HOME

Simbabwe: "Mugabe braucht nicht zu fälschen"

Robert Mugabe denkt nicht daran, als Präsident Simbabwes abzutreten - selbst wenn er die kommende Stichwahl verlieren sollte. Im Interview mit stern.de erklärt Wilf Mbanga von der Oppositionszeitung "The Zimbabwean", mit welchen perfiden Mitteln Mugabe die Bevölkerung terrorisiert.

Wenige Tage vor der Stichwahl in Simbabwe kämpft Diktator Robert Mugabe mit immer brutaleren Mitteln um die Macht und macht mittlerweile auch keinen Hehl daraus, was er im Fall einer Niederlage machen werde - nämlich sie zu ignorieren: "Wir geben unser Land nicht für ein schlichtes Wahlkreuz auf - wie kann ein Kugelschreiber gegen ein Gewehr bestehen?", sagte er in der Staatszeitung "The Herald".

Immerhin ein klares Wort in der Presse, die in Simbabwe weitgehend unfrei ist - zumal seit kurzem auch ausländische Zeitungen mit drastischen Importzöllen belegt und so die staatlichen Propagandazeitungen gestärkt wurden. Kritische Blätter wie die "The Zimbabwean" werden längst im Exil produziert. Chefredakteur Wilf Mbanga, 51, berichtet im stern.de-Interview von der alltäglichen Gewalt.

Herr Mbanga, mehrere Anhänger der Opposition wurden seit der Wahl im März ermordet, Mugabes Leute verbreiten Angst und Terror. Nun geht er selbst gegen ausländische Diplomaten und Medien vor. Plant er eine Eskalation kurz vor der Stichwahl um die Präsidentschaft?

Die Situation wird von Tag zu Tag schlimmer. Mugabe und seine Partei Zanu-PF wollen mit aller Gewalt die Wahl gewinnen, die er ja eigentlich im März bereits verloren hat. Er hat keine Mehrheit hinter sich, aber er versucht, die Menschen mittels Gewalt und Drohungen einzuschüchtern. Wir sabotieren diese Pläne, indem wir darüber berichten.

Sie produzieren Ihre Zeitung "The Zimbabwean" inzwischen in England. Warum?

Wir mussten vor fünf Jahren aus Simbabwe fliehen, weil die Redaktion unserer damaligen Zeitung "Daily News" bombardiert wurde und ausbrannte. Seither produzieren wir unter dem Namen "The Zimbabwean" in Großbritannien und drucken in Südafrika. Die Zeitung hat eine Auflage von 200.000 Stück, wir verkaufen sie an den Straßenecken. An der Stelle sind wir empfindlich und angreifbar: Unsere Straßenhändler werden verprügelt, letzte Woche wurde ein Lkw mit Zeitungen beschlagnahmt und der Fahrer bedroht. Angesichts der horrend hohen Zölle, wir sprechen von einem Aufpreis von 40 Prozent, müssen wir unsere Auflage reduzieren. Damit erreicht Mugabe genau das, was er will: Die Menschen können sich nicht mehr frei informieren.

In Ihrer aktuellen Ausgabe schreiben Sie, Millionen von Simbabwern seien entschlossen, Mugabe abzuwählen. Wird er also die Stichwahl verlieren?

Ihn abzuwählen ist der einzige Weg, das Leiden zu stoppen. Die Mehrheit ist gegen Mugabe. Die Menschen in Simbabwe wollen in Frieden leben, sie wollen überhaupt wieder leben. Das geht nicht mit Mugabe an der Macht. Die Frage ist, wie erfolgreich seine Einschüchterungsversuche sind. Er lässt die Leute verprügeln und zündet ihre Häuser an.

Erreicht er damit nicht genau das Gegenteil von dem, was er will? Wenn die Menschen Frieden wollen, wieso glaubt er dann, mit Gewalt Wählerstimmen zu bekommen?

Er hat Panik davor, die Macht abzugeben. Wenn er die Wahl verliert, muss er sich vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag verantworten. Deshalb setzt er die Leuten so unter Druck, sie sollen nicht den Kandidaten wählen, den sie wollen, sondern ihn. Grade auf dem Land werden die Menschen so lange bedroht, bis sie in Todesangst fliehen. Wenn sie am Wahltag nicht in ihrem Dorf sind, können sie nicht wählen. 70.000 Menschen sind bereits vertrieben worden.

Kann Mugabe die Wahl noch einmal fälschen?

Das ist wahrscheinlich nicht mal nötig. Bei der Wahl im März hat die Oppositionspartei MDC 57 Fälle von Wahlfälschung aufgedeckt. Aber jetzt hat Mugabe die Wähler eingeschüchtert. Beispielsweise haben Zanu-PF-Anhänger den Menschen in den Dörfern gesagt, sie müssten bei der Wahl so tun, als könnten sie nicht schreiben. Dann wird das Kreuz von einem der Wahlhelfer gemacht - und das sind alles Mugabe-Anhänger. Wer selbst wählt, drohen sie, den machen sie nach der Wahl fertig.

Jüngst hat das Regime ausländischen Hilfsorganisationen verboten, weiterhin Lebensmittel an die hungernde Bevölkerung zu verteilen. Damit bringt Mugabe sicher keine Stimmen hinter sich. Welches Ziel verfolgt er damit?

Er will die MDC-Unterstützer schlicht aushungern. Den Organisationen wurde befohlen, die Nahrungsmittel an die Regierung abzugeben. Diese werden nun von der Zanu-PF nach einem makabren System verteilt: Zuerst erhalten ihre Mitglieder Nahrungsmittel. Wer kein Mitglied ist und trotzdem Essen haben möchte, muss seinen Ausweis abgeben. Ohne Ausweis kann man nicht wählen.

Immerhin hat das Oberste Gericht in Simbabwe ein polizeiliches Versammlungsverbot gegen die Opposition aufgehoben. Ist das Gericht eine unabhängige Instanz? Kann die Opposition auf einen Rest demokratischer Strukturen setzen?

Eigentlich nicht. Auch das Gericht besteht aus Mugabe-Getreuen. Aber es hatte keine andere Wahl. Während eines Wahlkampfes muss man allen Parteien erlauben, politische Versammlungen abzuhalten.

Zur Stichwal am 27. Juni sind kaum ausländische Beobachter zugelassen. Mugabe schert sich nicht darum, was andere Regierungen von ihm denken. Es scheint so, als hat niemand Einfluss auf ihn. Kann der Westen trotzdem etwas zu einer friedlichen Lösung beitragen?

Nur wenige westliche Politiker üben Druck auf Mugabe aus. Das ist aber wichtig, auch, wenn er kaum darauf hört. Auch der südafrikanische Präsident Theo Mbeki muss unter Druck gesetzt werden. Er ist ein Freund von Mugabe und verschließt die Augen vor seinen Gräueltaten. Dabei haben er und die Südafrikanische Entwicklungsgemeinschaft SADC die Pflicht, sich einzumischen.

Ist der Kandidat der "Bewegung für einen Demokratischen Wandel" MDC, Morgan Tsvangirai der richtige Mann, um das Land aus der Krise zu führen?

Wir haben keine große Auswahl: Er ist der einzige, der sich traut, gegen Mugabe anzutreten. Und er ist auf jeden Fall die bessere Wahl.

Simbabwe hat derzeit eine Inflationsrate von zwei Millionen Prozent. Kann sich das Land je wieder erholen?

Ja. Nach einem Machtwechsel werden wir sicher auch vom Ausland Unterstützung bekommen, um unser Land wieder aufzubauen. Wenn Frieden herrscht, investieren die Menschen wieder. Wir müssen den Wiederaufbau mit einer neuen Währung beginnen. Das ist eine ähnliche Situation wie in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. Auch dort herrschte eine verheerende Inflation und das Land lag am Boden. Heute gehört es zu den reichsten Ländern der Welt.

Interview: Eva Wolfangel