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Serie Teil 6: Polen: Das Reich der Mitte

Für die meisten Europäer liegt das Land im Osten. Dabei ist es von Warschau näher zur Costa Brava als zum Ural. Hier hat das Wirtschaftswunder früher begonnen als bei den Nachbarn. Und selbst die Deutschen sind fast überall gern gesehen.

Man will doch nicht schon wieder vom Krieg reden. Man will doch vom Frieden reden und vom Wohlstand, also von der Zukunft. Der Krieg ist doch schon so lange vorbei. Die junge Frau auf dem Defilatenplatz in Warschau gerät in Rage, und ihr Polnisch wird so schnell, dass es fast nur noch zischt. "Wir sind Kinder Europas, und wir müssen nach vorn sehen", ruft sie.

Aber der alte Mann mit den vielen kleinen Orden am Jackett bleibt stur. Er sieht in den Himmel, und dann sieht er auf das Plakat, das er umklammert hält wie früher vielleicht einmal sein Gewehr. Adolf Hitler ist darauf und darunter steht: Was die Deutschen nicht mit den Waffen geschafft haben, das schaffen sie nun mit der EU. "Wollt ihr euch von den Deutschen zu fressen geben lassen?", brüllt er zurück. "Wenn ihr uns verliert, dann werdet ihr auch euch verlieren."

Im Zug Richtung Zukunft

Am Ende der kleinen Demo von radikal-katholischen EU-Gegnern stehen sie im Kreis und singen Lieder darüber, dass sie Marias Ritter sind und sich opfern werden für die polnische Identität. Ein paar Leute gehen vorbei und schütteln die Köpfe und sagen, es ist doch alles entschieden, der Platz im Zug Richtung Zukunft längst gebucht. Aber für die Alten ist die Vergangenheit noch lange nicht vorbei.

Am Mittag begann eine Parade am Grab des unbekannten Soldaten. Generäle, Politiker, Veteranen. In Dreierreihen traten sie vor. Sie trugen Kränze in den Händen und die Narben des Krieges stolz in ihren Gesichtern und tief in ihren Herzen. Nur ein kleines Häuflein hatte sich versammelt, um den Trompeten zu lauschen. Ein paar Kinder probierten albernd den Stechschritt. Früher war der Platz der Defilaten, der aussieht wie eine blank geputzte Frisbeescheibe, an jedem Paradentag voller Menschen, voller Fahnen, voller Lieder. Früher.

Aber Zeit ist relativ in Polen. Die Altstadt von Warschau ist jünger als die Neubausiedlungen. Sie wurde nach dem Krieg wieder aufgebaut, so lebensecht wie eine Puppenstube. Nicht nach alten Fotos, sondern nach Motiven des Hofmalers Canaletto. Einmal Polen, so wie man es sich erträumt. Warschau ist auferstanden, jubelten die Zeitungen, als alles fertig war. Eine Meisterleistung der Denkmalpflege, sagte die Welt. Ein Wunder, sagten die Leute.

"Danke für die Genesung"

Wunder gibt es in Warschau an jeder Ecke. Im Dom des heiligen Jan soll die Christusfigur plötzlich Haare bekommen haben. Nur weil ein Unwürdiger sie berührt habe, hätten sie das Wachstum eingestellt. Und eine Ecke weiter hängen in einer Kirche die Holzbeine einer Madonna. Im Krieg ist alles niedergebrannt, nichts ist übrig geblieben; nur die Beine der Maria. Das ist doch kein Zufall, sagen die Gläubigen. Und dass Thaddäus, der Jude, Schutzpatron für aussichtslose Bitten und hoffnungslose Fälle, Wunder bewirkt am laufenden Band, davon zeugen doch die Hunderte von Danksagungen in der Heilig-Kreuz-Kirche, die in kleine goldene Plättchen eingraviert sind und sich inzwischen über Türen und Wände erstrecken. "Danke, dass meine Tochter das Abitur geschafft hat", steht da, und "Danke, dass Adam aus Vietnam zurückgekehrt ist", haben Amerikaner polnischer Herkunft in eine Platte gravieren lassen. "Danke für die Genesung." "Danke, dass Polen überhaupt noch existiert und jetzt nach Europa zurückkehrt."

Dann gibt es noch das Wirtschaftswunder, von dem aber keiner weiß, ob es noch nicht da ist oder schon wieder weg. Gläsern und irgendwie sehr zerbrechlich steht ein Dutzend moderne Bürotürme in Warschaus Innenstadt herum, die meisten erbaut in den neunziger Jahren. Viele davon sind leer, manchmal brennt, seltsam unentschlossen, in einem oder zwei Zimmern Licht. So, als könnten sie sich nicht entscheiden, ob sie eine Zukunft haben oder nur keine Vergangenheit.

Der polnische Tiger scheint auszuruhen. Vielleicht sammelt er auch nur seine Kraft - vor dem großen Sprung nach Europa. Die so genannten Yuppiekneipen in den Geschäftsvierteln von Warschau sind leerer als noch vor drei Jahren. Aber sie sind noch da. Die Gäste trinken italienischen Wein und rauchen kubanische Zigarren. Sie tragen französische Kleidung und hören den Jazz der amerikanischen Südstaaten. Und tun einfach so, als ob Warschau nicht Polen wäre.

Sie haben Recht. Von Deutschland aus gesehen, ist Warschau im Osten. Für Polen beginnt in Warschau der Westen. Polen A, sagen die Polen. Warschau ist Hoffnung, Zukunft, das Tor zu einer neuen Zeit, trotz zwei Jahren wirtschaftlicher Stagnation.

Wie in der Fußgängerzone von Bielefeld

Im ehemaligen Gebäude der kommunistischen Partei, groß, protzig, stalinistisch, sitzt jetzt die Warschauer Börse. Auf Polnisch ist es das gleiche Wort wie Flohmarkt, sodass die Taxifahrer nach Outfit entscheiden müssen, wo sie einen hinbringen.

Im Wola-Park, dem modernsten Einkaufszentrum Warschaus, wo es aussieht und riecht wie in der Fußgängerzone von Bielefeld, schlendern die Kinder Europas vorbei an H&M und C&A und Douglas & Co. Fürs Erste gucken sie nur in die Schaufenster. Zum Kaufen fehlt den meisten das Geld. Sechs Prozent beträgt die Arbeitslosenquote in Warschau, aber die schöne Zahl hat mehr mit der Zählweise zu tun als mit der Wirklichkeit. 100 000 Menschen arbeiten in der Stadt, 500 000 suchen hier nach Arbeit, sagt der Direktor des Arbeitsamtes. So lange, bis ein Wunder geschieht.

"Umschlagplatz" ist auf Deutsch in die kalte Marmorwand an einer Straße im Muranow-Viertel gemeißelt. Nachts wird sie angestrahlt. Drum herum grau gewordene Plattenbauten, die faltiger aussehen, als sie sind. Ende der fünfziger Jahre sind sie entstanden. Die meisten, die hier wohnen, wissen nicht mehr, dass unter ihnen Trümmer und Asche des Warschauer Ghettos begraben sind.

Ein paar Schritte entfernt ist ein kleiner Park, das einzige Grün weit und breit. Trainingsanzügler führen ihre Kampfhunde spazieren, die Polen nennen sie auch "Blockowskis" - die Leute aus den Wohnblocks. In Deutschland würden sie Springerstiefel tragen, aber hier kann sich das keiner leisten. Die Hunde jagen sich um das Denkmal für die "Helden und die Gequälten", dessen Bild sich in das Gehirn der Weltgeschichte gebrannt hat, seit Willy Brandt hier auf die Knie fiel. Davor steht ein frierender Souvenirhändler und verkauft Postkarten von Sonnenuntergängen an italienische Touristen.

Polen B beginnt auf der Höhe von Lodz. "Du weißt ja, wie es ist", sagt Krzysztof, der Taxifahrer. "Die Polen leben nicht, aber sie leben. Das war schon immer so." Krzysztof ist 27, verheiratet, hat ein Kind. Er fährt elf Stunden am Tag Taxi und danach schreibt er an seiner Magisterarbeit. "Schwierigkeiten", sagt er "sind wir gewohnt. Haben wir nicht als Erste den Kommunismus abgeschüttelt? Sind wir nicht in die Marktwirtschaft gesprungen, ohne reiche Brüder und Schwestern?"

Lebendes Industriedenkmal Lodz

"Manchester des Ostens" nannten die Leute Lodz. Damals, als die riesigen Textilfabriken noch in Betrieb waren, als die Rasen vor den Fabrikantenvillen der Scheiblers und Grohmans und Geyers noch vom Personal gemäht wurden, als die Fabrikanten noch Siedlungen für ihre Arbeiter bauten aus rotem Backstein. Heute ist die Stadt ein lebendes Industriedenkmal. 25 Prozent Arbeitslosigkeit, viele Pendler, wenig Geld. Sogar die Prostituierten haben die Stadt verlassen bis auf zwei ältere Damen, die noch am Bahnhof stehen. Aber das ist nur die eine Seite.

Die andere Seite sind die jungen Leute von Lodz. Die Filmhochschüler, die Künstler, die Musiker, die begonnen haben, sich in den leer stehenden Hallen einzurichten, die auf der "Prachtstraße" flanieren und schon am frühen Abend Cafes, Kneipen und Discos füllen. Nicht wenige davon sollen von der Mafia betrieben werden. Aus dem ganzen Umland kommen die Jungen am Abend nach Lodz, manche fahren hundert Kilometer, um hier in den kleinen Clubs, verräucherten Kneipen und alten Fabrikhallen ihre Jugend und ihre Hoffnungen zu feiern, bis es hell wird. Und die Hoffnungen sind groß: Sie wollen nach Amerika, Italien, Deutschland, aber irgendwann auch wieder zurück. Sie lernen Sprachen und Berufe, oft abends nach den Jobs, mit denen sie sich über Wasser halten. Wann, wann endlich geht es los mit Europa, mit der Niederlassungsfreiheit, mit der Möglichkeit, der Welt zu zeigen, was sie draufhaben? 14 Millionen junge Polen warten auf die Zukunft, und jeder Tag der "Übergangsfristen" und Sonderregeln ist in ihren Augen ein vergeudeter Tag.

Die Männer vom Grenzkommando in Goldap im äußersten Nordosten Polens haben es schon jetzt nicht leicht. Für die Grenze nach Russland, die sie bewachen sollen, ist "unübersichtlich" eine optimistische Beschreibung. Sie verläuft über Seen und Hügelketten und durch die Rominter Heide, die zum Teil aus Urwald besteht. Dort kennen sich nur die Biber und Wölfe wirklich aus. Im Sommer sind es die Badeurlauber, die einfach die Grenzbojen nicht beachten, und im Herbst die Pilzesammler, die von den Steinpilzen auf russischem Boden nicht lassen können, im Winter die Eisfischer und die Skifahrer am einzigen Lift von Goldap, die nicht immer linientreu den Buckel runterrutschen. Und da soll die EU-Außengrenze verlaufen.

"Die Russen sind unsere Brüder"

Es gibt auch gute Nachrichten: Die Grenzer haben Nachtsichtgeräte, Computer, Walkie-talkies, Mobiltelefone, schusssichere Westen. Tausende von Arbeitslosen sollen den Grenzstreifen demnächst vom überbordenden Bewuchs befreien. Der von der EU finanzierte Jeep, mit dem Waldemar Rusak und seine Leute das Gebiet patrouillieren, ist neu. Man scheut auch sonst keine Mühen und Kosten, die polnischen Kollegen zu unterstützen. Neulich wurden sogar Indianer eingeflogen, die den Polen das Fährtenlesen beibringen sollten und wie man im Wald Menschen riecht. Und die Zusammenarbeit mit den Russen? "Die Russen sind unsere Brüder", sagt einer der Grenzer und zuckt mit den Schultern. "Geschwister kann man sich nicht aussuchen."

Am späten Vormittag ist der Stadtpark von Goldap voller Ameisen. Sie sitzen auf den Bänken, sie trippeln auf den Wegen, sie gehen, ohne irgendwo anzukommen, immer im Kreis um die kleine Rasenfläche. Sie warten auf Kundschaft. Ameisen nennt man die Kleinschmuggler, die nur mit dem, was sie tragen können, die polnisch-russische Grenze überwinden - manche mehrmals am Tag.

Maria ist 37 und schmuggelt seit sieben Jahren. Es ist schwieriger geworden in letzter Zeit. Maria ist dünn und abgekämpft. Sie hat nicht genug Geld, um auf der russischen Seite so viel einzukaufen, dass sich das Schmiergeld für die Zöllner rentiert. Die Tarife sind zu grob gerastert, klagt sie: für kleine Mengen fünf Dollar, für mittlere 20 Dollar, große nach Vereinbarung. Für kleinste Mengen gibt es keinen Rabatt.

Maria hat drei Kinder und einen Mann, der zu viel trinkt und zu wenig verdient. Die beiden Großen gehen aufs Gymnasium. Die Schule für die Älteste kostet Geld. Zweimal musste sie schon aufhören, weil keines mehr da war. Einmal hat sie die Tochter mitgenommen zum Schmuggeln. "Aber sie schafft das nicht", sagt Maria, "sie zittert ja am ganzen Leib." Im Sommer fährt Maria zum Erdbeerpflücken nach Deutschland. Dort verdient sie 16 Euro für elf Stunden Arbeit. Fünf Euro davon muss sie abgeben, weil sie mit den anderen Frauen in einem Keller übernachten darf. Wenn es keine Erdbeeren gibt in Deutschland, muss sie schmuggeln.

Die moralische Pflicht des Staates

Für den Bürgermeister von Goldap hat das mit Kriminalität nichts zu tun, denn die Leute haben keine Wahl, und die Gesetze des Marktes seien nun mal stärker als die Gesetze auf Papier. Marek Miros ist ein kleiner Mann mit wieselflinken Augen. Er gehört keiner Partei an. Die Leute haben ihn seit der Wende in Polen schon zum vierten Mal wiedergewählt. Er liebt das Schachspiel, er liebt Strategien, und er liebt seine Stadt. Der Staat, sagt er, hat die moralische Pflicht, die Augen zuzudrücken, wenn er seinen Menschen keine andere Arbeit verschaffen kann.

Bis in die neunziger Jahre waren hier die großen landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften die Hauptarbeitgeber, dazu ein bisschen Armee und ein bisschen Bürokratie. "Wie beim Domino ist alles zusammengebrochen", sagt Miros, "jetzt müssen wir überlegen, wo unsere Chancen sind." Einiges ist ihm schon eingefallen: die Region zur Sonderwirtschaftszone zu machen, Geld in eine Umgehungsstraße zu stecken, auf den Naturschutz zu setzen, den Status eines Luftkurortes zu beantragen und auf die Touristen zu bauen.

Touristen gab es schon vor der Wende in der Rominter Heide. Regelmäßig kamen reiche Westdeutsche zu "Devisenjagden" auf den Spuren Kaiser Wilhelms und mächtiger Hirsche und Elche. An den letzten Kaiser erinnern noch ein paar Gedenksteine, die beim Herumstreifen plötzlich in der Wildnis auftauchen und mühsam zu entziffern sind. Elche sind rar geworden, seit die Rote Armee bei ihrem Rückzug aus dem wiedervereinigten Deutschland in der Rominter Heide Pause machte und die Fleischvorräte zur Neige gingen. Aber die Elche kommen zurück. Ohnehin sind sie nicht das Einzige, was die Region an Natur zu bieten hat.

Masuren - Reise in die gemeinsame Vergangenheit

Die Masuren, dieses Land der 3000 Seen, dessen nordöstlichster Ausläufer die Region um Goldap ist, sind schon seit Jahren kein Geheimtipp mehr. Endlose Landschaft verschmilzt mit einem endlosen Himmel, kleine Häuser schmiegen sich an die Erde, und in manchen Dörfern trifft man am Tage mehr Störche an als Menschen. Hier kann man schwimmen, segeln, reiten und fischen. Aber inzwischen kann man auch einkehren in schönen Landgasthäusern. Eine Reise nach Masuren ist für Deutsche auch eine Reise in die gemeinsame Vergangenheit. Die Pruzzen hinterließen ihre heiligen Haine, der Deutsche Orden seine mächtigen Burgen, preußischer Adel baute mächtige Anwesen, und in den zwei Weltkriegen wechselte die Gegend um die Rominter Heide achtmal den Besitzer. Heute liegen die einstigen Kämpfer vereint auf einem Friedhof außerhalb von Goldap, die Gräber werden von Polen gepflegt.

Zurück in Warschau. Kommissar Slawomir Cisowski, ein gedrungener, stiernackiger Mittdreißiger, arbeitet in der höchsten Polizeibehörde und wartet nicht erst auf Fragen, denn er weiß ja, was deutsche Journalisten wissen wollen: Die Kriminalität in Warschau sei im Vergleich geringer als die in einer deutschen Stadt wie Berlin. 96 Kameras überwachen das Zentrum. Man hat viel erreicht. Der Autodiebstahl ist extrem zurückgegangen, und ein gestohlenes Auto anzumelden ist in Polen schwieriger als bei den Nachbarn.

Nummernschilder sind fälschungssicher und die Herkunftsnachweise strenger als bei Rindfleisch. Derzeit ist ein Gesetz in Arbeit, das diese Nachweise sogar bei Autoteilen verlangt. Drogen sind ein Problem, denn Polen ist nicht mehr nur Durchgangsland für Rauschgifte, sondern auch Abnehmer und Produzent, vor allem chemischer Drogen.

"Fürchte dich nicht, Deutschland"

Die organisierte Kriminalität ist ein Problem, das häufig überschätzt werde. Denn nebenbei, eines müsse einem ja klar sein: Für die Mafia war die deutsche Wiedervereinigung die Westerweiterung, nicht der EU-Beitritt. Und Polen war immer nur Transit. Und in der DDR haben diese Leute ihre Kontakte, durchs Studium, durch Geschäfte, durchs Militär. "Die organisierte Kriminalität", sagt Slawomir Cisowski und lächelt das erste Mal, "die wartet nicht auf Schengen. Wer da sein will, ist längst da. Das gilt für die Mafia, das gilt für die Waren, das gilt für die Arbeitskräfte. Also, fürchte dich nicht, Deutschland." Zum Schluss des Vortrages fragt er noch, ob er fürs Foto seine Uniform anziehen soll. Und lächelt ein zweites Mal.

Frauke Hunfeld / DPA