VG-Wort Pixel

Wende im Fall des Ex-IWF-Chefs Strauss-Kahn ist (fast) ein freier Mann


Er war zu früh am Gericht. Vielleicht wusste Dominique Strauss-Kahn schon, dass er aus dem Hausarrest entlassen werden würde. Nun ist der Ex-IWF-Chef nach sieben Wochen wieder frei - unter Auflagen.

Nach Haft und verschärftem Hausarrest wegen des Vorwurfs versuchter Vergewaltigung ist Ex-IWF-Direktor Dominique Strauss-Kahn wieder ein freier Mann. Das New Yorker Gericht stimmte zu, den verschärften Hausarrest aufzuheben. Das Land darf Strauss-Kahn, in seiner Heimat kurz auch DSK genannt, zunächst aber nicht verlassen.

DSK war zusammen mit seiner Frau Anne Sinclair gut eine halbe Stunde vor dem Termin vor dem Gerichtsgebäude im Süden Manhattans vorgefahren. Im dunklen Anzug und in Begleitung seiner Anwälte betrat der 62-Jährige mit festem Schritt und klaren Blick das Gebäude. Zu den Dutzenden Kamerateams, die auf der Straße warteten, sagte er nichts, auch seine Anwälte gaben keinen Kommentar ab. Vor Gerichtssaal 51 war die Schlange der Journalisten und Gäste auf 20 Meter angewachsen.

Wollte das Zimmermädchen Geld aus dem Fall schlagen?

Zuvor hatte die "New York Times" berichtet, auch die Staatsanwaltschaft habe erhebliche Zweifel an der Glaubwürdigkeit des 32-jährigen Zimmermädchens. Möglicherweise stehe die Frau mit Geldwäsche und Drogenhandel in Verbindung. Ein Kommentar ihres Anwalts Kenneth Thompson war zunächst nicht bekannt.

Laut Bloomberg stimmten die Strafverfolger zu, Strauss-Kahn seine Kaution zurückzuerstatten. Unklar sei aber, ob es um die gesamten sechs Millionen Dollar (4,2 Millionen Euro) geht. Der 62-Jährige hatte eine Million Dollar in bar, den Rest in Bürgschaften hinterlegen müssen. Laut "New York Times" sprach die 32-jährige Frau kurz nach dem Vorfall mit einem Inhaftierten darüber, wie man Geld aus dem Fall schlagen könne.

Wegen der Vergewaltigungsvorwürfe war Strauss-Kahn als Chef des Internationalen Währungsfonds zurückgetreten. Der 62-Jährige war bis zu seiner Verhaftung einer der aussichtsreichsten möglichen Kandidaten der Sozialisten (PS) für den Präsidentschaftswahlkampf im kommenden Frühjahr. Nun sehen Parteifreunde Chancen für ein Comeback.

Die Frau verwickelte sich in Widersprüche

Der Anwalt von Strauss-Kahn, Benjamin Brafman, sagte vor dem Gerichtstermin dem "Wall Street Journal": "Die Staatsanwaltschaft und wir werden schwerwiegende Argumente gegen die Glaubwürdigkeit der anklagenden Zeugin vorbringen." Ursprünglich wollte sich die Justiz erst in zwei Wochen wieder mit dem Fall beschäftigen.

Die Frau hatte in einem New Yorker Hotel gearbeitet. Am 14. Mai soll es zu dem Übergriff gekommen sein. Sie hatte ausgesagt, Strauss-Kahn habe sie in seinem Zimmer splitternackt überfallen und zum Oralsex gezwungen. Laut "New York Times" soll die 32-Jährige mehrfach bei Angaben zu ihrem Asylantrag gelogen haben. Nach Informationen des Blattes wollte die Anklage im Gericht mehrere Widersprüche bei der Vernehmung des Zimmermädchens aufdecken.

Demnach habe sie anfangs behauptet, in ihrem Heimatland Guinea einmal von mehreren Männern vergewaltigt worden zu sein. Später habe sie die Behauptung zurückgezogen und eingeräumt, die Geschichte erfunden zu haben, berichtete das "Wall Street Journal" unter Verweis auf jemanden, der mit den Ermittlungen vertraut sei.

Am einem sexuellen Kontakt zweifelt niemand

Nach Angaben von Bloomberg hatten Strauss-Kahns Anwälte Brafman und William Taylor schon am 25. Mai an die Staatsanwaltschaft geschrieben, dass sie Informationen hätten, die die Glaubwürdigkeit der Frau erschütterten. Die stellvertretende Oberstaatsanwältin, Joan Illuzi-Orbon, habe die Verteidigung daraufhin aufgefordert, diese Erkenntnisse zur Verfügung zu stellen.

Die aus Guinea in Westafrika stammende Frau lebt seit 2002 in den USA. Dass es einen sexuellen Kontakt gab, wird nach Spurenlage nicht angezweifelt. Vor Gericht hatten die Anwälte von Strauss-Kahn nach Medienberichten erklärt, ihr Mandat habe einvernehmlich Sex mit der Frau gehabt.

Das Zimmermädchen habe am Tag nach dem Vorfall mit einem inhaftierten Mann darüber gesprochen, wie mit Vorwürfen gegen den Franzosen Geld zu machen sei, berichtete die "New York Times" weiter. Der Mann sitze wegen Drogenschmuggels ein. Er und andere hätten Geld - insgesamt etwa 100 000 Dollar - auf einem Konto der Frau geparkt. Laut "New York Times" sagte die 32-Jährige, mit den Vorwürfen konfrontiert, die Einzahlungen seien ohne ihr Wissen gemacht worden. Verwandte und Freunde hatten sie als bescheiden beschrieben. Strafrechtlich war sie ein unbeschriebenes Blatt.

Strafrechtlich war sie ein unbeschriebenes Blatt

Parteifreunde sehen nun wieder Chancen für eine Rückkehr Strauss-Kahns. Der ehemalige sozialistische Premierminister Lionel Jospin sprach von einem "Donnerschlag". Sollte DSK völlig entlastet werden, sei es an ihm und der Partei, über die Zukunft zu entscheiden. Der frühere Kulturminister Jack Lang erklärte: "Wenn sich die Neuigkeiten aus New York bestätigen, wäre das eine große Freude."

Die Führung der Sozialisten wollte sich nicht an Spekulationen beteiligen. Parteichefin Martine Aubry, die gegen den konservativen Präsidenten Nicolas Sarkozy antreten will, sagte: "Ich hoffe von ganzem Herzen, dass die amerikanische Justiz die Wahrheit ans Tageslicht bringt und Dominique aus diesem Alptraum holt."

Ihrer Partei drohen wegen der Entwicklungen neue interne Machtkämpfe. Die PS-Politikerin Michèle Sabban forderte, den derzeit laufenden Auswahlprozess für Kandidaten auszusetzen. Strauss-Kahn müsse die Chance bekommen, sich zu den Entwicklungen zu äußern, sagte sie der Nachrichtenagentur AFP.

Ein Hausarrest für 250.000 Dollar im Monat

Der Franzose hatte nach seiner Festnahme zunächst einige Tage auf der Gefängnisinsel Rikers Island in Einzelhaft gesessen, bevor er in den Hausarrest entlassen wurde. Er musste seine Reisepässe hinterlegen, eine elektronische Fußfessel tragen und durfte die Wohnung in Manhattan nur für Gerichtstermine sowie Arzt- und Kirchenbesuche verlassen. Kameras und bewaffnete Sicherheitsleute überwachten ihn. Dieses Arrangement koste den Franzosen 250.000 Dollar (172 000 Euro) im Monat, schrieb die "New York Times".

nik/DPA DPA

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker