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Wende im Fall des Ex-IWF-Chefs Dominique Strauss-Kahn ist frei


Jetzt ist es amtlich: Dominique Strauss-Kahn ist wieder ein freier Mann. Ein Richter in New York hob den scharfen Hausarrest auf. Die USA darf der Franzose aber nicht verlassen.

Der frühere Chef des Internationalen Währungsfonds, Dominique Strauss-Kahn, ist unter Auflagen auf freien Fuß gesetzt worden. Dies teilte der zuständige New Yorker Richter mit. Strauss-Kahns Reisepapiere wurden allerdings einbehalten. Bereits im Laufe des Tages hatten verschiedene Medien darüber berichtet, dass die Staatsanwaltschaft nicht länger an ihren Vorwürfen gegen den Ex-IWF-Chef festhalten könne.

Strauss-Kahn war zusammen mit seiner Frau Anne Sinclair gut eine halbe Stunde vor dem Termin vor dem Gerichtsgebäude im Süden Manhattans vorgefahren. Im dunklen Anzug und in Begleitung seiner Anwälte betrat der 62-Jährige mit festem Schritt und klaren Blick das Gebäude. Zu den Dutzenden Kamerateams, die auf der Straße warteten, sagte er nichts, auch seine Anwälte gaben keinen Kommentar ab. Vor Gerichtssaal 51 war die Schlange der Journalisten und Gäste auf 20 Meter angewachsen.

"Niemand wollte etwas anderes glauben"

Die "New York Times" hatte am Freitagmorgen über die Zweifel der Staatsanwaltschaft der Hauptzeugin berichtet und sich dabei auf mit dem Fall vertraute Justizbeamte berufen. Danach zweifelten die Ankläger die Glaubwürdigkeit des mutmaßlichen Opfers an, das Strauss-Kahn massive sexuelle Übergriffe vorwirft. So habe die Frau seit dem Vorfall am 14. Mai wiederholt gelogen - unter anderem im Zusammenhang mit ihrem Asylantrag.

Ein in die Ermittlungen Eingeweihter sagte, die Staatsanwaltschaft habe den Fall zur Anklage gebracht, ohne den Hintergrund der Belastungszeugin hinreichend zu überprüfen. "So ziemlich alles, was über diese Frau berichtet wurde, war von Anfang an falsch. Aber niemand hat nachgeforscht oder wollte etwas anderes glauben."

Die "New York Times" berichtete unter Berufung auf Justizkreise, gerichtsmedizinische Beweise belegten zwar sexuelle Kontakte zwischen Strauss-Kahn und der Putzfrau in dem Manhattaner Luxushotel. An ihrer Darstellung einer Vergewaltigung seien aber Zweifel aufgekommen; sie habe möglicherweise Verbindungen zur Kriminalität.

"Wunderbare Nachrichten für Dominique und seine Frau"

Die Wende im Strafverfahren gegen den ehemaligen IWF-Chefnährt bei Frankreichs oppositionellen Sozialisten Hoffnungen auf sein politisches Comeback. Der ehemalige sozialistische Premierminister Lionel Jospin bezeichnete die jetzt aufkommenden Zweifel an der Hauptbelastungszeugin als "Donnerschlag". Sollte der frühere Währungsfonds-Chef völlig entlastet werden, sei es an ihm und der Partei, über die Zukunft zu entscheiden.

Der Vertraute Strauss-Kahns und sozialistische Abgeordnete, Jean-Marie Le Guen, sagte, es sei zu wünschen, dass der Angeklagte bald auf freien Fuß komme, dann werde er in den kommenden Monaten "im politischen Leben unverzichtbar" sein, sagte der im Radiosender France Info. Abgesehen davon seien das "wunderbare Nachrichten für Dominique, (seine Frau und frühere Fernsehjournalistin) Anne Sinclair, und seine Familie". Für den früheren Kulturminister Jack Lang wäre Strauss-Kahns Anwesenheit "entscheidend für unseren Erfolg bei der Präsidentschaftswahl" im kommenden Jahr.

Präsidentschaftskandidatur ist "Science Fiction"

Die französische Sozialistenchefin Martine Aubry äußerte die Hoffnung, dass die US-Justiz "ab heute Abend die ganze Wahrheit etablieren" werde, damit Strauss-Kahn aus "diesem Albtraum herauskommen" könne.

Dass Strauss-Kahn im kommenden Jahr als Kandidat für die Sozialisten antritt, gilt aber als unwahrscheinlich. So nannte der Chefredakteur des Magazins "L'Express", Christophe Barbier, eine Kandidatur allenfalls hypothetisch. "Das ist Science Fiction", sagte der Kommentator dem Fernsehsender LCI. Dennoch halten es Experten für möglich, dass der 62-Jährige wieder eine wichtige Rolle in der französischen Politik spielen wird.

Der 62-Jährige war bis zu seiner Verhaftung Mitte Mai einer der aussichtsreichsten möglichen Kandidaten der sozialdemokratischen PS für den französischen Präsidentschaftswahlkampf im nächsten Frühjahr. Es galt als nahezu sicher, dass er bei den Vorwahlen der Sozialistischen Partei nach US-amerikanischem Vorbild antreten würde und bei einem Erfolg beste Chancen hätte, Präsident Nicolas Sarkozy an der Staatsspitze abzulösen. Mit Michèle Sabban forderte eine erste PS-Politikerin, die Vorbereitungen für die Abstimmung im Herbst zunächst auszusetzen. Strauss-Kahn müsse die Chance bekommen, sich zu den Entwicklungen zu äußern, sagte sie der Nachrichtenagentur AFP. Sabban hatte bereits nach der Verhaftung ihres Parteifreundes ein Komplott in Erwägung gezogen.

Überraschende Terminansetzung

Die französische Präsidentenwahl ist für den 22. April 2012 angesetzt. Kandidaten können sich auch noch wenige Wochen davor registrieren lassen. Allerdings müssen die Bewerbungen für die Vorwahlen der Sozialisten bis zum 13. Juli eingegangen sein.

Strauss-Kahn hatte die Vergewaltigungsvorwürfe stets zurückgewiesen und bei den bisherigen Vorverhandlungen auf nicht schuldig plädiert. Sein Amt als Chef des Internationalen Währungsfonds legte er nieder. Die nächste Anhörung in dem Strafverfahren war ursprünglich für den 18. Juli angesetzt. Jetzt kündigte die Staatsanwaltschaft in New York jedoch überraschend für Freitagvormittag (11.30 Uhr Ortszeit, 17.30 Uhr MESZ) eine Anhörung Strauss-Kahns vor Gericht an, ohne weitere Details zu nennen.

nik/DPA/AFP DPA

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