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Anne Sinclair und Maria Shriver: Alphafrauen hinter Betaehemännern

Sie sind die gedemütigten Alphafrauen hinter dem mutmaßlichen Vergewaltiger Strauss-Kahn und "Sperminator" Schwarzenegger: Anne Sinclair und Maria Shriver sind die ersten Richter ihrer Männer.

Von Florian Güßgen

Ist ja keineswegs so, dass nur die Schönen, Reichen und Mächtigen sich Verfehlungen zu Schulden kommen lassen. Aber wenn sie, wie sooft, versagen, fallen, stürzen, wenn der schöne Schein zerbirst und dahinter das bisweilen allzu Menschliche, bisweilen das kriminelle Sein wie ein Teufel aus der Box springt, dann sind das moralische Rührstücke für die ganze Welt. Die Dramen, Katastrophen und Dilemmata dieser Vortänzer legen Probleme offen, mit denen auch wir, Kreti und Pleti, zu kämpfen haben - oder, wie vor ein paar Jahren, auch die Familie Seehofer. Und deshalb sind nicht nur die sexuellen Eskapaden Dominique Strauss-Kahns, die jetzt mutmaßlich in einer Vergewaltigung gipfelten, moralisch und psychologisch spannend, nicht nur die Chuzpe des "Sperminators" Arnold Schwarzenegger. Auch das Verhalten der Ehefrauen ist interessant, von Anne Sinclair und Maria Shriver: Wie beantworten diese beiden Power-Frauen, beide vormals prominente Journalistinnen, Alphafrauen, jetzt die klassische Frage: Was tust Du, wenn Dein mächtiger Mann sich öffentlich mindestens als Fremdgänger entpuppt, als Betaehemann? Wie hältst Du's mit der Ehe? Gehst Du oder bleibst Du? Die beiden sind nicht nur betrogen worden: Ihre Männer zwingen sie auch noch, nun öffentlich moralische Urteile zu fällen. Sie sind die ersten Richterinnen.

Sinclair ist eine Erbin des Galeristen von Pablo Picasso

Anne Sinclair jedenfalls hat sich fürs Bleiben entschieden. Vehement. Vorerst. Nein, nicht eine Sekunde lang glaube sie, dass etwas dran sei an den Vorwürfen, die gegen ihren Mann erhoben würden, ließ sie noch am Sonntag per schriftlichem Statement verlauten. Ein Vergewaltiger? Niemals. Schnell eilte Sinclair nach New York, im Gepäck angeblich alle Vollmachten, um binnen Minuten jene Million Dollar zu hinterlegen, die als Kaution im Raum stand. Stand by your man, lautete die Devise der TV-Journalistin, die in Frankreich einen Ruf genießt wie hierzulande Claus Kleber oder Ulrich Wickert, obgleich sie wegen der Nähe zu "DSK" längst nicht mehr prominent auf dem Bildschirm erscheint. Sinclair gilt als seriös, kompetent, glaubwürdig - und als märchenhaft reich. In New York geboren ist die 62-Jährige eine Erbin des Galeristen von Pablo Picasso. Es ist auch ihr Vermögen, das dem Power-Paar seinen flamboyanten Lebensstil in den teuersten Vierteln von Paris und Washington ermöglichte. Seitdem Strauss-Kahn als erfolgversprechendster Sarkozy-Herausforderer im Rennen ums Präsidentenamt galt, galt Sinclair als Wunschkandidatin der Franzosen für das inoffizielle Amt der First Lady. Noch im Februar ließ sie Amtsinhaberin Carla Bruni in einer Umfrage weit hinter sich. Sinclair ist eine starke, ihrem Mann mindestens ebenbürtige Frau. Die beiden galten als Team.

Und dennoch hat sich Sinclair, Strauss-Kahns dritte Ehefrau, wohl einiges von dem Gatten bieten lassen müssen. Immer wieder gab es Gerüchte um seine Eskapaden. Sie ertrug das. Als er sich nach seiner Affäre mit der ungarischen IWF-Mitarbeiterin Piroska Nagy entschuldigte, stand Sinclair zu ihm. Es gebe mittlerweile ein Ritual, dass sich die Ehefrauen bei öffentlichen Bekenntnisse neben ihre untreuen Männer stellen würden, heißt es in einem Stück auf der Internetseite des US-Senders "AbcNews". "Politiker müssen verführen können", hat Sinclair in einem Interview mit dem französischen Magazin "L'Express" einmal ironisch angemerkt.

Vorbild Hillary Clinton?

Warum Sinclair so lange und trotz allem zu Strauss-Kahn hielt, darüber kann man trefflich küchenpsychologisieren. Vielleicht hat sie sich mit der sprunghaften Libido ihres Mannes arrangiert, sich fürs Aussitzen entschieden. Vielleicht gab's einen anderen Deal, irgendein gemeinsames "Projekt" - wie seinerzeit bei den ehrgeizigen Clintons deren "Projekt US-Präsidentschaft", alles andere untergeordnet wurde. Die Yale-Absolventin Clinton blieb ihrem Bill nicht nur eisern treu, als dessen Eskapaden - erinnern Sie sich an Paula Jones und Gennifer Flowers? - im US-Präsidentschaftswahlkampf 1992 hochkochten, sondern auch, als seine Ich-hatte-keine-sexuelle-Beziehung-zu-ihr-Affäre mit Monica Lewinsky die USA später in Wallung versetzte. Was Sinclair motivierte? Wer weiß das schon? Wer mag da richten? Ein moralisches Urteil verbietet sich. Allerdings ist ihr Dilemma nun eintausend, zweitausend, dreitausend Stufen schlimmer geworden. Denn gegenüber dem Vergewaltigungsvorwurf ist ein Seitensprung Kleinkram. Strauss-Kahn droht jetzt kein politischer Ungemach daheim in Frankreich - ihm drohen Jahrzehnte Haft in einem US-Knast.

Und dennoch oder gerade deshalb steht Sinclair auch jetzt zu ihm. Glaubt sie tatsächlich an seine Unschuld? Ist das schlicht ein erster Schutzreflex? Hätte sie überhaupt Alternativen gehabt? Wie hätte es denn ausgesehen, wenn sie in Paris geblieben wäre - nach zwanzig Jahren Ehe? Wo zieht Sinclair die Grenze? Und wann? Wie lange kann sie angesichts der Schwere der Vorwürfe ihre Durchhaltestrategie verfolgen? Noch ist völlig offen, wie sich Sinclair in den nächsten Tagen, Wochen und Monaten verhalten wird.

Auftritt bei Ophrah Winfrey

Maria Shriver ist schon einen Schritt weiter. Ihr Gatte überschritt offenbar ihre rote Linie, als er ihr seine schon vor einem Jahrzehnt reproduktive Affäre mit der Haushälterin beichtete. Dann war Schluss, sie zog aus - auch wenn diesem Schritt offenbar eine lange Phase in der 25-jährigen Ehe vorausgegangen war, in der Shriver die Eskapaden ihres Muskelmannes irgendwie ertragen hatte. Auch Shriver, aus dem Hause Kennedy und damit so adelig wie man in den USA nur sein kann, finanziell unabhängig, auch als Journalistin prominent, hielt offenbar lange still - obgleich sie zwischendurch behauptet hatte, dass sie sich gegen das Schicksal so viele Kennedy-Frauen wehren würde. Denn einerlei, ob es sich um John F. Kennedys Mutter Rose oder die glamouröse "Jackie", die Ehefrau des Präsidenten, handelte: Die Ehen der mächtigen und durchaus lustorientierten Kennedys scheinen immer auch dank der Leidensfähigkeit der Frauen Bestand gehabt zu haben. Das US-Online-Magazin "Slate" widmet sich der Ehen der Kennedys eigens in einer Fotostrecke.

Einerlei, ob sie gehen oder bleiben: Dass betrogene Ehefrauen es so oder so schwer haben, wenn die Demütigung öffentlich wird, ist eine Binse. Davon könnte Karin Seehofer sicher berichten, wenn sie denn darüber reden wollte. Offen ist dagegen, wie diese Frauen mittelfristig oder langfristig aus den Affären ihrer Männer hervorgehen. Gibt es so etwas wie eine späte Gerechtigkeit? Hillary Clinton, jedenfalls, hat für ihre Standfestigkeit während der Lewinsky-Affäre viel Beifall erhalten. Neben ihrem liederlichen Mann erschien die heutige US-Außenministerin geradezu als starke, charakterfeste Frau. Bei ihrer eigenen politischen Karriere hat ihr das genutzt, vielleicht mehr, als wenn sie ihn verlassen hätte. Auch Sinclair und Shriver sind durchaus noch in Positionen, wo sie, so oder so, eigene Karrieren verfolgen können, während ihre Ex-Alphamännchen entweder im Knast sitzen oder in Hollywood versuchen, alte Zeiten aufleben zu lassen.

Shriver jedenfalls machte am Dienstagabend schon mal den Anfang. Sie trat bei einer Feier von Ophrah Winfrey, TV-Superstar und Freundin Shrivers, in Chicago auf. Dort sagte sie, die Freundschaft zu Winfrey sei immer von Liebe und Unterstützung geprägt gewesen - und von der Wahrheit.