Spionage-Drama War Litwinenkos Tod ein Unfall?


Der Tod des russischen Ex-Spions Litwinenko war kein geplanter Mord sondern ein Unfall beim Polonium-Schmuggel. Diesen Verdacht äußert ein Geheimdienstexperte. Nun gehen auch deutsche Sicherheitsbehörden Hinweisen auf Nuklearschmuggel nach.

In der Affäre um den vergifteten Ex-Spion Alexander Litwinenko prüfen deutsche Sicherheitsbehörden Kreisen zufolge mögliche Hinweise auf Nuklearschmuggel über das Gebiet der Bundesrepublik. "Neben allen anderen Thesen zum Hintergrund dieses Verbrechens nehmen wir auch die Möglichkeit ernst, dass Litwinenkos Tod im Zusammenhang mit Nuklearschmuggel stehen könnte", sagte ein Sicherheitsbeamter der "Berliner Zeitung". Es werde nicht ausgeschlossen, dass Polonium via Deutschland nach London geschmuggelt wurde, um dort einen Verkauf anzubahnen.

Wirklich belastbare Indizien gebe es dafür bislang nicht. Auch sei noch kein Fall bekannt geworden, bei dem Polonium 210 auf dem Schwarzmarkt angeboten worden sei - das Material sei zu teuer. Die Sicherheitsbehörden beobachteten die Szene derzeit gleichwohl intensiv, sagte der Beamte der Zeitung. Der Geheimdienstexperte Udo Ulfkotte äußerte einen schlimmen Verdacht. "Eigentlich sollte das Polonium zum Bau einer schmutzigen Bombe verwendet werden, doch dann wurde nicht sachgemäß damit hantiert, der Schmuggel drohte aufzufliegen", sagte er laut "Bild"-Zeitung. Litwinenko und der russische Geschäftsmanns Dmitri Kowtun, der sich in London mit Litwinenko getroffen hatte, seien nur eingesetzt worden, um die Spur von islamistischen Terroristen zu verwischen, so Ulfkotte.

Kowtun gibt Interview

In die Litwinenko-Affäre hat sich nun auch die internationale Polizeibehörde Interpol eingeschaltet. Damit soll nach Angaben des Moskauer Büros der Organisation der Informationsaustausch zwischen britischen, russischen und deutschen Ermittlern beschleunigt werden. Die deutsche Sonderkommission wartet seit Tagen auf Kontakte zu den russischen Behörden. Moskau hat sich bislang nicht zu Fragen nach dem Aufenthaltsort und dem Gesundheitszustand Kowtuns geäußert, der auf noch ungeklärte Weise in den Mord verstrickt ist. Die Hamburger Staatsanwaltschaft stellte in Moskau ein offizielles Rechtshilfeersuchen.

Kowtun hatte unter anderem in der Wohnung seiner Ex-Frau in Hamburg übernachtet, bevor er am 1. November zu einem Treffen mit Litwinenko nach London flog. Bei dem Treffen wurde Litwinenko mutmaßlich mit dem radioaktiven Polonium 210 vergiftet. Kowtun hatte an mehreren Orten in Hamburg Spuren der Substanz hinterlassen, die außerhalb des Körpers relativ ungefährlich ist, aber hochgiftig, wenn sie über die Atmung, Nahrung oder eine Wunde aufgenommen wird. Die Ermittler vermuten, dass Kowtun das Gift bei seiner Ankunft in Hamburg am 28. Oktober aus Moskau im Körper hatte. Seine Ex-Frau, ihr Lebensgefährte sowie zwei Kinder kamen in ein Krankenhaus, sind aber offenbar nicht vergiftet worden.

Dagegen liegen Kowtun und der Schlüsselzeuge in der Affäre, Andrej Lugowoi, der das Treffen organisiert und daran teilgenommen haben soll, nach russischen Medienberichten vergiftet in einer Moskauer Klinik. Beide sind von russischen Ermittlern in der Gegenwart von Scotland Yard-Beamten vernommen worden. In einem Telefon-Interview mit "Spiegel-TV" sagte Kowtun, es gehe ihm besser. Er hoffe, bis Ende der Woche aus dem Krankenhaus entlassen zu werden. Er bedaure die Aufregung, sagte er. "Ich fühle mich schuldig, dass ich so viel Aufregung verursacht habe in Hamburg, meiner Lieblingsstadt." Die Polonium-Spuren könne er sich nur so erklären, dass er sie nach einem früheren Treffen mit Litwinenko Mitte Oktober aus London mitgebracht habe. "Die Spuren halten bekanntlich sehr lange, und wenn man anschließend durch die Welt reist, hinterlässt man sie überall."

Acht Schweden vergiftet?

Nun werden auch acht Schweden auf eine mögliche Vergiftung mit dem radioaktiven Stoff Polonium untersucht. Wie die Stockholmer Zeitung "Expressen" berichtete, waren sechs von ihnen im Ende Oktober und Anfang November in einer Bar des Londoner Millenium-Hotels, bei dessen Personal kleine Mengen des Giftes gefunden worden sind.

Unterdessen hat sich auch die Europäische Kommission in den Fall eingeschaltet. Der Transport von Polonium in Passagierflugzeugen soll nach dem Willen der Brüsseler Behörde Thema für Europas Luftfahrt- Fachleute werden. "Die Experten müssen sich dieser neuen Risiken wohl annehmen", sagte Verkehrskommissar Jacques Barrot.

AP/DPA/mta AP DPA

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