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Selbstmord eines Rentners in Athen: Engagiert bis in den Tod

Er machte drohende Armut für seine Tat verantwortlich: Doch der Rentner Christoulas, der sich in Athen erschoss, war nicht arm, sondern engagiert – bis zum bitteren Ende.

Von Andreas Albes und Natalia Sakkatou

Als die sechs Männer den dunklen Holzsarg auf ihren Schultern trugen, klatschte die Menge frenetisch Beifall. "Blut ist geflossen. Das verlangt Rache", skandierte sie. "Widerstand ist der einzige Weg!" Und: "Jetzt beginnt die Revolution." Mehr als 400 Menschen waren am vergangenen Wochenende auf den Ersten Athener Friedhof gekommen. Die meisten trugen Jeans, manche auch Shorts und bunte Hemden. Kaum einer kannte den Toten persönlich. Was die Menschen hierher getrieben hatte, war ihre Wut. Und genau das hatte der 77-jährige griechische Rentner Dimitris Christoulas gewollt, als er sich am 4. April in aller Öffentlichkeit mitten in Athen das Leben nahm.

Griechenlands Politiker wurden durch die öffentliche Tat verunsichert. In wenigen Wochen sind Wahlen, die Stimmung ist aufgeheizt. Die radikale Linke versuchte sofort, Christoulas Tod zu instrumentalisieren. "Das war kein Selbstmord, sondern Mord durch das politische System", so ihre These. Es kam sogar die Forderung, den Syntagma-Platz in Christoulas-Platz umzubenennen. Premierminister Lucas Papademos nannte den Freitod eine "menschliche Tragödie". Ein Regierungssprecher erklärte, dieser Suizid bringe das Land in eine bedenkliche Situation.

Christoulas engagierte sich sozial

Christoulas war kein armer Mann. Keiner, dem die Wirtschaftskrise so übel zugesetzt hatte, dass er um seine Existenz fürchten musste. Er besaß bis Mitte der 90er-Jahre eine Apotheke in Ambelokipi, einem bürgerlichen Stadtteil Athens. Apotheker ist ein privilegierter Beruf in Griechenland, Gewinne werden gesetzlich garantiert, die Öffnungszeiten sind streng geregelt, Apotheken haben lange Mittagspausen und sind Samstags geschlossen. Aber Christoulas legte wenig Wert auf diese Vorzüge. Für die älteren Menschen in seiner Nachbarschaft war er eine Vertrauensperson. Er versorgte Pensionäre mit Medikamenten, ohne Geld dafür zu verlangen. In seiner Freizeit besuchte er sie zu Hause, um ihren Blutdruck zu messen, gab Ratschläge zur Ernährung und stellte auch die eine oder andere kleine Diagnose. Keine Selbstverständlichkeit in einem Land, in dem viele Ärzte ohne einen "Fakelaki" (Umschlag) voll Bestechungsgeld nichtmal eine Herzoperation durchführen würden.

Christoulas hasste die alltägliche griechische Korruption, die dem Zusammenleben die Menschlichkeit nimmt. In seiner Apotheke leistete er auf seine Art Widerstand. Indem er im Kleinen Gutes tat. Doch dann kam er ins Rentenalter und verkaufte die Apotheke. Vielleicht erkannte er erst da, was sie ihm bedeutete. Christoulas, ein kleiner, zierlicher Mann, wurde immer verbitterter. Seine Frau ließ sich scheiden. Freunde erzählen, dass er sich vor allem über die Jugend aufregte. Die würde nur dasitzen und Kaffee trinken, statt sich politisch zu engagieren.

Krise sollte Menschen die Augen öffnen

Die engste Verbindung hatte er zu seiner Tochter Emmy. Sein einziges Kind. "Er war ein sensibler Mensch und liebevoller Vater. Kein bisschen engstirnig in der Beziehung zu mir", sagt sie. Als sie fünf war, nahm er sie zum ersten Mal mit auf eine Demonstration, zum Gedenken an den Sturz der Militärjunta. "Er las viel und er reiste für sein Leben gern. Mit einem alten VW-Käfer, den wir übrigens immer noch besitzen, hat er meiner Mutter und mir ganz Europa gezeigt."

Emmy Christoulas erbte von ihrem Vater nicht nur die ernsten Gesichtszüge und die zierliche Gestalt, sondern auch die tiefe Sehnsucht, sich sozial zu engagieren. Die 43-Jährige ist Assistentin der prominenten griechischen Parlamentsabgeordneten Sofia Sakorafa, die in den 70er-Jahren eine berühmte Speerwerferin war und heute eine bekannte Linksaktivistin ist. 2004 machte sie weltweit Schlagzeilen, weil sie bei den Olympischen Spielen für Palästina antreten wollte, um für die Rechte der Palästinenser zu kämpfen. Allerdings scheiterte sie an der Qualifikation.

Als die Krise begann, schloss sich Dimitris Christoulas der Protestgruppierung "Wir zahlen nicht, wir zahlen nicht" an. Die Bewegung demonstriert unter anderem gegen überhöhte Straßengebühren, besetzt Mautstellen, sägt Schlagbäume ab. An den Balkon seiner Wohnung hängte Christoulas Plakate mit politischen Parolen. Und als vergangenen Sommer Griechenlands Wutbürger wochenlang auf dem Syntagma-Platz vor dem Parlament demonstrierten, kam er jeden Tag, um im Zelt des Roten Kreuzes zu helfen, wenn jemand in der Hitze zusammenbrach. Vor allem aber debattierte und diskutierte er. Er war der festen Überzeugung, dass die Krise etwas bewegen würde in Griechenland. Dass sie den Menschen die Augen über das marode System öffnet und irgendwann alle auf die Straße gehen, um ein besseres Land zu schaffen. Aber das geschah nicht. Stattdessen musste Christoulas mitansehen, wie es vielen Menschen um ihn herum von Tag zu Tag schlechter ging.

Selbstmord als politisches Signal

Er nahm sich das Leben morgens um neun. Nur 100 Meter vom Parlament entfernt. Er stellte sich auf dem Syntagma-Platz unter einen Baum, zog eine Pistole aus der Manteltasche, hielt sich die Waffe an die Stirn und drückte ab. Bei ihm fand man später einen zusammengefalteten Zettel, auf den Christoulas mit rotem Kuli geschrieben hatte: "Mein Überleben, das durch eine würdevolle Rente gesichert sein sollte, ist bedroht. Ich finde keine andere Lösung als die eines würdevollen Endes, bevor ich anfange, im Müll zu suchen, um mich zu ernähren." Er rief die Griechen zum bewaffneten Kampf auf, beschimpfte die Regierung als Nazi-Kollaborateure und forderte, die Politiker umzubringen, wie es die Italiener einst mit Mussolini taten.

Es war jedoch nicht drohende Armut, die ihn zu diesem Schritt trieb. Vor seinem Tod hatte Christoulas noch alle offenen Rechnungen bezahlt. Er wollte eingeäschert werden, was in Griechenland durch die Orthodoxe Kirche verboten ist. Seine Tochter musste deshalb nach der Trauerfeier mit dem Leichnam nach Bulgarien fahren. Weil sie wegen der Reise keine Unkosten haben sollte, hinterließ ihr der Vater die Summe. Seine Freunde sagen, er sei schwer krank gewesen. "Sein Körper war so zerbrechlich und schwach, ich kann mir gar nicht vorstellen, wie er es geschafft hat, den Abzug der Pistole zu drücken", meint einer. Seine Tochter sagt: "Woher die Waffe kam, wusste nur er selbst. Mein Vater wollte mit seinem Tod ein politisches Signal setzen." Und vielleicht träumte er davon, als Märtyrer eine Revolution auszulösen.

Selbstmordrate um 40 Prozent gestiegen

Christoulas war nicht der erste Grieche, der mit einem Selbstmord Aufmerksamkeit erregen wollte. In Thessaloniki überschüttete sich im Oktober ein Mann mit Benzin und zündete sich an, nachdem die Bank sein Haus enteignen wollte. Und in Athen versuchte sich eine junge Beamtin aus ihrem Bürofenster zu stürzen, weil sie gefeuert worden war. Dutzende Passanten sahen dabei zu. Die Selbstmordrate in Griechenland ist seit Ausbruch der Krise um 40 Prozent gestiegen. Mehr als 1800 Menschen nahmen sich das Leben. Nach Christoulas' Tod sah es eine Weile so aus, als beginne eine neue Welle der Gewalt. Noch am selben Abend gab es Ausschreitungen im Zentrum Athens. Die Polizei setzte Schlagstöcke und Tränengas ein. Auch an den folgenden Tagen kamen Hunderte an die Stelle unter dem Baum, wo der 77-Jährige die Waffe gegen sich gerichtet hatte. Sie legten Blumen und Briefe nieder. In einem steckte eine scharfe Patrone.

Doch die Lage beruhigte sich wieder. Vielleicht, weil Christoulas keinen heldenhaften Märtyrer darstellte, sondern "nur" einen desillusionierten Mann, der tief enttäuscht darüber war, dass sich in Griechenland so schnell nichts ändern wird.

Von Andreas Albes und Natalia Sakkatou

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