HOME

Sieg gegen Obama im TV-Duell: Der grundlos glückliche Herr Romney

Zweifellos ist Mitt Romney der Überraschungssieger des TV-Duells mit Barack Obama. Aber der frische Lack, den der Herausforderer präsentierte, wird bei den nächsten Debatten schnell wieder abplatzen.

Ein Kommentar von Martin Knobbe, New York

So wie Mitt Romney da auf der TV-Bühne in Denver stand, so hat ihn in den letzten zehn Monaten Wahlkampf noch niemand erlebt - weder was sein Auftreten anbelangt, noch was seine politischen Inhalte betrifft. Wach und schlagfertig war der Republikaner, ja, richtig witzig bisweilen. Etwa gleich zu Beginn, als er Michelle und Barack Obama zum 20. Hochzeitstag gratulierte: "Herr Präsident, Sie können sich sicher keinen romantischeren Ort vorstellen als hier - mit mir." Der Gag saß, er war die Eröffnung für einen Homerun auf ganzer Linie.

Der Abgesang, den Journalisten, Beobachter und Obamas Wahlkämpfer in den vergangenen Wochen auf den konservativen Präsidentschaftskandidaten schon angestimmt hatten, ist mit einem Schlag verstummt. Von einem Kopf-an-Kopf-Rennen ist plötzlich wieder die Rede, von einer Wiedergeburt des Herausforderers, von einem runderneuerten Mitt Romney. Auch das ist, wie so vieles in diesem Wahlkampf, eine große Übertreibung. Denn für republikanisches Triumphgeheule gibt es keinen Grund. Mitt Romney ist noch immer Mitt Romney, und das bleibt sein größtes Problem.

Romney suchte den Blick Obamas

Gut, es ist schon wahr: Romney erfüllte all das, was man für ein erfolgreiches Fernsehduell braucht: Körperliche Präsenz, Aufmerksamkeit, Souveränität. Während er ganz offensichtlich große Lust auf die Auseinandersetzung hatte, schien sich Obama nach dem Sofa im Weißen Haus zu sehnen. Romney war bestens präpariert, Obama fehlten zu oft die Worte. Romney suchte den Blickkontakt mit seinem Gegner, Obama den mit dem Boden.

Für das erste Duell, in dem es kaum auf Inhalte, aber viel auf Optik und Auftreten ankommt, hat Mitt Romney alles richtig gemacht. Man wird es in den Umfragen der nächsten Tage bemerken: Der Konkurrent wird den Abstand zu Obama um einige Punkte aufholen können. Seine grundsätzlichen Schwächen aber hat er auch mit seinem Überraschungsauftritt nicht wettgemacht: seine Beliebigkeit und Konturlosigkeit.

Die Details ersparte Romney den Zuschauern

Mitt Romney ist ein Kandidat ohne Fundament, das blitzte selbst jetzt immer wieder durch. Da behauptete der Herausforderer, er habe gar nicht vor, die Steuern der Reichsten zu kürzen. Bislang aber war er mit der Parole "20 Prozent weniger Steuern" durch die Lande gezogen, die oberste Einkommensschicht inbegriffen. Als Obama ihm vorwarf, mit seinem privatisierten Gesundheitskonzept würden Menschen mit schweren Krankheiten oder schlechten Vorbedingungen auf der Strecke bleiben, sagte Romney nur, das sei nicht wahr. Wie er aber private Versicherungen dazu zwingen will, weniger lukrative Kunden aufzunehmen, sagte er nicht. Und auch Romneys gesamtes Finanzkonzept blieb nebulös wie die vergangenen Monate schon. Welche Steuerschlupflöcher und Rabatte er abschaffen würde, sagte Romney auch nun wieder nicht.

Man kann zwar eine rissige Fassade mit dünnem Putz glätten, doch diese Schicht wird sich genauso schnell wieder lösen und die tiefen Unebenheiten sichtbar machen. Am Mittwochabend hat Romneys Anstrich noch gut gehalten. Ob er die kommenden zwei Debatten übersteht - zweifelhaft. Dafür fehlt schlicht die Haftgrundierung.

Themen in diesem Artikel