VG-Wort Pixel

Strauss-Kahn vorerst frei Im Zweifel gegen die Klägerin


Verschwörungstheoretiker werden sich bestätigt fühlen: Dominique Strauss-Kahn kam frei, weil sich das mutmaßliche Opfer in Widersprüche verstrickte. Nun wird klar, wer das Zimmermädchen wirklich ist.
Von Florian Güßgen und Niels Kruse

Als am 24. Mai bekannt wurde, dass das Sperma auf ihrer Kleidung von Dominique Strauss-Kahn stammt, schien das Schicksal des Ex-IWF-Chefs besiegelt zu sein. Da war dieses Interview, das Blake Diallo gegeben hatte, nur ein Schönheitsfehler. Der Mann hatte sich als der Bruder des mittlerweile bekanntesten Zimmermädchens der Welt ausgegeben, doch kurz danach gestand Diallo ein, dass er nur ein sehr guter Freund war. Echte Zweifel an der Schuld des mächtigen Franzosen jedenfalls hatte bis auf ein paar Verschwörungstheoretiker eigentlich niemand mehr. Umso überraschender nun die Wende im Fall des wegen Vergewaltigung angeklagten 62-Jährigen.

Nach rund sieben Wochen wurde DSK, wie der Ex-IWF-Chef genannt wird, aus dem Hausarrest entlassen. Grund waren die vielen Ungereimtheiten, die Nafissatou Diallo, 32, genannt Nafi, im Laufe der Ermittlungen ausgesagt hatte. Es hieß, sie würde 16.000 Euro im Jahr als Zimmermädchen im New Yorker Sofitel-Hotel verdienen. Nicht viel Geld, vor allem wenn man davon noch ein neunjähriges Kind über die Runden bringen muss. Jetzt wurden angeblich 100.000 Dollar auf ihrem Bankkonto gefunden. "Sie ist eine ehrenwerte und anständige Frau, die schwer arbeitet, um ihre Tochter großzuziehen", sagte Blake Diallo damals in der Zeitung "Le Parisien" als er sich noch als ihr Bruder ausgegeben hatte. Diese Einschätzung musste ja nicht auch gelogen sein.

"Umarmt sie einfach, wenn sie wieder da ist"

So ähnlich war es von vielen Menschen zu hören gewesen, die das Dienstmädchen kannten. Die "New York Times" zitierte eine Kollegin des Zimmermädchens, die sie als "guten Mensch" bezeichnete. Das Hotel war angeblich zufrieden mit ihrer Arbeit und soll seine Angestellten kurz nach Bekanntwerden der Tat aufgefordert haben, die Frau nicht auszufragen, wenn sie zurückkomme. "Die Verwaltung hat gesagt: Fragt nicht so viel, sie hat es schwer genug", sagte die Angestellte. "Umarmt sie einfach, wenn sie wieder da ist."

Aufgewachsen ist Nafi in sehr bescheidenen Verhältnisse im afrikanischen Guinea in einer frommen muslimischen Familie. Seit 2002 lebt sie in New York, vermutlich im Stadtteil Bronx. Bei ihrem Asylantrag allerdings soll sie falsche Angaben gemacht haben, schreibt die "New York Times" jetzt. Anfänglich habe sie behauptet, in ihrem Heimatland einmal von mehreren Männern vergewaltigt worden zu sein. Später habe sie die Behauptung zurückgezogen und eingeräumt, die Geschichte erfunden zu haben, berichtete das "Wall Street Journal" unter Verweis auf jemanden, der mit den Ermittlungen vertraut sein soll.

Wie kann man aus dem Fall Geld rausschlagen?

Es war nicht der letzte Kratzer an ihrer Glaubwürdigkeit. Nach und nach habe sich dann herausgestellt, dass sie zudem in kriminelle Aktivitäten wie Drogenhandel und Geldwäsche verwickelt sei. In den vergangenen zwei Jahren habe sie rund 100.000 Dollar (70.000 Euro) "von verschiedenen Einzelpersonen" überwiesen bekommen, so die Zeitung.

Außerdem soll sie weniger als 24 Stunden nachdem sie die Vorwürfe gegen Strauss-Kahn erhoben hatte, ein Telefonat mit einem wegen Drogenbesitzes im Gefängnis sitzenden Mann geführt und dabei die Vorteile eines Vorgehens gegen Strauss-Kahn besprochen haben. Etwa wie sie aus dem Fall Geld rausschlagen könnten.

In einer E-Mail an die "New York Times" dementierte der Anwalt der Hotelangestellten, Kenneth Thompson, die Vorwürfe nicht. Der echte Bruder des Zimmermädchens bezeichnete die Anschuldigungen dagegen als "absolut falsch". Seine Schwester sei nicht in kriminelle Machenschaften verwickelt, so Mamadou Dian Diallo. Die Familie stamme von sehr frommen muslimischen Gelehrten ab, und der schnelle Geldgewinn sei unvereinbar mit ihren Werten.

Kampf zwischen Reichen und einer Armen

Seine Schwester habe sich sogar geweigert Zigaretten zu verkaufen, als sie vor zehn Jahren zusammen in Conakry lebten und er ihr ein Café in einem belebten Außenbezirk eingerichtet habe, sagte Diallo. An ihrer Einstellung werde sich auch in Übersee nichts geändert haben. In New York arbeite sie, um nicht betteln zu müssen und ihre einzige Tochter unterstützen zu können. Diallo fügte hinzu, er wisse, "dass es ein Kampf zwischen Goliath und David ist, zwischen den Reichen und der armen jungen Frau aus einer armen Familie, einem armen Land. Aber eines Tages wird die Wahrheit ans Licht kommen."

Beim jetzt überraschend anberaumten Gerichtstermin trat Nafis Anwalt Thompson vor die Mikrofone. In einer fast eine halbe Stunde dauernden Rede erhob er schwere Vorwürfe gegen die ermittelnden Staatsanwälte. "Die Tat hat stattgefunden", sagte Thompson unmittelbar nach der Freilassung des früheren IWF-Chefs. "Dieser Tag hat nichts verändert." Die einzige Verteidigung des Franzosen sei, dass es einvernehmlichen Sex gegeben habe. "Aber das ist eine Lüge!" Laut des Verteidigers sei das Zimmermädchen ausschließlich zum Aufräumen in Strauss-Kahns Suite gekommen, der habe sie aber überfallen und verletzt. Dafür gebe es Belege - Fotos ihrer verletzten Vagina.

Furcht vor einer Niederlage?

Thompson unterstellte Staatsanwalt Cyrus Vance unverhohlen, dass der den Fall möglicherweise aus Furcht vor einer Niederlage frühzeitig zurückziehe. Er warf diesem auch vor, eine Mitarbeiterin zu beschäftigen, die mit einem der Anwälte Strauss-Kahns verheiratet sei. Trotz mehrfacher Hinweise seitens des Anwalts sei diese nicht abgezogen worden. Ermittler hätten seine Mandantin bei Verhören angeschrien, behauptete der Anwalt. Thompson kündigte an, dass seine Mandantin sich direkt an die Öffentlichkeit wenden werde - ließ aber Umstände und Zeitpunkt offen.

Was auch immer am 14. Mai 2011 in der Suite des Sofitels passiert ist wird sich so schnell wohl nicht klären lassen. Vielleicht ist Nafissatou Diallo in kriminelle Machenschaften verwickelt, das aber heißt noch lange nicht, dass die Frau die mögliche Vergewaltigung erfunden hat. Ihr Fall wird die Gerichte noch einige Zeit beschäftigen: Sowohl die Anklage als auch die Verteidigung betonen, dass die Akte nicht geschlossen ist - auch wenn Beobachter davon ausgehen, dass es über ein paar Rückzugsgefechte der Staatsanwaltschaft kaum hinausgehen wird. Möglich ist, dass DSK eine geringe Strafe bekommt - viel niedriger als die einst drohenden 25 Jahre Haft. Denkbar ist allerdings noch eine zivilrechtliche Klage des angeblichen Opfers gegen den Franzosen. Bis dahin aber wird Nafi Diallo noch an ihrer Glaubwürdigkeit arbeiten müssen.

mit Agenturen

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker