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Terrorexperte Peter Neumann "Die Zarnajews waren RTL2-Dschihadisten"


Die Boston-Attentäter waren weder besonders politisch noch allzu religiös. Ihr Hass speiste sich aus islamistischen Videos. Terrorexperte Peter Neumann über den neuen Typus "Gangster-Terrorist".

Herr Neumann, war es für Sie eine Überraschung, dass die USA zwölf Jahre nach 9/11 wieder Ziel eines terroristischen Anschlags geworden sind?

Ja, es hat mich überrascht. Ich hatte das Gefühl, dass die Amerikaner die Bedrohung durch "homegrown terrorists", also durch einheimische Terroristen, eigentlich ziemlich gut im Griff haben. 2009 und 2010 war ja ein vorläufiger Höhepunkt der Anschlagsversuche: Die Bombe auf dem Times Square, die Gott sei Dank nicht gezündet ist, das Massaker in Fort Hood, der Versuch, die New Yorker U-Bahn in die Luft zu sprengen. Aber seitdem ging die Zahl der Attentatsversuche stark zurück. Bis zu den Bomben von Boston hieß der Konsens in Amerika: Diese Geschichte mit den Homegrowns ist etwas übertrieben. Und die paar, die es gibt, haben wir gut unter Kontrolle.

Das FBI hatte ja vor zwei Jahren Kontakt zu einem der Brüder Zarnajew

… und genau das ist die Geschichte: Warum hat man ihn wieder aus den Augen verloren? Was ist da schief gegangen? Das FBI wird dazu eine gründliche Untersuchung vorlegen müssen.

Ausgehend von den Informationen, die wir bis jetzt haben: Lassen sich die Täter in eine Kategorie einordnen?

Sie passen sicher nicht in das Bild des klassischen Terroristen, der ideologisch und sehr politisch denkt, der zugleich religiös ist und fanatisch. Das waren die beiden nicht. Vor allem der jüngere Bruder Dschochar Zarnajew passt da nicht dazu. Ich würde sie eher als "Gangster-Dschihadisten" bezeichnen. Sie sehen sich als islamistische Krieger, führen aber einen Lebensstil, der nur wenig mit ihrer Religion zu tun hat: Sie trinken Alkohol, kiffen, tragen weltliche Kleidung, oft im Hip-Hop-Stil und gehen weiter auf Partys. Sie waren "Lone Wolves", einsame Wölfe: Sie fühlen sich zwar als Teil einer ideologischen Bewegung, handeln aber nicht auf Befehl einer großen Terrororganisation wie al Kaida und werden von dieser auch nicht logistisch unterstützt. Der überlebende Terrorist hat in seiner ersten Vernehmung ja auch eingeräumt, nicht im Auftrag einer Organisation gehandelt zu haben. Auch das unprofessionelle Verhalten nach dem Attentat und das fehlende Bekenntnis zur Tat durch eine Terrororganisation sprechen dafür, dass es Einzeltäter waren. Denkbar ist allerdings, dass es Helfer im unmittelbaren Umfeld gab.

Auf den Rechnern der jungen Männer hat man islamistische Videos gefunden. Ist es möglich, dass sich heute ein junger Mensch ausschließlich im Internet radikalisiert?

Diese Fälle sind noch selten, werden aber immer mehr. Ich war erst neulich Gutachter im Verfahren gegen solch einen Mann. Der Fanatismus wird durch Videoansprachen von Predigern geweckt, durch dschihadistische Rapsongs, Diskussionen in entsprechenden Foren, Kampfszenen aus Syrien oder Irak. Ich nenne es "RTL2-Dschihadismus", weil nicht die intellektuelle Auseinandersetzung mit der Religion im Vordergrund steht, sondern die emotionale Anregung durch Bilder und Musik. Man hätte sich das vor 15 Jahren nicht vorstellen können. Heute ist es nicht die Regel, aber vorstellbar.

Was ist der Grund dafür, dass ein junger Mensch beginnt, nach solchen Sachen im Internet zu suchen?

Auslöser für die Radikalisierung ist fast immer eine persönliche Identitätskrise. Sie ermöglicht das, was die Psychologen eine kognitive Öffnung nennen. Die Menschen fragen sich: Wer bin ich eigentlich, wo gehöre ich hin und was ist der Sinn? Und wenn dann in diesem Moment jemand kommt, der die dschihadistische Idee anpreist, kann er genau der sein, wonach der Grübelnde sucht. Die Menschen suchen nach neuer Orientierung, der religiöse Fanatismus füllt dieses Vakuum.

Welche Rolle spielt die tschetschenische Herkunft der Brüder?

In diesem Fall keine große. Klar, sie sind Tschetschenien, aber ihre Radikalisierung hat in den USA stattgefunden. Sie haben sich dem globale Dschihadismus verschrieben und nicht dem tschetschenischen Nationalismus. Die meisten Tschetschenen sind ja durch diesen Konflikt in ihrem Land gebrandmarkt, sie haben Verwandte verloren oder selbst Folter erfahren. Viele wurden dadurch radikal. Das trifft auf diese zwei Männer aber nicht zu. Sie haben diesen Konflikt ja gar nicht mehr selbst erlebt.

Wird dieser Anschlag die USA verändern?

Wenn es bei diesem Anschlag bleibt, glaube ich es nicht. Allerdings denke ich schon, dass es die Muslime in den USA nun wieder etwas schwerer haben werden. Und die ersten versuchen auch schon, das Attentat für die laufende Immigrationsdebatte auszuschlachten. Das wäre aber ein Vermischen von zwei Problemen: 90 Prozent der US-Immigranten kommen aus dem lateinamerikanischen Raum, die mit dieser Art von Bedrohung nichts zu tun haben. Immigration war in den USA noch nie ein Terrorismusproblem.

Verhindern wird man derartige Anschläge auch in Zukunft nicht. Oder gibt es erfolgreiche Präventionsmaßnahmen?

In Amerika sind präventive Maßnahmen deshalb schwer umzusetzen, weil die Meinungsfreiheit in diesem Land absolut ist. Selbst wenn sich jemand dschihadistisch äußert, gibt es in den USA keinen Grund, ihn strafrechtlich zu belangen. Relevant wird das erst, wenn er anfängt, eine Bombe zu bauen. Deshalb gibt es in Amerika keine Präventionsprogramme, keine Deradikalisierungsprogramme wie wir sie in Europa haben. Es gibt nur das FBI.

Martin Knobbe

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