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Suche nach libyschem Ex-Diktator Wo ist Gaddafi?


Seine Familie floh nach Algerien, doch von Muammar al Gaddafi fehlt jede Spur. Seine Gegner wollen den libyschen Despoten lebendig - oder tot. Das Kopfgeld ist hoch.

Ist Muammar al Gaddafi noch in Libyen oder hat er das Land verlassen? Hält er sich, wie eine italienische Nachrichtenagentur unter Berufung auf diplomatische libysche Quellen berichtet, in Bani Walid, 100 Kilometer südöstlich von Tripolis mit zweien seiner Söhne auf? Oder ist er in seinem Heimatort Sirte, 360 Kilometer östlich von Tripolis?

Seit mehr als einer Woche fehlt jede Spur des ehemaligen Diktators. Und seitdem überschlagen sich auch die Spekulationen über seinen Aufenthaltsort. Wer ihn an die Rebellen ausliefert, ist ein reicher Mensch: Umgerechnet 1,2 Millionen Euro haben sie auf den Despoten ausgesetzt – tot oder lebendig.

Gaddafis Sprecher Mussa Ibrahim hatte am Samstag gesagt, Gaddafi befinde sich in der Hauptstadt Tripolis und sei zu Gesprächen mit den Rebellen bereit. Er biete Verhandlungen über eine Übergangsregierung an und habe seinen Sohn al Saadi zum Verhandlungsführer bestimmt.

"Ein Akt der Aggression"

Auch das Weiße Haus erklärte, es gebe keine Hinweise darauf, dass Gaddafi Libyen verlassen habe. Auch nicht darauf, dass der Despot seiner Familie nach Algerien gefolgt sei. Seine Frau Safija, die Söhne Hannibal und Mohammed sowie die Tochter Aischa, die am Morgen eine Tochter zur Welt gebracht hat, befinden sich in dem benachbarten Staat, wie das Außenminnisterium in Algier am Montag mitgeteilt hatte.

Es war die erste offizielle Angabe darüber, wo sich Gaddafis Familie aufhält, seit die Rebellen die Festung des Ex-Diktators in Tripolis stürmten - ein wichtiger Wendepunkt im Libyen-Konflikt.

Die libyschen Rebellen forderten von Algerien umgehend die Auslieferung der Familie. Den Angehörigen Gaddafis Unterschlupf zu gewähren sei ein Akt der Aggression, sagte ein Sprecher des Übergangsrates in Tripolis. "Wir warnen alle davor, Gaddafi und seinen Söhnen Unterschlupf zu gewähren", sagte Rebellen-Sprecher Mahmud Schamman. "Sie werden versuchen, in ein anderes Land zu gelangen, wahrscheinlich ein osteuropäisches Land." Alle Kriminellen könnten in Libyen mit einem fairen Verfahren rechnen. Algerien ist das einzige der Nachbarländer Libyens, das den Rebellenrat noch nicht als legitime Vertretung des libyschen Volkes anerkannt hat.

Nato setzt Luftangriffe auf Sirte fort

Ein dritter Sohn Gaddafis, Chamis, ist nach Rebellenangaben südlich von Tripolis getötet worden. Der 28-jährige Führer einer berüchtigten Elitetruppe sei "wahrscheinlich während eines Kampfes" nahe Tarhuna rund 80 Kilometer südlich der Hauptstadt getötet worden, sagte der Justizminister des Nationalen Übergangsrats, Mohamed Allegi, unter Berufung auf einen Anführer der Aufständischen. Rebellensprecher Schammam bekräftigte den Bericht. Ein Rebellenführer habe ihm berichtet, dass Chamis zwischen Tarhuna und Sliten getötet worden sei. Chamis Gaddafi galt als Hardliner. Sein Tod war seit Beginn der Revolte gegen Gaddafi mehrfach vermeldet worden, hatte sich bisher aber nicht bestätigt.

Einem britischen Fernsehbericht zufolge soll Gaddafi sich noch bis Freitag in Tripolis befunden haben. Von dort habe er sich in die Wüstenstadt Sabha im Süden des Landes begeben, meldete Sky News am Dienstag unter Berufung auf einen früheren Leibwächter von Chamis. Gaddafi habe sich am Freitag mit Chamis in Tripolis getroffen. Später sei auch Gaddafis Tochter Aischa dazugekommen. Sie seien nach einem kurzen Moment in Geländewagen gestiegen und fortgefahren, sagte der 17-jährige Leibwächter. Sein Vorgesetzter habe dann gesagt: "Sie fahren nach Sabha." Das ist neben Sirte eine der letzten Städte Libyens, die noch von Gaddafi-Anhängern kontrolliert werden.

Unterdessen hat die Nato ihre Luftangriffe in der Gegend um die libysche Küstenstadt Sirte fortgesetzt. Die Allianz flog Luftangriffe unter anderem auf 22 mit Waffen ausgestattete Fahrzeuge, vier Radarstationen sowie ein Boden-Luft-Raketensystem und ein Flugzeugabwehr-Raketensystem, wie die Nato am Dienstag in Brüssel mitteilte. Rund um die Heimatstadt von Gaddafi wurden demnach auch mehrere militärische Kommando- und Kontrollposten bombardiert. Bereits am Montag hatte die Nato von mehreren Luftangriffen auf militärisch wichtige Bodenziele in der Gegend von Sirte berichtet.

Gaddafi hat weiter Truppen unter Kontrolle

Die Rebellen stehen seit dem Wochenende westlich nur noch 30 Kilometer vor Sirte - und sind damit möglicherweise nur noch 30 Kilometer von Gaddafis Ergreifung entfernt.

Den noch in der Hand von Anhängern des langjährigen Machthabers Muammar el Gaddafi verbliebenen Städten stellten sie am Dienstag ein Ultimatum. Die Ortschaften hätten bis Samstag Zeit, sich freiwillig zu ergeben, erklärte der Nationale Übergangsrat in Bengasi.

Nach Einschätzung der Nato hat Gaddafi trotz seiner Flucht weiter Truppen unter seiner Kontrolle. "Er hat die Fähigkeit, eine bestimmte Art von Kommando und Kontrolle auszuüben", sagte der Sprecher des Nato-Lufteinsatzes in Libyen, Roland Lavoie, am Dienstag in Brüssel. Es sei Gaddafi auch nach seinem Verschwinden möglich, die Bewegungen von ihm treu ergebenen Truppen und den Einsatz ihrer Waffen und Raketen zu bestimmen. Auch er bekräftigte, dass über den Aufenthaltsort des Flüchtigen nichts bekannt sei.

Dennoch sieht das Bündnis ein baldiges Ende ihres Militäreinsatzes. "Der Einsatz wird so lange wie nötig dauern, aber keinen Tag länger", sagte Bündnissprecherin Oana Lungescu am Dienstag in Brüssel vor Journalisten zum Ende der Militäraktion. "Es sieht so aus, als seien wir fast so weit, aber wir sind noch nicht ganz da." So lange Truppen Gaddafis noch eine Gefahr für die Zivilbevölkerung darstellten, "gibt es noch Arbeit und wir werden diese Arbeit erledigen". Lungescu bekräftigte, dass die Nato keinerlei Absicht oder gar Pläne habe, nach dem Ende des Militäreinsatzes Bodentruppen nach Libyen zu schicken. "Und die Nato wird auf keinen Fall im Libyen nach Gaddafi eine führende Rolle spielen."

fro/DPA/AFP/Reuters DPA Reuters

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