ist ein Kämpfer für die Homo-Ehe, unterstützt großzügig die Lobbyarbeit der Homosexuellen seiner Partei und hat auch hier, im Honey Pot, die Freigetränke ermöglicht. Zugleich hat er für den Wahlkampf von Mitt Romney eine Million Dollar gespendet. Der Obama-Herausforderer aber ist nicht unbedingt bekannt dafür, eine moderne Politik in Sachen Gleichstellung voranzutreiben.

Romney muss bei den streng Konservativen punkten

Als Gouverneur von Massachusetts hatte Romney sich noch für mehr Toleranz gegenüber Schwulen und Lesben eingesetzt. Fand eine homosexuelle Kundgebung statt, wünschten er und seine Frau Ann den Aktivisten schriftlich viel Erfolg. In seiner Bain Capital hatte er viele Homosexuelle eingestellt, Berührungsängste waren ihm fremd. Doch in letzter Zeit vertritt Mitt Romney die Positionen des rechten Flügels der Partei, denn er weiß, dass er bei den streng Konservativen noch punkten muss. Deshalb ist er einer der Verfechter des geforderten Verfassungszusatzes und ein strikter Gegner gleichgeschlechtlicher Ehen.

Und dann gibt es noch die hässliche Anekdote aus Romneys Jugend, als er einen homosexuellen Mitschüler auf der Highschool drangsalierte und ihm mit Hilfe von Freunden die blondierten Haare abschnitt. Der Möchtegernpräsident hat diese Episode, die Reporter der Washington Post vor einigen Monaten aufgedeckt hatten, nie dementiert. Der homosexuelle Jugendliche hatte nach dem Überfall die Schule verlassen.

Wie sensibel das Thema innerhalb der republikanischen Partei noch immer ist, hat auch Richard Grenell erfahren. Der 45-Jährige war unter George W. Bush Sprecher der amerikanischen UN-Vertretung in New York, gilt als redegewandter und provokativer Experte mit exzellenten Kontakten zu Journalisten und wurde von Mitt Romney früh in dessen außenpolitisches Beraterteam geholt. Er hat aus seiner Homosexualität nie einen Hehl gemacht und war bekannt dafür, dass er auch die Homo-Ehe unterstützt. Im April machte ihn Romney zu seinem außenpolitischen Sprecher, drei Wochen später trat Grenell schon wieder zurück. Es hatte heftigen Widerstand der Rechten in der Partei gegeben, aber auch die Linken, so sagt Grenell heute, seien ihn angegangen.

"Es ging irgendwann nicht mehr um meine außenpolitische Kompetenz, sondern nur noch darum, dass ich schwul bin", sagt Grenell, der auch zur Party in den Honey Pot gekommen ist. Dennoch stehe er weiterhin zu seiner Partei und auch zu ihrem Präsidentschaftskandidaten. "Es ist ein Unterschied, ob man noch im Wahlkampf ist, oder dann in der Regierung." Eine Regierung unter Romney, ist sich Grenell sicher, werde auch homosexuelle Berater im Team haben. Ob er sich selbst damit meint, beantwortet er mit einem Grinsen.

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