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Chilcot-Report: Was Blairs Lüge über die Welt der Elite verrät

Mitte der Woche gab es in Großbritannien mal Abwechslung vom Brexit: Der Chilcot-Report zum Irak-Krieg wurde veröffentlicht. Besser wurde die Stimmung dadurch allerdings auch nicht.

Zwei, die sich gut verstehen: Tony Blair und George W. Bush im Jahr 2004

Zwei, die sich gut verstehen: Tony Blair und George W. Bush im Jahr 2004

Der längst überfällige Chilcot-Report über die Verfehlungen der Blair-Regierung vor dem Irak-Krieg wurde nach sieben langen Jahren des Wartens endlich veröffentlicht. Er enthält 2,6 Millionen Worte. Bei einer durchschnittlichen Lesegeschwindigkeit von etwa 250 Wörtern pro Minute braucht man dafür 173 Stunden nonstop, eine gute Woche. Man kann sich das aber auch sparen, weil in dem Report vieles steht, was die Welt schon wusste. Die Quintessenz: Der Krieg war übereilt, er war falsch. Und die Welt ist unsicherer denn je.

Eine Viertelmillion Menschen starben und sterben bis heute, weil der Irak und die gesamte Region exakt das Gegenteil von dem sind, was die neokonservativen Kriegstreiber aus der Bush-Regierung und ihre Alliierten aus der "coalition of the willing" versprachen. Nämlich einen demokratischen Domino-Effekt, wenn der irakische Despot erst mal aus dem Weg geräumt sei.

Nichts davon ist eingetreten.

Tony Blair: "Würde es wieder tun."

Im Zentrum des Reports steht Tony Blair oder je nach Sicht: Tony B-liar.

Er stellte sich gestern den Fragen der Presse, zwei Stunden lang. Es lief auf einen entscheidenden Satz hinaus: "Ich kann mich nicht entschuldigen. Und würde es wieder tun."

Draußen, vor dem Konferenz-Center in Westminster, standen die Angehörigen von getöteten britischen Soldaten. Sie starben in einem Krieg. Sie starben in einem falschen Krieg. Sie starben für etwas, das Blair wieder tun würde.

Neulich sprach ich mit einem britischen Psychologen und Historiker über den Brexit und Britannien. Der Mann heißt Nick Duffel und hat vor zwei Jahren ein Buch geschrieben, das gerade wieder auf dem Weg in die Bestsellerlisten ist, "Wounded Leaders". Darin untersucht Duffell, ein früherer Lehrer, den Zusammenhang zwischen elitärer Bildung und Elitenbildung in seinem Land. Er kommt zu einem ziemlich vernichtenden Urteil. Großbritanniens politische Klasse wachse in einem sehr ungesunden Kreislauf auf. Die meisten Parlamentarier besuchten Internate, und lernten dort, Gefühle zu unterdrücken. Zum Beispiel Furcht. Das erkläre, warum kaum einer von ihnen in der Lage sei, Fehler einzugestehen. "Denn Fehler sind nicht Teil eines auf Makellosigkeit ausgelegten Systems." Duffell bezeichnet das, was dabei herauskommt, als "strategic survival personality", eine strategische Überlebenspersönlichkeit.

Blair kann keine Fehler eingestehen

Blair ist ein Paradebeispiel einer solchen Persönlichkeit. Er kann keine Fehler eingestehen. Selbst wenn sie ihm penibel nachgewiesen werden. Die Kommission, die den voluminösen Bericht erstellte und sieben Jahre (!) daran arbeitete, sichtete 150.000 Regierungsdokumente und vernahm 130 Zeugen. "Tolstoi brauchte für 'Krieg und Frieden' weniger Zeit als Chilcot für den Bericht", ätzte der "Independent". Aber jetzt liegt er vor, mit sechs Jahren Verspätung. Blair hatte also jahrelang Zeit an einer vernünftigen Replik zu arbeiten. Er hätte sagen können: "Es tut mir leid." Er hätte sagen können, sie hätten sich geirrt. Er hätte sagen können, dass er sich schämt. Er hätte alles Mögliche sagen können. Nur nicht, dass er es wieder tun würde.

Er schob die Schuld weiter auf fehlerhafte Geheimdienstinformationen. Auch das ist ein Skandal und Teil einer systemimmanenten Lüge.

Damals, kurz vor dem Krieg, lebten wir in den USA. Der damalige deutsche UN-Botschafter erzählte uns, dass Amerikaner und Briten sich verließen auf eine dubiose Quelle unter dem Codename "Curveball". Das ist ein Begriff aus dem Basketball. Ein Curveball rotiert um sich selbst und fliegt dann in einer Kurve. Der Name des Informanten war insofern auch Programm: "Curveball" war eine instabile Persönlichkeit und ein notorischer Lügner, die Deutschen warnten immer wieder vor ihm. Und dennoch wurde "Curveball" zu einem Kronzeugen für die Invasion.

Lügen, Übertreibungen, Massieren der Wahrheit

Ein Jahr nach der Invasion arbeiteten ein Kollege und ich die Kriegslügen auf. Wir trafen ehemalige amerikanische Geheimdienstleute, die angewidert gekündigt hatten. Sie berichteten uns in erschreckender Offenheit die mehr oder minder identische Geschichte: Dass die Informationen so lange massiert und gedehnt wurden, bis sie politisch opportun waren und für den Waffengang instrumentalisiert wurden. Auf Druck von oben. Auf Druck der Kriegstreiber.

Die Version von Blair als Schoßhund des US-Präsidenten George W. kursiert schon lange; sie wird durch den Report faktisch unterfüttert. "I’ll be with you, whatever", schrieb er im Juli 2002 an seinen Freund Bush.

Der Krieg war damals schon beschlossene Sache.

Die Welt hat daraus nicht viel gelernt. Lügen, Übertreibungen, das Massieren der Wahrheit, bis es irgendwie passt, gehören nach wie vor zum System.

Vor 13 Jahren führten sie zu einem sinnlosen Krieg. Und vor knapp drei Wochen zu einem sinnlosen Abschied aus Europa.