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Schlag 12 - der Mittagskommentar aus Berlin: Rente ist doof. Oder?

Die Rentenversicherung feiert Jubiläum, seit 125 Jahren existiert die Absicherung fürs Alter in Deutschland. Zeit für einen Geburtstagsgruß - der besonderen Art.

Von Andreas Hoffmann

Hurra, die Rente wird 125 Jahre alt! Schneidet die Torte an, es gibt Grund zum Feiern.

Hurra, die Rente wird 125 Jahre alt! Schneidet die Torte an, es gibt Grund zum Feiern.

125 Jahre. 125 Jahre wird sie alt, die Rentenversicherung. Angela Merkel macht in Berlin eine Sause mit den üblichen Verdächtigen aus Politik und Wirtschaft. 125 Jahre. Wow. Zeit für einen Geburtsgruß.

Aber was schreibt man? Eigentlich doch: Die Rente ist doof. Das sagen alle. In jeder Talkshow von PlassbergIllnerJauchWill sitzt eine dauerempörte junge Frau oder junger Mann und sagt: Die Rentenversicherung ist marode, frisst Geld, man zahlt ein und kriegt nichts raus. Peng. Peng. Peng.

Bei jungen Leuten ist die Rente etwa so beliebt wie der Sex-Maniac-Politiker Dominique Strauss-Kahn bei Frauen. Bloß Abstand halten, bloß nicht daran denken. Auf die Rentenversicherung muss man draufhauen. Das gibt Quote im Fernsehen und Klicks im Internet. Das müsste ich jetzt auch machen. Eigentlich.

Andererseits: 125 Jahre. Eine ziemlich lange Zeit, in der ziemlich viel passiert ist. Das deutsche Kaiserreich ging unter, der erste Weltkrieg kam, dann die Weimarer Republik, die Hyperinflation, die Weltwirtschaftskrise, die Nazis, der zweite Weltkrieg, die BRD, die DDR, der Aufbau und Fall der Mauer, die deutsche Einheit, Banken- und Eurokrise. Das alles hat die Rentenversicherung überstanden und zwar gut; Ende des Jahres blickt sie auf eine Rücklage von 33 Milliarden Euro. Das ist Rekord.

Ok. Früher war die Rente nicht schlecht, aber in Zukunft? Es fehlen die Jungen, die einzahlen; dafür wollen mehr Alte aus der Rentenkasse etwas raushaben. Das kann nicht gut gehen. Blöd ist nur, dass die jungen Leute schon lange fehlen. Seit bald 100 Jahren. 1900 waren 44,1 Prozent der Deutschen jünger als 20 Jahre, im Jahr 2010 waren nur es nur noch 18,3 Prozent. Der Rest war älter. Deutschlands Gesicht hat im 20. Jahrhundert sehr viele Falten bekommen.

Mehr vom Kuchen - für alle

Und? Sind die Renten in der Zeit geschrumpft? Keineswegs. Sie stiegen. Rentner sind heute viel besser abgesichert als zu Beginn des Jahrhunderts, arm sind im Alter viel weniger als früher. Wie das gelang? Die deutsche Wirtschaft wurde besser, jeder Arbeitnehmer schuf viel mehr Werte als früher, Arbeit wurde produktiver. Der Kuchen des Wohlstands wuchs und wuchs.

Deutschland wird übrigens in Zukunft nicht mehr so stark altern wie in der Vergangenheit. Der Anteil der unter 20jährigen wird bis zum Jahr 2050 von derzeit etwa 18 Prozent auf 15,3 Prozent sinken, hat der Statistiker und Buchautor Gerd Bosbach anhand von Studien ermittelt. Das sind etwa drei Prozentpunkte, im 20. Jahrhundert waren es fast 25 Prozentpunkte. Anders als viele Experten sagen, kann man behaupten: Den größten Teil des demographischen Wandels haben wir bereits hinter uns.

Dafür, dass die alternde Gesellschaft der Rentenversicherung nicht so zusetzen wird, wie viele unken, spricht noch etwas: die Logik. Alle Experten erwarten, dass das Bruttoinlandsprodukt, also unser Wohlstand, auch in Zukunft wächst. Sie streiten darüber, wie stark der Wohlstand wächst, aber dass er wächst, bestreitet kaum jemand. Nur dann wird die Sache widersprüchlich. Wenn der Kuchen des Wohlstands größer wird, die Zahl jener, die ein Stück vom Kuchen bekommen, aber weniger werden (weil in Deutschland bald weniger Menschen leben), dann kann dass Kuchenstück nicht kleiner werden. Oder?

Die Rente: ein Auslaufmodell?

Erklären lässt sich der Widerspruch nur so: Deutschlands Wohlstand wächst aus unterschiedlichen Quellen, Arbeitnehmer tragen inzwischen weniger bei, Kapitalbesitzer mehr, also jene, deren Geld bei Banken und Versicherern liegt oder in Maschinen steckt. Wer den Wohlstand gerechter verteilen und die Rente sichern will, muss diese Kapitalbesitzer mehr belasten, etwa indem er Erbschaften oder Kapitalvermögen stärker besteuert. Nur solche Ideen sind sehr schwer durchzusetzen, weil die Reichen und Besserverdiener viel Macht haben. Viel fernsehtauglicher ist dagegen die Geschichte von den Alten, die die marode Rentenkasse plündern.

Aber was ist mit der Altersarmut? Verhindert denn die Rentenversicherung, dass die Menschen später zu wenig Geld haben?

Vermutlich nicht. Künftig werden mehr Leute im Ruhestand arm sein, davon gehen alle Prognosen aus. Nur das Ausmaß ist umstritten. Daran ist aber nicht die Rentenversicherung schuld. Schuld ist eine ganz große Koalition von Union, SPD und Grünen, die zur Jahrtausendwende zu sehr Banken, Versicherungen und Kapitalmärkten geglaubt haben. Die gesetzliche Rente galt als Auslaufmodell, die nur von der privaten Altersvorsorge, in Form der Riester-Rente, gestützt werden könnte.

Das Loblied auf die Rente

Heute zeigt sich, dass die Stütze wenig hilft. Was der Staat bei der gesetzlichen Rente damals gekürzt hatte, kann die Riester-Rente nicht auffangen. Das bestätigte jüngst ein Bericht der Regierung. Im Gegenteil. Hätte der Staat auf die Kürzungen verzichtet und die Riester-Rente nicht eingeführt, wäre die gesetzliche Rente vermutlich sicherer und die Gefahr von Altersarmut geringer. Aber damals galten Kapitalmärkte als eine sprudelnde Quelle für Vermögen; heute, diverse Bankkrisen später, weiß man: Kapitalmärkte fressen gern Geld.

Mist. Jetzt ist der Geburtstagsgruß doch zum Loblied geworden. Klicks wird das kaum bringen. Andrerseits: Selbst Kabarettisten mögen inzwischen die Rente. Die Anstaltskomiker des ZDF, Claus von Wagner und Max Uthoff lobten sie kürzlich, ließen sogar Norbert Blüm auftreten. Der schmetterte seinen berühmten Satz: "Die Rente ist sicher." Und das Publikum? Buhte es? Zeigte den Stinkefinger? Nee. Sie klatschten. Draufhauen auf die Rente mag keiner mehr.

Andreas Hoffmann beschäftigt sich seit über 15 Jahren mit der Rentenversicherung. Früher glaubte er auch an die großen Reformen, inzwischen hält er sie überflüssig; kleine, entscheidende Änderungen reichten. Er twittert unter AndreasHoffman8.