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Syrische Flüchtlinge "Schickt endlich Bomben"


Gebannt warten syrische Flüchtlinge auf die Entscheidung der USA. Die meisten wünschen sich Militärschläge. Und mehr Mut der Deutschen.
Von Jan-Christoph Wiechmann aus Domiz, Irak

Sie treffen sich wieder in Ismaels Friseursalon. Eigentlich treffen sie sich immer hier und bereden die Lage in ihrer Heimat. Ein echter Salon ist es nicht, eher eine aufgemotzte Bretterbude. Und ein echter Friseur ist Ismael Zuber auch nicht. Aber was ist schon echt in einem provisorischen Lager mit 70.000 syrischen Flüchtlingen?

Tee, Pistazien und Politik

Jedenfalls versammeln sie sich hier bei Tee und Pistazien, sie schauen Al Jazeera, BBC und den kurdischen Sender Rudaw TV und debattieren lautstark. Fasst man die Diskussion zusammen, hört sich das so an:

Ismael Zuber, Friseur: "Obama muss zuschlagen. Er hatte zweieinhalb Jahre Zeit. Mehr als 100.000 meiner Landsleute sind tot."

Ibrahim Shekhmos, Rentner: "Wenn Assad tatsächlich seine Chemiewaffen abgibt - was hier keiner glaubt - tötet er uns eben weiter mit konventionellen Luftangriffen."

Ahmad Suleyman, Gemüsehändler: "Assad kauft sich mit dem Angebot nur Zeit."

Shekhmos: "Ein Massenmörder wie Assad versteht einzig eine Sprache: die der Gewalt."

Zuber: "Schickt endlich Bomben. Ihr könnt doch ganz gezielt Flughäfen und Militärkasernen angreifen. Das macht ihr doch auch mit Drohnen."

Auf den Einwand, dass keiner vorhersehen könne, was nach Militärschlägen komme, sagen sie unisono: "Schlimmer kann es nicht werden."

Sie kennen Assad als Trickser

So ähnlich verlaufen die Gespräche an vielen Ecken des Lagers, in Teestuben und an Marktständen, die Bewohner vor ihren Zelten aufgebaut haben. Die Stimmung schwankt zwischen Wut und Resignation. Die meisten Bewohner sind Kurden, die aus Damaskus und dem Norden Syriens geflüchtet sind. Sie fühlen sich seit Jahrzehnten unterdrückt und kennen Assad als Trickser und eiskalten Mörder. "Wenn der Westen selbst jetzt nicht zuschlägt, gibt es nur einen Gewinner: Bashar al Assad", sagt Ibrahim Adnan, einer der Sicherheitsleute in Domiz.

Domiz liegt am Rand der Stadt Dohuk, nur 70 Kilometer entfernt von der syrischen Grenze. Das Camp wurde mal für 20.000 Flüchtlinge gebaut, dann für 40.000. Inzwischen leben hier fast 70.000 Syrer. Immer mehr Flüchtlinge siedeln sich am Rand der Zeltstadt an, unter Planen und Strohdächern und in Zelten des UN-Flüchtlingswerks. Längst ist "Camp Domiz" eine eigene kleine Stadt mit allem was dazugehört: Schulen und Moscheen, Wechselstuben und Fußballplätzen.

"Warum durchschaut ihr Assad nicht?"

Der Biologiestudent Kovan Khalaf, 24, hat viele Bekannte im Krieg verloren. Er floh mit seinen beiden Brüdern in den Irak, der Rest der Familie ist noch in Syrien. Ein Cousin starb bei Luftangriffen, ein anderer wurde von Soldaten ermordet, als er desertierte. "Ich habe das Regime von allen Seiten kennengelernt", schimpft er. "Wie kann es sein, dass ihr Assad nicht durchschaut? Er hat kein Problem damit, seine Chemiewaffen abzugeben. Er bekommt aber ein echtes Problem, wenn seine Waffenlager, Flugplätze und Armeebasen zerstört werden. Das wäre das Signal an alle Syrer, sich zu erheben."

Wie andere junge Männer im Camp überlegt auch Kovan nach Syrien zurück zu gehen, um gegen Assad und die Dschihadisten der Al-Nusra-Front zu kämpfen. Nur 80 Kilometer von Domiz entfernt kämpfen kurdische Einheiten sowohl gegen Truppen des Regimes als auch gegen die des Al-Kaida-Ablegers al Nusra. Es macht Kovan verrückt, dass er nicht helfen kann. Aber er hat noch nie Waffentraining gehabt. Und erst will er Obamas Entscheidung abwarten.

Obama könnte zum Helden werden - oder zum Verräter

Obama, so merkt man schnell, kann hier in kurzer Zeit zum Helden werden oder zum Verräter. Sie werden öffentliche Plätze und Schulen nach ihm benennen so wie einst im Kosovo nach Bill Clinton. Wenn er jedoch nicht interveniert, steckt der US-Präsident in den Augen vieler Syrer mit Assad unter einer Decke. Schon jetzt kursieren allerlei Verschwörungstheorien: Der Westen kooperiere mit Assad. Die Türkei mit Islamisten. Islamisten mit Assad.

Die Fassungslosigkeit angesichts des Zögerns im Westen hat in Domiz einen sehr realen Hintergrund. Die Menschen hier haben alles erlebt - Folter, Vergewaltigungen, Morde, Enthauptungen, Bombardierungen, Flucht. Nur ein Bruchteil ihrer Geschichten kommt als Schnipsel in deutschen Tageszeitungen an. Sie können nicht verstehen, dass mit einem Verbrecher verhandelt wird. Sie konnten schon nicht verstehen, dass erst die 1400 Tote des Giftgas-Angriffs Anlass für das Erwachen im Westen waren. "Reichen 100.000 gewöhnliche Tote nicht?", fragt Adnan, der Sicherheitsmann aufbrausend. "Sind Giftgasopfer bessere Opfer als Bombenopfer?"

Die meisten Flüchtlinge fühlen sich dem Westen dennoch verbunden, vor allem Deutschland. Sie sind bestens über die Vorgänge in Deutschland informiert, durch Verwandte und den Auslandssender "Deutsche Welle". Aber verstehen können die Haltung der Bundesregierung nur wenige.

"Ist Deutschland zu weit weg?"

Ismael Zuber: "Ich begreife ja, dass ihr sagt: 'Nie wieder Krieg.' Aber ihr habt auch eine Verantwortung, Massenmorde zu verhindern."

Kovan Khalaf: "Deutschland hat genug mit der Krise in Europa zu tun." Ibrahim Shekhmos: "Das heißt doch nicht, dass sie bei einer Intervention nicht mitmachen können. Das macht Frankreich doch auch."

Ahmad Suleyman: "Von deutschen Politikern hört man eigentlich gar nichts Substantielles. Ich habe selbst von Kanadiern was gehört und von Schweden."

Shekhmos: "Ich glaube, es interessiert euch gar nicht, oder? Mal ehrlich: Syrien ist für Euch zu weit weg. Dabei ist es gar nicht so weit."


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