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Sprachengemisch: Babylon in Brüssel

Wie übersetzt man einen Begriff wie "Spitzenfinanzierungsfazilität" in eine der neuen EU-Sprachen? Eins von vielen Problemen, um die sich der Dolmetscherdienst des EU-Parlaments künftig kümmern muss.

Patrick Twidle hat im Moment alle Hände voll zu tun. Als Leiter der Abteilung "Erweiterung" beim Dolmetscherdienst des Europäischen Parlamentes ist er dafür verantwortlich, dass das Tagesgeschäft der Abgeordneten auch nach der größten Erweiterung der EU-Geschichte nicht an Sprachbarrieren scheitert: Mit den zehn neuen EU-Ländern wird die Zahl der Amtssprachen von 11 auf 20 beinahe verdoppelt. Aus 110 möglichen Übersetzungskombinationen werden 380.

Wäre die Wiedervereinigung Zyperns vor dem 1. Mai gelungen, dann hätte sich der Sprachendienst sogar auf zehn neue Idiome und 420 mögliche Kombinationen einstellen müssen. Es gab immer wieder Stimmen, die das Ende dieses komplizierten und teuren Apparats forderten und sich für eine EU mit nur zwei bis drei Amtssprachen stark machten. Doch stießen sie damit auf Widerstand. Das Recht der Abgeordneten, in ihrer Muttersprache reden, lesen und schreiben zu dürfen, gelte als Basis für die demokratische Legitimierung des Parlaments, betont Twidle.

Für Maltesisch gibt es kaum Dolmetscher

Bei der Suche nach geeigneten Simultandolmetschern aus den neuen Mitgliedsländern habe es kaum Probleme gegeben. "Nur für Maltesisch hat kein Bewerber unseren Aufnahmetest bestanden", sagt Twidle. Die Maßstäbe seien nicht so hoch angesetzt worden wie sonst, sagt Kristin Pennera-Jochem, Chefin der deutschen Dolmetscherabteilung im Parlament: "Üblicherweise müssen Dolmetscher aus drei bis vier Sprachen übersetzen können. Von den neuen Kollegen wurde nur eine Passivsprache verlangt."

Nach internen Hochrechnungen der EU werden für alle Institutionen zusammen rund 80 zusätzliche Dolmetscher pro Sprache und Tag benötigt. Diskussionen um die überhöhten Kosten des Systems verstehen die Verantwortlichen nicht. Die Vielsprachigkeit im EU-Parlament sei weiter preiswert und koste pro EU-Bürger künftig 2,5 statt bisher 2,0 Euro im Jahr, rechnet Twidle vor. Die Zahl der Einwohner steigt mit der EU-Erweiterung von jetzt 380,8 Millionen auf rund 455 Millionen.

Um- und Neubauten kosten Millionen

Allerdings muss für die neuen Mitarbeiter erst noch Platz geschaffen werden. Die meisten Konferenzräume sind mit elf Dolmetscherkabinen á drei Arbeitsplätzen ausgestattet. Künftig müssen Plenardebatten und Pressekonferenzen aber in 20 Idiomen verfolgt werden können, statt 33 Dolmetschern brauchen 60 einen Arbeitsplatz in den Kabinen. Für diese Erweiterungsarbeiten sowie für Büroneubauten in Brüssel und Luxemburg sind Millioneninvestitionen eingeplant.

Im Sprachendienst des Europaparlaments sind für das laufende Jahr 1278 Stellen vorgesehen, davon ist ein Drittel für die neuen EU- Sprachen reserviert. Zusätzlich werden viele freie Mitarbeiter beschäftigt. Im Parlament kommen nach den Worten von Pennera-Jochem auf 25 Beamte etwa 60 Freiberufler.

Während die einzelnen Abteilungen bislang fast ausschließlich aus den Fremdsprachen direkt in ihre Muttersprache übersetzen, wird bei den neuen Idiomen das indirekte Pivot-System gewählt. "Die neuen Sprachen werden behandelt wie bislang nur das Finnische. Dabei überträgt die finnische Kabine zunächst ins Englische, Deutsche oder Französische, und die anderen Dolmetscher übersetzen danach weiter in ihre Muttersprache", erklärt Pennera-Jochem.

Kein "Stille-Post"-Spiel

Leichte Verzögerungen seien dabei vorprogrammiert. Wenn etwa ein litauischer Europaabgeordneter im Plenum einen Witz erzählt, werden die Briten Sekunden früher lachen als ihre Kollegen aus Italien. Sinnverschiebungen wie beim Stille-Post-Spiel auf Kindergeburtstagen seien aber ausgeschlossen. "Es ist oft unmöglich, Witze oder Wortspiele perfekt zu übertragen", erzählt Parlaments-Dolmetscherin Elisabeth Nahler. Sie fürchtet sich nicht nur vor immer neuen unbekannten Abkürzungen und schwer verständlichen Namen, sondern auch vor der Unübersichtlichkeit: "Mit neun neuen und teils völlig unbekannten Sprachen wird es viel komplizierter, die Idiome schnell auseinanderzuhalten." So bestehe die Gefahr, dass der Beginn manch einer Rede verloren geht.

Harald Schmidt/DPA / DPA
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