Todesstrafen-Liste von Amnesty International Erschossen, enthauptet, gesteinigt


Nach einem Bericht von Amnesty International sind im vergangenen Jahr mehr als 700 Menschen hingerichtet worden. Das Land mit den meisten Exekutionen fehlt jedoch in der Statistik - aus gutem Grund.

Viel Hoffnung war nie. Sie erlosch an einem Morgen, ohne dass groß Notiz davon genommen wurde. Als die Mutter des Weißrussen Andrej Schuk ihren Sohn, der wegen Doppelmordes im Gefängnis von Minsk in der Todeszelle saß, am 18. März besuchen wollte, wurde ihr bedeutet, dass der 25-Jährige "verlegt" worden sei. Künftig könne sie zu Hause bleiben, und sie werde noch Post von den Behörden erhalten. Damit war die Sache klar: Schuk war insgeheim hingerichtet worden. Und die Hoffnung, dass in Europa vielleicht nie wieder ein Todesurteil vollstreckt würde, war dahin.

Der jüngste Todesstrafen-Jahresbericht von Amnesty International war damit schon wieder überholt - noch vor der offiziellen Veröffentlichung am Dienstag. Darin freut sich die Hilfsorganisation darüber, dass 2009 zum ersten Mal in Europas Geschichte ein ganzes Jahr lang niemand hingerichtet wurde. Davon, dass Weißrussland auf dem Kontinent allein steht, ließ sich der Präsident der ehemaligen Sowjetrepublik, Alexander Lukaschenko, jedoch noch nie beeindrucken. Zusammen mit Schuk ließ er noch einen anderen Mann exekutieren.

Gesteinigt wie im Mittelalter

Insgesamt stellt Amnesty im Kampf gegen die Todesstrafe aber Fortschritte fest. Die meisten Länder der Welt (139) verzichten inzwischen auf Hinrichtungen. In 58 Ländern gibt es die Strafe noch, aber nur in 18 wurden vergangenes Jahr Urteile auch vollstreckt. Auf dem amerikanischen Kontinent ließen nur noch die USA von Staats wegen töten. Erfreut nahmen die Experten auch zur Kenntnis, dass Länder wie Afghanistan und Pakistan erstmals niemanden vor den Henker schickten. Eine ausführliche Übersicht darüber, wo auf der Welt noch hingerichtet wird, zeigt stern.de im "Atlas der Exekutionen".

Die meisten Urteile werden weiterhin durch Erschießungskommandos vollstreckt. China will immer mehr zur Hinrichtung durch die Giftspritze übergehen. Daneben gibt es den Tod durch Stromschlag oder Strick. In Saudi-Arabien wird wie seit jeher in aller Öffentlichkeit enthauptet. Und in Somalia wurde ein junger Mann sogar noch gesteinigt, wie in Zeiten des Mittelalters. Die Henker gruben den vermeintlichen Ehebrecher bis zur Hüfte in die Erde ein. Dann warfen sie Steine auf ihn, bis er tot war.

Instrumentalisierung durch chiniesische Führung

Bei der Gesamtzahl der Hinrichtungen sieht es auf den ersten Blick besser aus als früher. Weltweit ermittelte Amnesty für 2009 eine Mindestzahl von 714 Exekutionen. Im Jahr zuvor waren es noch mindestens 2390. Der vermeintliche Rückgang hat allerdings einen bösen Grund. Der Staat, der jedes Jahr die meisten Menschen töten lässt, taucht in der Zahlensammlung nicht mehr auf. Erstmals in fast 30 Jahren Statistik verzichtete Amnesty darauf, die Volksrepublik China mitzuzählen.

"Wir wollen uns von der chinesischen Führung nicht länger instrumentalisieren lassen", begründet der Todesstrafen-Experte Oliver Hendrich die Entscheidung. Die Menschenrechtler mussten die Erfahrung machen, dass Peking die Jahresberichte nutzte, um sich für einen angeblichen Rückgang der Hinrichtungszahlen loben zu lassen. Dabei weiß außerhalb der kommunistischen Bürokratie niemand, wie viele Menschen tatsächlich getötet werden. Offizielle Zahlen gab es noch nie. Hinrichtungen werden in der Regel als Staatsgeheimnis behandelt.

Möglicherweise 10.000 Todesurteile in China

Bislang veröffentlichte Amnesty für die Volksrepublik die niedrigsten gesicherten Zahlen, die man durch die staatlich gelenkten Medien und offiziöse Quellen ermitteln konnte. 2008 kam man so auf eine Mindestzahl von 1718 Hinrichtungen. Aber schon damals ging man davon aus, dass die Zahl in Wahrheit bei mehreren tausend liegt. Andere Menschenrechtsorganisationen schätzen sogar, dass pro Jahr 10.000 Todesurteile vollstreckt werden.

Auf jeden Fall, darin sind sich die Experten sicher, werden in China mehr Menschen hingerichtet als im gesamten Rest der Welt. Auf Platz zwei der Statistik lag wie im Vorjahr der Iran (mindestens 388 Exekutionen), gefolgt vom Irak (mindestens 120), Saudi-Arabien (mindestens 69) und den USA (52). Zu den anderen Ländern gehörten der Jemen, Vietnam, Syrien, Nordkorea, Japan und der Sudan.

Christoph Sator/DPA DPA

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