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Interview

Tötung von iranischem Top-General: "Die Regierung in Teheran wird Vergeltung üben – aber die Lage nicht eskalieren"

Der Iran-Experte Adnan Tabatabai sagt im stern-Interview, wie der Iran Rache für den Getöteten Top-Militär Spitzengeneral Soleimani nehmen wird – und dass das Land kein Interesse an einer Eskalation hat.

Iran Botschafter Bild Soleimani

"Soleimani war im Iran beliebt". Der iranische Botschafter im Libanon unter dem Porträt des getöteten Generals

DPA

Herr Tabatabai, nach Monaten der gegenseitigen Provokationen setzen die USA unter Präsident Donald Trump erstmals das Militär gegen einen Vertreter des Iran ein – in diesem Fall wurde der Top-General Ghassem Soleimani angegriffen und getötet …

... in seiner Amtszeit ist Donald Trump nicht nur aus dem Atomvertrag ausgestiegen, sondern hat die Sanktionen auch derartig verschärft, dass sie einer Wirtschaftsblockade gleichkommen. Die Iraner sprechen hierbei von einem Wirtschaftskrieg.

Wie wird der Iran nun reagieren?

Diese gezielte Tötungsoperation ist eine deutliche Kampfansage, für die Regierung in Teheran wurde eine rote Linie überschritten. Bislang hat sie davor zurückgeschreckt, das Leben von US-Soldaten zu gefährden, doch das dürfte nun vorbei sein.

Sie glauben, dass es Vergeltungsmaßnahmen geben wird?

Ja. Militärisch ist die iranische Armee der amerikanischen natürlich unterlegen. Aber Teheran hat viele staatliche und nicht-staatliche Verbündete in der Region, es hat aber keine Eile. Es kann also in ein paar Tagen etwas passieren oder erst in einigen Wochen oder Monaten. Mit dieser Unsicherheit spielt der Iran. Aber ich gehe davon aus, dass die Vergeltung die Verhältnismäßigkeit nicht überschreiten wird. 

Sie meinen, die Iraner haben kein Interesse an einer Eskalation?

Ihre Gegenreaktion wird ein Signal sowohl nach innen als auch nach außen senden. Es ist wichtig, das Gesicht zu wahren, zu zeigen, dass sie sich so etwas nicht bieten lassen. Gleichzeitig müssen sie weitere amerikanische Vergeltung einkalkulieren.

Die Machthaber in Teheran wollen die Situation vielleicht nicht weiter zuspitzen, doch was ist mit den zahllosen Milizen und Verbündeten in der Region – die Hisbollah im Libanon, die Hamas in Palästina, die Huthi-Rebellen im Jemen – die beurteilen die Lage möglicherweise anders.

Ja, die Gefahr besteht. Der Angriff auf Soleimani fand auf irakischem Staatsgebiet statt, es wurden auch Iraker und Libanesen getötet. In beiden Ländern leben Akteure, die ihre eigene Agenda haben. Nicht auszuschließen, dass sie Rache üben wollen, selbst wenn diese anders aussieht als die iranische Gegenreaktion. Tatsächlich gibt es genug Parteien im Nahen und Mittleren Osten, die eine Eskalation in Kauf nehmen.

Wem soll man überhaupt noch glauben? Was hindert etwa Saudi-Arabien als großer regionaler Rivale des Iran daran, mitzuzündeln und die Schuld dann Teheran zu geben?

In diesem speziellen Fall von Soleimani ist klar, was passiert ist. Das ist auch deshalb eine drastische Nachricht an den Iran, weil der es bislang weitgehend vermieden hat, US-Soldaten anzugreifen. Die Regierung weiß: Für die Amerikaner ist das die rote Linie. Aber letztlich müssen wir immer wieder aufs Neue schauen, wer was behauptet. Welche Erzählung wem nützt und wieso?

Im Iran selbst rumort es seit einigen Wochen, es gab Unruhen mit vielen Toten. Wie wirkt sich das auf den Kurs des Landes aus?

Soleimani war im Iran populär. Ich gehe davon aus, dass sein Tod auch Teile der schärfsten Kritiker besänftigen wird. Die Aktion lässt die Menschen zusammenrücken und die Fronten gegenüber den USA werden sich verhärten.

Interview: Niels Kruse