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"Schrecklicher Zustand" Ärzte in Sorge um Nawalny: "Wir haben Angst, dass er das Schicksal von Magnitski teilt"

Alexej Nawalny bei einer Urteilsverkündung vor einem Gericht in Moskau
Alexej Nawalny bei einer Urteilsverkündung vor einem Gericht in Moskau. Mediziner fürchten um sein Leben. 
© Press Office Of Moscow's Babushk / Picture Alliance
2009 starb der Anwalt Sergej Magnitski unter rätselhaften Umständen in Haft, nachdem ihm jegliche medizinische Hilfe verweigert worden war. Russische Mediziner fürchten nun, dass Alexej Nawalny sein Schicksal teilen könnte. 

Mehr als 500 russische Ärzte haben einen am Sonntag veröffentlichten offenen Brief an die russischen Behörden unterschrieben, in dem sie eine sofortige medizinische Behandlung von Alexej Nawalny fordern. Der inhaftierte Oppositionspolitiker klagt seit mehreren Tagen über starke Rückenschmerzen und einen teilweisen Gefühlsverlust im rechten Bein. 

"Wir fordern, dass die FSIN [die russische Strafvollzugsbehörde], alle zuständigen Abteilungen und die politische Führung unseres Landes sofort in die Situation eingreifen und unverzüglich medizinische Hilfe leisten", appellieren die Mediziner. Konkret fordern die Ärzte den Zugang des Neurologen Alexej Barinow zu Nawalny und den Einsatz von moderner diagnostischer Technik. Sie erinnern zudem daran, dass der Gefangene nach einem Mordanschlag mit dem Nervengift Nowitschok im August noch immer geschwächt sei.

"Eine gute Option wäre aus unserer Sicht nicht nur die Einladung russischer, sondern auch deutscher Spezialisten (von der Berliner Klinik Charité), die bereits Erfahrung mit der Behandlung dieses bestimmten Patienten haben. Insbesondere weil es sich um Komplikationen handeln könnte, die aus der Vergiftung und der unterbrochenen Rehabilitationsphase resultieren", heißt es in dem Brief.

Nawalny ist derzeit in der berüchtigten Justizvollzugskolonie Nr. 2 der Föderalen Strafvollzugsbehörde der Region Wladimir inhaftiert, kurz IK 2 oder Pokrowskaja-Kolonie genannt. Am vergangenen Donnerstag schlugen seine Anwälte Alarm. Nawalny habe "starke Schmerzen" im Rücken und im rechten Bein, sagte seine Anwältin Olga Michailowa. "Alle fürchten um sein Leben und seine Gesundheit."

Eingeklemmte Nerven könnten die Symptome verursachen, vermuten Ärzte. Dies kann unter Umständen sogar zum Verlust von Gliedmaßen führen. Nawalnys Zustand sei "extrem problematisch", berichtete seine Anwältin. Sein Bein sei in einem "schrecklichen Zustand", sagte Michailowa. Nawalny habe bereits seit vier Wochen Schmerzen. Er verliere das Gefühl im Schienbein und könne sein rechtes Bein nicht benutzen.

"Ununterbrochener Schmerz ist Folter"

"Der Mensch wird gefoltert. So sehen Schikane und Grausamkeit aus", erklärte der Initiator des offeneren Briefes Andrej Bilzho im Gespräch mit dem unabhängigen Radiosender "Radio Swoboda". "Nawalny hat eine Vergiftung und Koma hinter sich. Ich will gar nicht von einer unfairen Verurteilung oder Politik sprechen. Er ist nur eine Person, die leidet", erklärte der Psychiater. 

Der Leiter der Klinik für Traumatologie, Orthopädie und Wirbelsäulenchirurgie im Ilyinsky-Krankenhaus in Krasnogorsk, Andrej Wolna, vermutet, dass Nawalny unter einer Kompression der Rückenmarkswurzel leiden könnte. "Nach der schweren Vergiftung ist der Patient eindeutig nicht vollständig rehabilitiert. [...] Er hat viel Muskelmasse verloren. Jeder kann sehen, wie stark er abgenommen hat. Dies kann sowohl zur Dekompensation alter bestehender Krankheiten als auch zur Entwicklung neuer führen", erklärte der Mediziner gegenüber "Dario Swoboda". Er wolle zwar aus der Ferne keine Diagnose stellen, aber dies entspreche seinen Erfahrungen. Was er aber eindeutig sagen könne: "Ununterbrochener Schmerz ist Folter. Insbesondere in Verbindung mit der Tatsache, dass er den Status eines fluchtgefährdeten Gefangenen hat und man ihn nicht schlafen lässt", so Wolna. 

In einer offiziellen Beschwerde hatte Nawalny zuvor erklärt, er werde "durch Schlafentzug gefoltert". Nachts werde er achtmal von den Wärtern geweckt, die ihn permanent filmten. "Nawalny ist kein gewöhnlicher, sondern ein politischer Gefangener", erklärte Wolna auf die Frage, warum die russischen Behörden es nicht eilig haben, ihm medizinische Hilfe zu leisten. "Wir haben große Angst, dass er das Schicksal von Sergej Magnitski teilt."

Der Anwalt und Wirtschaftsprüfer war im November 2008 verhaftet worden und starb nicht einmal ein Jahr später in Haft. Vor seinem Tod hatte Magnitski sich wiederholt über rechtswidrige und menschenunwürdige Umstände seiner Inhaftierung, darunter auch Folter, beschwert. Jegliche Art von medizinischer Vorsorge wurde Magnitski während der gesamten Zeit der Inhaftierung verwehrt, obwohl bei ihm Pankreatitis, durch Konkrement ausgelöste Cholecystitis und Gallensteine diagnostiziert worden waren. (Mehr zu dem Fall lesen Sie hier.)

Alexej Nawalny droht der Spezial-Sektor 

Unterdessen wurde auf dem Instagram-Account von Nawalny eine Mitteilung veröffentlicht, die er seinen Anwälten diktieren konnte. Daraus geht hervor, dass sich die Haftbedingungen des Politikers jederzeit noch weiter verschlechtern könnten. Aufgrund von zahlreichen angeblichen Verstößen droht ihm die Verlegung in den gefürchteten Spezial-Sektor. 

Unter anderen soll Nawalny zehn Minuten vor vor dem Befehl "Aufstehen" aus dem Bett gestiegen sein. Er habe sich geweigert, Sport zu treiben und einen Videovortrag anzusehen, den er idiotisch nannte. Außerdem wird ihm angekreidet, bei einem Treffen mit seinen Anwälten ein T-Shirt getragen zu haben, was offenbar gegen die Regeln der Kolonie verstößt. "Ich warte auf eine Rüge mit den Formulierung 'breit gelächelt, obwohl er laut Tagesplan leiden sollte'", so die sarkastischen Worte Nawalnys. 

Mehr zu den Haftbedingungen in einer der brutalsten Strafkolonien Russlands lesen Sie hier


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