HOME

U-Boot-Drama: Tragödie erschüttert die stolze Seemacht Indien

Indien feiert sich als neue Seemacht. Doch neben einigen Vorzeigeprojekten geht tatsächlich wenig voran. Das Geld fehlt, die Planung und auch die Technologie. Da trifft die Marine ein schwerer Schlag.

Kurz nach Mitternacht erschüttert eine gewaltige Explosion den wichtigsten Marinehafen Indiens. Ein Feuerball steigt über dem U-Boot "Sindhurakshak" auf, riesige Rauchwolken sind zu sehen. Dann sinkt das Schiff an seinem Anlegeplatz auf den Hafengrund - mit 18 Marinesoldaten, die im Inneren gefangen sind. Verteidigungsminister A.K. Antony nennt es "die größte Tragödie der jüngeren Zeit".

Es ist auch ein Unglückstag für die indische Marine, die sich gerade anschickte, zu einer neuen Seemacht aufzusteigen. Erst am Montag war der erste Flugzeugträger vom Stapel gelassen worden, den das Land selbst gebaut hat. Am Wochenende ging das erste in Indien entwickelte U-Boot in Betrieb, das nuklear betrieben wird und auch Atomraketen abfeuern kann - damit steigt Indien nach Expertenansicht langsam in die Riege der Großen auf. Auf den Weltmeeren sind die US-Amerikaner dominant, daneben spielen Großbritannien, Frankreich, Russland, China und Japan wichtige Rollen.

Doch bei allen Vorzeigeprojekten machen Analysten wie Ranjit Rai auch auf die großen Probleme in den indischen Streitkräften aufmerksam. So sei die nun gesunkene "Sindhurakshak" eines von nur fünf oder sechs U-Booten gewesen, die derzeit wirklich einsatzfähig waren. Der Rest der 15 Unterseeboote starken Flotte - darunter auch vier aus deutscher Produktion - verfüge nicht über Geschosse, um bis in 160 Kilometer Entfernung Ziele an Land und auf See zu treffen. Außerdem sind die meisten der U-Boote in den Achtzigern und Anfang der Neunziger gebaut worden und veraltet: Sie müssen oft auftauchen und ihre Batterien laden.

Langsame Modernisierung

Die indische Marine solle bald 160 Schiffe umfassen, darunter 90 Kampfschiffe, war 2006 groß geplant worden. Doch nach Angaben des Verteidigungsexperten Gurmeet Kanwal kommt die Erneuerung und Erweiterung der Streitkräfte nicht so richtig voran. "Die Modernisierung geschieht nur langsam: aufgrund nicht ausreichender Finanzierung, verschobener Entscheidungen und einer Industriebasis, die niedrig-technologisch ist", schreibt Kanwal für das National Bureau of Asian Research.

Selbst der Verteidigungsminister hatte vor einigen Jahren zugegeben, die Modernisierung hinke 15 Jahre hinterher. Der Flugzeugträger - das Prestigeprojekt - sollte eigentlich 2014 in Dienst gehen; nun wird er frühestens 2018 einsatzfähig sein.

Die meisten großen Bauvorhaben der Marine liegen hinter dem Zeitplan und über dem Budget. Das Rechnungsprüfungsamt schreibt in seinem Bericht von "unrealistischen Zustimmungen", "unzureichender Infrastruktur" und grundsätzlichen Managementfehlern.

Es muss bei Null angefangen werden

Eigentlich würden die Seestreitkräfte nicht stärker, sondern stagnierten seit Jahren. "2012 wird die indische Marine wohl nur 61 Prozent der vorgesehenen Fregatten, 44 Prozent der Zerstörer und 20 Prozent der Korvetten haben", schrieben die Prüfer 2011. In einem anderen Bericht bemängelten sie, dass die Kampfflugzeuge des Typs MiG-29K, die irgendwann vom Flugzeugträger starten sollen, wegen einer falschen Vorgehensweise ohne Waffen geliefert worden seien, was "die Einsatzfähigkeiten der Flugzeuge ungünstig beeinflusst".

Der Direktor des Instituts für Frieden und Konfliktforschung in Neu Delhi gibt zu, das die Fähigkeiten der Marine derzeit noch gering sind. "Aber die Absicht ist da", sagt D. Suba Chandran. Der Flottenausbaus möge derzeit noch langsam vorangehen. Das liege aber auch daran, dass technisch vielerorts von Null begonnen werden musste. "Im Jahr 2020 bis 2025 werden wir soweit sein."

Doreen Fiedler/DPA / DPA