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Straßenschlachten in Kiew: Die Ukraine brennt

Eine solche Explosion der Gewalt hat Europa seit langem nicht mehr erlebt. In Kiew liefern sich Sicherheitskräfte und Demonstranten über Stunden blutige Straßenschlachten. Die Zahl der Toten steigt.

In der ukrainischen Hauptstadt Kiew haben Sicherheitskräfte in der Nacht auf Mittwoch den von Demonstranten besetzten Unabhängigkeitsplatz gestürmt und sich heftige Kämpfe mit Regierungsgegnern geliefert. Die Zahl der Toten stieg weiter: Seit Beginn des Gewaltausbruchs am Dienstag seien mindestens 14 Demonstranten und sieben Polizisten getötet worden, teilten Sicherheitskräfte und Opposition mit.

Damit erlebte die ehemalige Sowjetrepublik den bislang blutigsten Tag seit Beginn ihrer Unabhängigkeit vor mehr als 20 Jahren. Ein Ende der Gewalt ist nicht in Sicht: Ein nächtliches Krisentreffen von Präsident Viktor Janukowitsch mit Oppositionsführern blieb ohne Ergebnis.

Vom Unabhängigkeitsplatz (Maidan) stiegen am späten Dienstagabend Rauchsäulen von brennenden Barrikaden in den Himmel. Die Demonstranten legten Feuerteppiche, um ein weiteres Vorrücken der Polizei zu verhindern. Gepanzerte Fahrzeuge wurden von Demonstranten mit Brandsätzen beworfen. Auf Fernsehbildern war zu sehen, wie Demonstranten Steine auf Polizisten warfen, die ihrerseits Schlagstöcke einsetzten. Wasserwerfer wurden mit Feuerwerkskörpern beschossen. In den frühen Morgenstunden hatten die Sicherheitskräfte knapp die Hälfte des Platzes eingenommen.

Opfer wurden erschossen

Die meisten Todesopfer starben durch Schusswunden, wie Vertreter von Behörden und Opposition mitteilten. Hunderte Menschen wurden verletzt, Dutzende von ihnen schwer. Aus dem Gewerkschaftshaus am Maidan, das von der Opposition als Hauptquartier genutzt wurde, stiegen Flammen auf, mehrere Etagen brannten lichterloh. Immer wieder hallten Schüsse durch die Nacht. "Die Regierung muss sofort die Truppen zurückziehen und diesem blutigen Konflikt ein Ende setzen, weil Menschen sterben. Das habe ich Janukowitsch gesagt", sagte Oppositionsführer Vitali Klitschko nach einem Gespräch mit dem Präsidenten. Bei dem Treffen habe man sich nicht auf eine friedliche Lösung verständigen können. Klitschko sagte, er habe das Gespräch beendet, nachdem Janukowitsch eine bedingungslose Räumung des Maidan gefordert habe. "Wie können wir Gespräche führen, wenn Blut vergossen wird", fügte Klitschko hinzu.

Janukowitsch forderte seinerseits die Oppositionsführer auf, sich von radikalen Kräften zu distanzieren. Es sei noch nicht zu spät, den Konflikt und die Gewalt zu beenden. Einige Regierungsgegner hätten eine Linie überschritten, als sie ihre Anhänger aufgerufen hätten, mit Waffen auf den Unabhängigkeitsplatz zu ziehen. Es handle sich um Kriminelle, die vor Gericht gebracht würden. Janukowitsch fügte hinzu, sollten sich die Oppositionsführer nicht von den radikalen Kräften distanzieren, werde er einen anderen Ton anschlagen.

Gewalt greift auf weitere Städte über

Die Unruhen weiteten sich auf mehrere Städte im Westen des Landes aus. In Stanislau und Lemberg besetzten Demonstranten am späten Dienstagabend nach Polizeiangaben mehrere Verwaltungsgebäude der Regionalregierung. In Ternopil wurde das Polizeihauptquartier in Brand gesetzt, wie Medien berichteten. Nach Angaben eines Oppositionspolitikers besetzten Demonstranten zudem das Gebäude der Staatsanwaltschaft.

US-Vizepräsident Joe Biden äußerte sich in einem Telefonat mit Janukowitsch äußerst besorgt über die Eskalation. Er habe Janukowitsch aufgefordert, die Sicherheitskräfte zurückzurufen und maximale Zurückhaltung zu üben, teilte das Präsidialamt in Washington mit. Die Regierung trage eine besondere Verantwortung dafür, für Entspannung zu sorgen. Biden habe erneut einen politischen Dialog mit der Opposition gefordert, um den Forderungen der Demonstranten nachzukommen und politische Reformen auf den Weg zu bringen. Die USA wollten weiterhin alle Bemühungen für eine friedliche Lösung der Krise unterstützen.

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) versuchte am Dienstagabend mehrmals, Janukowitsch am Telefon zu erreichen, wie die "Welt" unter Berufung auf einen Regierungssprecher berichtete. Es sei aber nicht zu einem Gespräch gekommen. Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) sprach von bestürzenden Nachrichten aus der Ukraine. Europa werde "mit Sicherheit" seine bisherige Zurückhaltung zu Sanktionen gegen Einzelpersonen überdenken, fügte er hinzu. Die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton rief beide Seiten auf, die Gewalt rasch zu beenden.

anb/Reuters / Reuters