Stimmungsbild Kindersärge vor Rumsfelds Haus


Die Mehrheit der Amerikaner unterstützt den Angriff der USA auf den Irak, aber es gab auch Trauer und lauthalsen Protest gegen die Politik der Bush-Administration.

Nachdem die ersten Bomben auf Bagdad gefallen sind, öffnet eine Kirche in Nashville im US-Staat Tennessee ihre Türen. Die Gemeinde versammelt sich, um die Rede von Präsident George W. Bush auf zwei großen Bildschirmen zu verfolgen und um zu beten. Wie die gesamte amerikanische Bevölkerung nehmen die Gläubigen den Luftangriff auf die irakische Hauptstadt mit gemischten Gefühlen auf.

"Man muss hier leben, um das zu verstehen"

"Ich finde es absolut schrecklich, dass wir das tun müssen", sagt der 68-jährige ehemalige Marinesoldat Tom Hinton aus Nashville. "Aber es ist keine Frage, dass dieser Diktator verschwinden muss." Auch Vince Diamonde aus New York bekundet Unterstützung für den Militärschlag. "Man muss hier leben, um das zu verstehen", sagt er mit Bezug auf die Terroranschläge vom 11. September 2001.

Andere denken derzeit vor allem an ihre Angehörigen, die am Golf stationiert sind. Bei David Worley, Teilnehmer des Golfkriegs von 1991, tauchen jetzt wieder die Erinnerungen an die hungrigen und ausgezehrten irakischen Soldaten auf. Diese hätten nach wochenlangen Bombardierungen unter Schock gestanden und sich schließlich in Scharen ergeben. „Ich hätte mir gewünscht, dass wir damals schon alles erledigt hätten und jetzt nicht noch einmal eingreifen müssten", sagt Worley.

Proteste und Festnahmen

Doch nicht jeder US-Bürger ist mit der Entscheidung seiner Regierung einverstanden. In Washington und zahlreichen anderen Städten blockierten Kriegsgegner am Mittwochabend Straßen und Plätze. Zahlreiche Personen wurden festgenommen.

„Dies ist ein trauriger Tag in der Weltgeschichte. Unser Präsident verletzt internationale Spielregeln", meint Lucius Walker, Pfarrer einer Baptistengemeinde im New Yorker Stadtteil Brooklyn, der auch in der Organisation "Pastoren für den Frieden" aktiv ist. Hank Lazenby aus Portland im Staat Oregon fragt, wie viele Menschen jetzt wohl sterben müssten: "Was hat das alles noch mit den Zwillingstürmen in New York zu tun?"

Vereinzelt regte sich schon unmittelbar nach Bushs Rede Widerstand. Auf der Route vom Weißen Hauses in Washington bis zum Wohnhaus von US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld im Nordwesten der Hauptstadt blockierten rund 200 Demonstranten mehrere Straßen. Vor dem Haus von Rumsfeld hielten sie mit roter Farbe bemalte Kindersärge hoch und riefen in Sprechchören: "Du hast Blut an den Händen!" Rund 100 Mitglieder der katholischen Organisation Pax Christi versammelten sich zu einer Mahnwache. 27 Personen wurden festgenommen, nachdem sie über einen Zaun eines Parks nahe des Weißen Hauses geklettert waren.

Auch in New York demonstrierten am Mittwochabend etwa 300 Kriegsgegner. In Seattle, Boston, Chicago, Detroit, Madison, Milwaukee, Minneapolis, Portland und zahlreichen anderen Städten gab es weitere Protestkundgebungen. Mehrere Dutzend Demonstranten wurden bei landesweiten Blockadeaktionen vor Regierungsgebäuden festgenommen.

Aufruf zu Demonstrationen

Die internationale Friedensorganisation ANSWER rief auf seiner Internet-Seite zu weiteren Demonstrationen und Protesten auf, um diesen "brutalen, illegalen und kriminellen Aggressionskrieg" zu stoppen. Für Donnerstag wurde ein weiterer großer Demonstrationszug durch Washington geplant.

Nach Kriegsbeginn am Golf stehen die USA unter Sicherheitsvorkehrungen, wie sie das Land seit dem 11.September 2001 nicht mehr erlebt hat. Im gesamten Land wurden die Patrouillen vor staatlichen Einrichtungen verschärft. In der Wüste von Arizona wurden insbesondere die Wachposten um die größte Atomanlage der USA verstärkt. Kernkraftwerke, Brücken, Parlamente, aber auch Schulen und Flughäfen standen unter scharfer Beobachtung.

Die ersten vier Tage des Krieges gelten als besonders kritisch und erfordern intensiven Einsatz, wie der Sicherheitsberater von Missouri, Tim Daniel, erklärt. In New York kontrollieren schwer bewaffnete Polizisten mit Spürhunden und Detektoren die Stadt. Bürgermeister Michael Bloomberg sprach von einem Zwei-Fronten-Krieg: „Der eine tobt auf den Straßen unserer Stadt, der andere jenseits des Atlantiks."

Bob Ross

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