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Auftritt in Tulsa Trumps großes Comeback wird zum Sinnbild seiner Krise

Vor dicht stehenden Anhängern wollte Donald Trump seinen Wahlkampf durchstarten
Vor dicht stehenden Anhängern wollte Donald Trump seinen Wahlkampf durchstarten
© Tyler Tomasello/ / Picture Alliance
Der große Auftritt in Tulsa sollte Trumps Siegeszug einläuten. Doch trotz Millionen erwarteter Anhänger wurde der Auftritt zum katastrophalen Signal. Und das Schlimmste könnte noch kommen.

Was hatte sich Donald Trump nicht alles von dem Wahlkampf-Auftakt in Tulsa, Oklahoma erhofft. Mehr als eine Millionen Anmeldungen habe es gegeben, kündigte sein Team an, es werde eine "wilde Party", versprach Trump. Die größte Versammlung in den USA seit dem Beginn der Corona-Krise sollte der Auftakt zu einem Siegeszug werden, der in einer zweiten Amtszeit des Präsidenten enden würde. Doch wenn Tulsa tatsächlich etwas über Donald Trumps Wahlaussichten aussagt, fallen die ziemlich katastrophal aus.

Denn die Realität sah deutlich anders aus als das Bild, das Trump und sein Team vorher zeichneten. Obwohl die Halle in Tulsa mit 19.000 Menschen für die angekündigten Massen viel zu klein gewesen wäre, war sie gestern Abend laut Medienberichten nicht einmal zur Hälfte gefüllt. Dass Trump tatsächlich mit deutlich mehr Personen gerechnet hatte, zeigte das geplante Außenprogramm. In einem riesigen abgesperrten Areal sollten alle, die es nicht in die Halle geschafft hatten, die Rede auf Leinwänden sehen können, der Präsident und sein Vize Mike Pence sollten draußen jeweils eine weitere Rede halten. Trump soll geschäumt haben, als die Zusatzreden wegen zu wenigen Teilnehmern abgesagt werden mussten, berichtet die "New York Times".

Hochgetriebene Ticket-Zahlen

Einer der Gründe für die Fehleinschätzung sollen Gruppen von Kpop-Fans bei Tiktok und anderen sozialen Netzwerken gewesen sein. Sie hatten sich gegenseitig dazu aufgestachelt, die kostenlosen Tickets zu reservieren, um so die Zahl der erwarteten Besucher nach oben zu treiben. "Meine Tochter hat über 100 Tickets und sogar ein Upgrade auf einen Sitzplatz bekommen", berichtete etwa ein Twitter-Nutzer. Und die Idee scheint Erfolg gehabt zu haben.

Die Signalwirkung, die von der halbleeren Halle ausgeht, ist besonders deshalb so dramatisch, weil der Ort der Rede von Trump sehr bewusst gewählt wurde. Oklahoma ist eine Republikaner-Hochburg, hier hatte Trump bei der Wahl 2016 fast zwei Drittel der Stimmen geholt. Eine sichere Bank, würde man meinen. Der perfekte Start also, um mit einem gigantischen Auftakt die weiteren geplanten Veranstaltungen quer durchs Land anzufeuern.

Doch genau das ging nun nach hinten los. Selbst der extrem Trump-freundliche "Drudge-Report" meldete: "MAGA less mega", also dass die Kampagne längst nicht so groß war, wie angekündigt. Wenn selbst die zurecht oft für ihren Pro-Trump-Spin verschriene, sehr rechte Seite das so hart schreibt, dürfte das dem Präsidenten und seinem Team sehr zu denken geben.

Selbstdarstellung statt Strategie

Auch die Inhalte der knapp anderthalb-stündigen Rede selbst dürfte höchstens seine größten Fans begeistern und keine neuen Anhänger generieren. Ganze zwölf Minuten verschwendete Trump darauf, in allem Detailreichtum seinen schwankenden Gang auf einer Rampe vor einigen Wochen zu erklären. Dann führte er vor, dass er durchaus ein Wasserglas mit einer Hand halten kann. Auf den symbolträchtigen Ort - in Tulsa wurden im Mai 1921 Hunderte Schwarze brutal ermordet - ging er genausowenig ein, wie auf die aktuelle Debatte um den Polizeimord an George Floyd. Stattdessen gab es wie immer Angriffe auf die "Fake News Media" und viel Eigenlob für sein aus seiner Sicht großartiges Management der Corona-Krise.

Dabei wird genau dieses Management langsam aber sicher zu Trumps größtem Problem. Mit der Entscheidung, den Fokus trotz weiter steigender Fallzahlen auf die Wiedereröffnung der Wirtschaft statt auf die Bekämpfung der Pandemie zu legen, scheint Trump auch bei seinen eigenen Republikanern nicht so recht punkten zu können. Nachdem seine Zustimmung im April auf den höchsten Wert seit kurz nach dem Amtsantritt im Januar 2017 gestiegen war, bricht sie laut Umfragediensten wie "Fivethirtyeight" in den letzten Wochen rasant ein. Selbst zu Zeiten des Impeachments-Verfahren hatte Trump mehr Zustimmung.

Kulturkampf um Corona

Und die könnte bald noch weiter sinken. In den USA wird das Thema Corona immer mehr zu einem Kulturkampf, in dem sich vor allem die Anhänger der Republikaner gegen die Schutzmaßnahmen wie das Tragen von Masken wehren. Das hat die paradoxe Folge, dass die Anhänger des Präsidenten von seiner Politik am meisten betroffen sind. Trump gießt durchaus Öl in dieses Feuer. In seiner Rede schlug er etwa vor, die Anzahl an Corona-Tests zu verringern - um so die Zahlen niedrig zu halten. Der von den Anhängern bejubelte Vorschlag dürfte darauf abzielen, die offiziellen Zahlen vor der Wahl sinken zu lassen.

Auf Dauer könnte die Strategie aber den gegenteiligen Effekt haben: Die Coronazahlen steigen in den USA vor allem in republikanisch regierten Bundesstaaten steil an. Und betreffen Trumps Wählerschaft damit überproportional. Und auch das aktuelle Wahlkampfevent hat jedes Potential, diese Zahlen nach oben zu treiben. Auch wenn die Millionen von Besuchern nicht erreicht wurden, war es die größte öffentliche Veranstaltung seit Beginn der Krise, die Besucher reisten laut Medien vor Ort oft auch über längere Strecken an. Und gleich sechs Mitglieder von Trumps Wahlkampfteam waren kurz zuvor positiv auf das Virus getestet worden. Da die Menge bei der Rede dicht an dicht stand und fast keine Masken zu sehen waren, würde also schon eine kleine Anzahl an Infizierten reichen, um das Virus noch weiter zu verbreiten. Und das dürfte Trumps Wiederwahlchancen sicher nicht erhöhen.

Quellen:New York Times, FiveThirtyEight


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