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Traurige Rekorde: Die Arbeitslosigkeit in Europa

Europa ringt mit der Arbeitslosigkeit. Die Statistiker melden einen düsteren Rekord nach dem anderen, zuletzt in Frankreich und Spanien. Die EU hilft mit Beschäftigungsinitiativen.

In den Staaten Südeuropas, die besonders stark unter der Wirtschaftskrise leiden, ist die Arbeitslosigkeit am höchsten. In Spanien und Griechenland war laut EU-Statistikbehörde Eurostat mehr als jeder Vierte ohne Job. In Portugal lag die Arbeitslosenquote nach jüngsten Zahlen vom Februar bei 17,5 Prozent

Verzeichnet Frankreich nicht auch Negativ-Rekorde?

Ja. Ende März waren dort 3,2 Millionen Menschen arbeitslos, so viele wie seit 16 Jahren nicht mehr. Die Quote lag nach Eurostat-Zahlen vom Februar bei 10,8 Prozent. Als Grund gilt mangelnde Wettbewerbsfähigkeit: Die Lohnkosten für Unternehmen sind vergleichsweise hoch, zudem hält die Regierung noch immer am Grundprinzip der 35-Stunden-Woche fest. Nach Ansicht von Wirtschaftsexperten hat Frankreich in der Wirtschaftsstruktur ähnliche Probleme wie die Krisenländer im Süden.

Warum trifft es diese Länder so hart?

Spanien leidet unter anderem unter seiner geplatzten Immobilienblase und damit Einbrüchen im Baugewerbe. Der Sektor erzeugte einst fast ein Fünftel der Wirtschaftsleistung des Landes, erklärt Carsten Brzeski, Chefvolkswirt der ING Diba. "Dadurch sind unheimlich viele Arbeitsplätze flöten gegangen." Zudem ächzten die öffentlichen Haushalte der Krisenländer unter den strengen Sparauflagen der EU. Für Investitionen fehle teils das Geld.

Warum sind in Deutschland vergleichsweise wenig Menschen ohne Job?

Weil es der deutschen Wirtschaft recht gut geht. Die Deutschen kaufen weiterhin Waren und Dienstleistungen, meldeten die Konjunkturexperten vom Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) und dem Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) im März. Die Arbeitnehmer der geburtenstarken Nachkriegsjahrgänge gingen zudem nun in den Ruhestand, erklärt Volkswirt Brzeski. Das entlaste den Arbeitsmarkt.

Was tut die EU gegen das Problem?

Die Europartner helfen im Verein mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) den angeschlagenen Volkswirtschaften in Griechenland, Spanien, Portugal, Irland und Zypern mit milliardenschweren Rettungsprogrammen - verlangt im Gegenzug aber sparsames Haushalten. Jungen Menschen soll eine Beschäftigungsgarantie helfen. Sechs Milliarden aus europäischen Töpfen will die EU bereitstellen, um Männer und Frauen unter 25 Jahren innerhalb von vier Monaten in Arbeit, Praktikum oder Weiterbildung zu bringen. Am Freitag machte EU-Arbeitskommissar Laszlo Andor auch Vorschläge, die Hindernisse für Menschen aus dem Weg räumen sollen, die in einem fremden EU-Land arbeiten.

Können die Menschen nicht dorthin gehen, wo es Jobs gibt?

Dies tun laut Volkswirt Brzeski vor allem jene, die besonders gut oder besonders schlecht ausgebildet sind. Denn Hochqualifizierte hielten ohnehin nach gut bezahlten Jobs zum Beispiel bei internationalen Firmen Ausschau. Wer an Ausbildung und Sprachkenntnissen wenig vorzuweisen hat, nimmt auch einfache Arbeit im Ausland an, wenn er daheim nichts findet.

Wie geht es weiter auf dem europäischen Arbeitsmarkt?

"2013 wird sicher noch extrem schwierig", meint Carsten Brzeski. Frühestens im kommenden Jahr würden die Arbeitslosenzahlen stagnieren, vielleicht sogar beginnen zu sinken. Doch er bleibt vorsichtig: Unsicher bleibe, ob die Bevölkerung in den Krisenstaaten die Sparpolitik weiter dulde und ob die EU Finanzmärkte und Investoren bei der Stange halte.

Martina Herzog und Ansgar Haase, DPA / DPA