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Sensation in Oslo: Nobelpreis geht an demütigen Obama

Was für eine Überraschung: Der Friedensnobelpreis geht an US-Präsident Barack Obama. Seine Tochter habe ihm die Nachricht überbracht, erzählte der "sehr demütige und sehr überraschte" Präsident.

Der US-Präsident selber war "sehr überrascht und sehr demütig". "Das war heute morgen nicht die Art, die ich mir vorgestellt habe, aufzuwachen", sagte Barack Obama am Freitag vor Journalisten. Seine Tochter sei ins Schlafzimmer gekommen und habe ihm die Nachricht überbracht. "Papa, Du hast den Nobelpreis gewonnen". Der Präsident sieht diesen "nicht als Anerkennung meiner Errunggenschaft, sondern Bestätigung der amerikanischen Führerschaft". Er werde ihn als "Ansporn" nehmen und habe es im übrigen gar nicht verdient, in der Gruppe der Nobelpreisträger zu befinden. Das sehen konservative Beobachter in den USA genauso.

Am Morgen hatte das Nobelpreiskomitee in Oslo verkündet, dass der Friedensnobelpreis 2009 an Barack Obama geht - geradezu sensationell nach nicht einmal neun Monaten im Amt. "WOW" war das Erste, was aus dem Obama-Lager nach außen drang. "WOW" stand in einer E-Mail des frisch erwachten Regierungssprechers Robert Gibbs an den Fernsehsender CBS

Der Preisträger bekam zunächst keinen Anruf aus Oslo. "Den Präsidenten mitten in der Nacht aufzuwecken gehört sich nicht", sagte der Vorsitzende des Komitees Thorbjoern Jagland. Zudem habe das Komitee befürchtet, dass der Name des Gewinners so schon vor der offiziellen Verkündung durchsickern könnte. Normalerweise wird der Preisträger eine Stunde vor der Bekanntmachung angerufen.

"Er hat ein völllig neues Klima geschaffen"

Obama wird für seinen Einsatz zur "Stärkung der internationalen Diplomatie" geehrt. Er habe ein "völlig neues internationales Klima geschaffen", hieß es in der Begründung. Besonderes Gewicht wurde bei der Entscheidung auf Obamas Einsatz für eine Welt ohne Atomwaffen gelegt. Der Preis ist mit umgerechnet knapp einer Million Euro dotiert.

Jagland sah sich bereits kurz nach der Bekanntgabe der Entscheidung genötigt, diese zu verteidigen. Auf die Frage, ob das Komitee nicht eine "gewagte Entscheidung" getroffen habe, sagte Jagland: "Alles, was in der Welt seit Obamas Amtsantritt geschehen ist, und wie das internationale Klima sich geändert hat, ist mehr als genug, um zu sagen, dass er das erfüllt, was in Alfred Nobels Testament steht. Nämlich, dass der Preis an denjenigen gehen soll, der im vorausgegangenen Jahr am meisten für internationale Verbrüderung und Abrüstung sowie die Förderung von Kooperation und Dialog getan hat."

Während die Entscheidung in einigen Medien mit Unverständnis aufgenommen wurde - das "Wall Street Journal" frug: "Wofür?" - lassen sich die Reaktionen in der internationalen Politik mehrheitlich mit verwundert-positiv beschreiben. Beispielsweise in Russland. Die Anerkennung stärke die Hoffnung auf eine tatsächliche "Erwärmung" der russisch-amerikanischen Beziehungen, sagte der Vizechef des Auswärtigen Ausschusses der Staatsduma, Leonid Sluzki. Die Preisvergabe lasse auch hoffen, dass mit Hilfe Obamas weniger Gefahren für die globale Sicherheit geben werde.

Bundeskanzlerin Angela Merkel gratulierte: "Es ist ihm in kurzer Zeit gelungen, weltweit einen neuen Ton zu setzen, Gesprächsbereitschaft zu schaffen", sagte sie in Leipzig und sprach von einer "großartigen Auszeichnung".

Geradezu begeistert zeigte sich einer der Vorgänger Obamas, der Chef der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA, Mohammed el Baradei, der den Preis 2005 verliehen bekommen hat. "Mir fällt niemand ein, der diese Ehre mehr verdient hätte." In weniger als einem Jahr im Amt habe Obama es geschafft, "die Hoffnung auf eine Welt, die mit sich selbst in Frieden ist, wiederaufleben zu lassen". Auch habe der US-Präsident einen herausragenden Führungsstil mit Hinblick auf eine Nuklearwaffen-freie Welt gezeigt.

Hat Barack Obama den Friedensnobelpreis verdient?

In der Tradition von Brandt und Gorbatschow

Der Preis kann auch als Vorschusslorbeeren des Komitees verstanden werden. Jagland meinte weiter, das Komitee habe schon immer versucht, noch nicht abgeschlossene Entwicklungen für den Frieden zu stimulieren und zu fördern. Das sei auch bei den Vergaben an Bundeskanzler Willy Brandt 1971 und an den damaligen sowjetischen Parteichef Michail Gorbatschow 1990 der Fall gewesen.

"Nur sehr selten hat ein Mensch im gleichen Ausmaß wie Obama die Aufmerksamkeit der Welt gefangengenommen und seinem Volk Hoffnung auf eine bessere Zukunft gegeben", hieß es in der Begründung des Komitees. "Seine Diplomatie gründet auf der Vorstellung, dass diejenigen, die die Welt führen sollen, dies auf der Grundlage von Werten und Einstellungen tun müssen, die von der Mehrheit der Weltbevölkerung geteilt werden." Dies seien genau die Positionen, für die das Nobelkomitee seit 108 Jahren werbe.

Monate voller Initiativen und Höhepunkte

Selten hat ein Staatsmann nach so kurzer Zeit im Amt den Preis erhalten wie Obama. Der Politiker aus Chicago ist erst seit dem 20. Januar amerikanischer Präsident. Obama legte ein enormes Tempo vor. Der erste farbige Präsident der USA präsentierte sich als ein Hoffnungsträger für eine friedlichere Welt. Er ordnete den amerikanischen Truppenabzug aus Irak an. Er bot den nach der Atombombe strebenden Staaten Iran und Nordkorea direkte Gespräche an. An Russland sendete er Signale der Entspannung und verkündete schließlich den Verzicht auf das geplante globale Raketenschild, von dem sich die Russen bedroht gefühlt hatten. Inzwischen verhandeln beide Länder wieder über den Abbau ihrer Nuklearwaffen. Dieser Initiative schließen sich auch andere Atommächte an.

Zwei besondere Höhepunkte in Obamas ersten Monaten waren die Reden in Prag und Kairo. In der tschechischen Hauptstadt formulierte Obama am 5. April die Vision einer atomwaffenfreien Welt. In Ägypten reichte der US-Präsident der islamischen Welt die Hand zum Frieden. Der Aufruf zur Versöhnung wurde in der muslimischen Welt mit Beifall und Respekt bedacht.

Rund 200 Kandidaten waren für den Preis nominiert, auch Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl waren 20 Jahre nach dem Mauerfall Chancen ausgerechnet worden - größere als für Obama. Es gab auch skurrile Vorschläge: So hatten einige Italiener ihren Skandal-Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi vorgeschlagen. Im vergangenen Jahr hatte der ehemalige finnische Präsident Martti Ahtisaari den Friedensnobelpreis erhalten, 2007 ging die Auszeichnung an den früheren US-Vizepräsident Al Gore und den Weltklimarat der Vereinten Nationen. Der bislang letzte deutsche Preisträger war Willy Brandt.

DPA/Reuters/ben / DPA / Reuters